IPCC verschärft Warnungen vor Erderwärmung | Wissen & Umwelt | DW | 27.09.2013
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Wissen & Umwelt

IPCC verschärft Warnungen vor Erderwärmung

Im neuen Bericht warnt der Weltklimarat eindringlichst vor einer Erderwärmung mit verheerenden Folgen. Danach steigt der Meeresspiegel schneller als gedacht, Hitzewellen drohen, alles könnte aus dem Ruder laufen.

Die Geheimniskrämerei ist zu Ende. Seit Montag (23.09.2013) hatten sich Forscher und Regierungsvertreter aus den 195 UN-Staaten hinter verschlossenen Türen verschanzt und brachten einen 1000 seitigen Bericht in eine Kurzfassung mit den wichtigsten Kernaussagen. Jetzt wurden sie veröffentlicht. Die Tendenz: Alles ist schlimmer als 2007, die Prognosen noch pessimistischer als damals.

Laut Weltklimarat (IPCC) soll der Mensch zu 95 Prozent schuld am Klimawandel sein - bei der letzten Veröffentlichung 2007 waren es 90 Prozent. Der Grund: Der Mensch produziert Unmengen an CO2 und dieses Treibhausgas heizt unsere Atmosphäre auf. CO2 steigt kontinuierlich an, erst im März dieses Jahres ermittelte die US-Behörde für Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA einen neuen Spitzenwert.

Auch die Meeresspiegel sollen weiter ansteigen und das schneller als gedacht. Wahrscheinlich um 26 Zentimeter, im schlimmsten Fall um 82 Zentimeter. 2007 war von 18 bis 59 Zentimetern die Rede. "Die Ursachen des Meeresspiegelanstiegs sind jetzt wesentlich besser verstanden als noch vor sechs Jahren", erklärt Klimaforscher Stefan Ramstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, "Messungen zeigen, dass die beiden riesigen Kontinentaleismassen in Grönland und der Antarktis zunehmend Eis verlieren". Durch den Meeresanstieg könnten flache Küstenregionen und Inseln überflutet werden.

Verschärfter Tonfall

Die Erwärmung der Erde wird weiter zunehmen, heißt es außerdem im Bericht. Es gibt unterschiedliche Szenarien, um wie viel Grad die Temperatur ansteigen soll - die Spanne liegt zwischen 1,5 bis 4 Grad. Gleichzeitig warnt der Weltklimarat davor, das so genannte Zwei-Grad-Ziel zu verfehlen, weil es nicht gelinge, diesen Trend zu verlangsamen. Auf den Zwei-Grad-Wert hatte sich die Weltgemeinschaft geeinigt, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern. Jetzt müsse dieses Ziel im Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnisse bis zum Klimagipfel in Paris 2015 noch einmal auf den Prüfstand, sagte UN-Klimachefin Christiana Figueres.

Dürre im Zentraliran

Trockene Regionen werden trockener, feuchte Regionen müssen mit noch mehr Niederschlägen rechnen

Dass die globale Temperatur seit 15 Jahren - entgegen aller Prognosen - nicht mehr angestiegen ist, sei kein Hinweis darauf, dass der Klimawandel weniger dramatisch ausfallen könnte, darin sind sich die allermeisten Klimaforscher einig. Die Erwärmungspause habe höchstwahrscheinlich mit der Wärme-Speicherung der Ozeanen zu tun, sagt Klimaforscher Mojib Latif schon seit einigen Jahren: "Die Tiefsee nimmt derzeit vermehrt Wärme auf. Das führt dazu, dass wir während der letzten 15 Jahre keinen Anstieg der globalen Oberflächentemperaturen gemessen haben, auch wenn sich das Klimasystem insgesamt weiter erwärmt.“

Auch bestimmte Extremwetterphänomene wie Hitzewellen, Überschwemmungen oder Wirbelstürme könnten in Zukunft verstärkt auftreten. Die IPCC-Wissenschaftler erwarten, dass feuchtere Regionen auf der Welt mehr Niederschläge und trockenere sehr viel weniger bekommen als bislang, sie schränken aber ein: "Es wird Ausnahmen geben." Dieser Satz zeigt: Nichts ist ganz und gar sicher. Alle Szenarien und Modellrechnungen müssen mit einem "höchstwahrscheinlich" oder "vermutlich" versehen werden. Denn das Klima ist hochkomplex. Wissenschafter verstehen die Zusammenhänge zwischen Ozeanen, Meeresströmungen und Atmosphäre zwar immer besser, trotzdem spielen stets Faktoren ins Klimageschehen hinein, die sie in ihren Computersimulationen nicht berücksichtigt hatten. Wie beispielsweise die Kapazität der Ozeane, Wärme zu speichern.

Weltklimarat büßt an Glaubwürdigkeit ein

Deren Wirkung haben die Wissenschaftler in ihren bisherigen Modellen unterschätzt. Erst jetzt erklären sie, dass wegen der enormen Wärmespeicherkapazität der Ozeane die globale Temperatur stagniert. Tatsächlich funktioniert Wissenschaft so, dass Modelle immer wieder angepasst werden, dass Forscher ihre Methoden hinterfragen und korrigieren, um letztendlich zum richtigen Ergebnis zu kommen. Doch die öffentliche Wirkung ist verheerend, wenn zuvor Weltuntergangszenarien mit absoluter Sicherheit verkündet wurden, sagt Klimaforscher Hans Storch im DW-Gespräch: "So verspielen wir letztendlich unsere Glaubwürdigkeit."

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Gibt es die Erderwärmung wirklich?

Es sind auch solche Unsicherheiten, die den Weltklimarat seit einiger Zeit weniger glaubwürdig dastehen lassen. 2007 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Damals galt er als unbestechliche, glaubhafte Instanz, der das Wohl der Erde am Herzen liegt. Seitdem erschütterten einige Skandale die Weltklimabehörde. Unter anderem stellte sich eine Studie zur Gletscherschmelze als absurde Fehlprognose heraus. Außerdem wurde bekannt, dass Lobbyisten aus Umweltverbänden am Weltklimabericht mitgearbeitet hatten.

Die Folge: Immer mehr Menschen scheinen die Angst vor dem Klimawandel und seinen Folgen zu verlieren. "Nur noch 39 Prozent der Deutschen 'fürchten' den Klimawandel, vor ein paar Jahren waren es noch über 60 Prozent", beklagte Meteorologe Sven Plöger beim Extremwetterkongress in Hamburg. Diese Entwicklung sei für ihn besorgniserregend, denn dass es den Klimawandel gäbe, sei unter Wissenschaftlern unbestritten.

Auch EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard sieht den neuen IPCC-Bericht als ernsten Weckruf: "Es geht nicht darum, ob man an den Klimawandel glaubt oder nicht. Es geht darum, ob man sich an die Wissenschaft hält oder nicht. An dem Tag, an dem alle Wissenschaftler Sie mit hundertprozentiger Sicherheit vor dem Klimawandel warnen, wird es zu spät sein."

Der IPCC-Bericht enthält keine Handlungsempfehlungen für Politiker. Es ist ausschließlich eine Zusammenfassung der wichtigsten wissenschaftlichen Studien zum Klima, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Die Konsequenzen daraus, beispielsweise in Energiefragen, müssen die Politiker selbst ziehen. Er dient als Grundlage für den Mitte November anstehenden Klimagipfel in Warschau.

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