Intimpiercing als Kompensation | Wissen & Umwelt | DW | 20.08.2019
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Body-Modification

Intimpiercing als Kompensation

Ein Piercing an den Schamlippen, am Penis oder am Hoden? Immer mehr Menschen finden Gefallen daran. Aber es ist nicht nur sehr schmerzhaft, es kann auch schlimme Folgen haben.

Piercing-Ring in der Brustwarze eines Mannes (Getty Images/AFP/M. Bureau)

Brustwarzenpiercing als Verschönerung

Ein Glitzersteinchen im Bauchnabel oder ein kleiner Ring an der Nase sind schon lange nichts Ungewöhnliches mehr. Sie sind sichtbar, man kann sie hübsch finden oder auch nicht. Piercings sollen attraktiv machen. Das gilt auch für Intimpiercings. "Ein Aspekt ist, wenn Frauen oder Männer unten nicht so aussehen, wie sie gerne möchten und sich dann ein bisschen verschönern wollen", sagt Erich Kasten.

Er ist Professor für Psychologie an der Medical School in Hamburg. In seinem Buch 'Body-Modification' beschäftigt er sich unter anderem damit, was Menschen dazu treibt, ihren Körper durch Piercings massiv zu verändern.

"In Studien hat sich gezeigt, dass gerade Frauen sexuellen Missbrauch mit einem Genitalpiercing kompensieren", erklärt Kasten. "Damit beanspruchen sie ihr Genital für sich selber und verschönern es mit intimen Piercings." 

Im Intimbereich sind Piercings an den Schamlippen am häufigsten. "Problematisch wird es, wenn es dort nässt. Im schlimmsten Fall tritt Eiter aus", erklärt Christiane Bayerl. Sie leitet die Klinik für Dermatologie und Allergologie in Wiesbaden. "Eine gelbe Flüssigkeit tritt aus. Das ist ein Zeichen für eine Entzündung. Es kommt auch zu einer Schwellung und zu Rötungen, aber sie heilen in der Regel gut ab."

Gerade an und um die Schamlippen herum gibt es besonders viele Bakterien, denn in dieser Körperregion ist es warm und feucht. Das sind ideale Bedingungen, damit sich Keime vermehren können und durch ein Piercing können sie in die Haut eindringen. In den meisten Fällen kommt das körpereigene Immunsystem gut damit klar, nicht aber, wenn die Person beispielsweise unter einer Immunschwäche leidet. Kommt es zu Komplikationen, helfen nur noch der Besuch beim Arzt und Medikamente. 

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Das beste Stück des Mannes

Genau wie bei Frauen, sind den zahlreichen Piercingmöglichkeiten auch bei Männern keine Grenzen gesetzt, angefangen bei Ringen, die entlang des Penis angebracht werden bis hin zum Piercing der Hoden . "Es gibt bei Männern auch Piercings, die quer durch die Eichel gehen sowohl vertikal als auch horizontal", erklärt Kasten.

Ein Extrembeispiel ist das sogenannte 'King-George-Piercing': Der Piercer führt einen Ring durch die Eichel und dann durch die Harnröhre", sagt Bayerl. Dabei kann es zu einem geteilten Harnstrang kommen, weil sich der Urin eventuell Nebenwege bahnt", erklärt die Hautärztin, "und es kommt zu Infektionen. Diese maximale Form der Infektion nennt sich Wundrose oder  Erysipel." Bei solchen Krankheitsbildern müssen Mediziner mit Antibiotika-Infusionen therapieren.

Piercingsucht

Mit einem kleinen Piercing im Bauchnabel fängt es vielleicht an, dann kommt das nächste, ein etwas größeres im Intimbereich und dann noch eins und noch eins. "Es gibt definitiv Leute, die süchtig nach Piercings werden." Im Extremfall könnten das schon mal 20 bis 30 Ringe sein, die durch den Hoden gestochen werden, so Kasten weiter. Auch so manche Frau ist nicht gerade zimperlich. "Man kann Ringe durch die kleinen Schamlippen durchziehen, so dass die Schamlippen geweitet werden und es gibt Leute, die das massiv übertreiben", weiß Kasten.  

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Rolf Buchholz aus Dortmund (picture-alliance/dpa)

Piercing kann zur Sucht werden

Bei den meisten steht zunächst die Verschönerung eines Körperteils im Mittelpunkt, es kann aber auch schnell krankhaft werden. Das Stechen von Piercings verursacht mehr oder weniger starke Schmerzen. Um sie zu bewältigen, schüttet der Körper Endorphine aus. Das kann der Beginn einer Sucht sein, auch der Sucht nach Schmerz.

"Der Mensch ist ein Suchtwesen", sagt Kasten. "Macht uns etwas Spaß, wollen wir immer mehr davon." Wenn Menschen, die viel Frust erlebt haben etwas finden, das ihnen Erfüllung bringt, ist das häufig der Beginn einer Sucht. Tätowieren und Piercings werden so zur Droge. Dann geht es von einem Extrem zum anderen. So ist auch der Trend zur Zungenspaltung zu erklären. 

Mit gespaltener Zunge

Piercings an Augenbrauen, Brustwarzen, der Nase oder den Wangen sind Alltag für Piercer. Auch Zungenpiercing gehört dazu. Dabei wird ein Kanal in der Mitte der Zunge gestochen und ein sogenanntes Barbell vertikal eingesetzt. Meist ist das ein Stab mit einer kleinen Kugel an jedem Ende. Das Muskelgewebe der Zunge ist sehr weich, die Schmerzen offenbar erträglich. Aber bei einem frisch gesetzten Zungenpiercing könnten die Gepiercten zunächst einmal nicht essen, sagt Kasten. Aber Zungenpiercing sei im Moment kaum noch gefragt, dafür aber eine wesentlich invasivere Art der Body-Modification: die Zungenspaltung. 

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Schlangenzunge (Imago Images/imagebroker)

Bei der Zungenspaltung wird die Zunge am vorderen Ende geteilt und bekommt dadurch ein schlangenähnliches Aussehen

Eine gespaltene Zunge wirkt schlangenhaft und ist vor allem bei Anhängern der Gothickultur beliebt. Die Zunge wird dabei in zwei Hälften geteilt. Da Ärzte das nicht durchführen, spalten sich viele ihre Zunge selbst oder bitten jemand anderen, das zu tun. Meist sind diese Menschen auf der Suche nach etwas neuerem, etwas anderem als bloßem Piercing, nach dem neuesten Kick eben.

Lustgewinn durch Schmerz

Viele Studien beschäftigen sich damit, ob Leute, die sich einer Body-Modifizierung unterziehen, psychisch gestört sind. "Vor allen Dingen, wenn sie besonders viele Piercings haben, kann unter Umständen auch eine psychische Störung dahinter stecken oder eine sexuelle Abweichung", sagt Kasten. Das seien auch durchaus Gruppen aus dem sado-maso Bereich. "Die Frage ist, ob man Sadismus und Masochismus als psychische Störung deklariert." Man müsse Grenzen ziehen, bis zu welchem Ausmaß es spielerisch sei. 

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Galerie - Symbolbilder Persönlichkeitsstörung (Colourbox)

einige Menschen setzen sich ihre Piercings selbst, darunter auch solche mit Borderline-Syndrom

Gefährlicher kann es bei Personen werden, die mit Borderline-Persönlichkeitsstörung leben und zu selbstverletzendem Verhalten neigen. "Diese Leute fangen dann an, sich die Piercings selbst zu stechen. Sie haben ja keine Hemmungen, sich mit der Rasierklinge oder etwas ähnlichem zu verletzen. Sie haben also auch keine großen Hemmungen sich Piercings selbst zu stechen. Es ist ja gerade der Schmerz, um den es geht. Der Schmerz hilft ihnen und ist eine Art Therapie, um beispielsweise aus einer düsteren Stimmung rauszukommen und Druck wegzunehmen", fasst Kasten zusammen.

Weg frei für Infektionskrankheiten

Mit Intimpiercings geht ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten einher. Übliche Schutzmaßnahmen wie die Verwendung eines Kondoms, funktionieren nicht mehr, weil das Kondom eventuell durch das Piercing beschädigt wird. Bei Menschen, die im Genitalbereich gepierct sind, können kleinste Verletzungen auftreten, beispielsweise durch einen Piercingring. An diesen Stellen kann es dann leichter zu Blutungen und Infektionen kommen. Geschlechtskrankheiten wie HIV oder Gonorrhoe können leichter  übertragen werden.

Langzeitfolgen

Statistisch gesehen sind bisher wenige Langzeitfolgen bekannt. In Einzelfällen kann es jedoch zu Nervenverletzungen kommen und zu Infektionen, die nicht unmittelbar nach dem Piercing auftreten, sondern wesentlich später.

"Wenn diese nicht rechtzeitig behandelt werden, kann die bakterielle Besiedlung über die Blutstrombahn abwandern und dann zu ganz dramatischen Komplikationen führen", gibt Bayerl zu bedenken. "Dazu gehört etwa eine Endokarditis, also eine Entzündung am Herzen, oder sogar Hirnabszesse. Solch extreme Folgen sind aber selten." 

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Piercing-Ringe (Getty Images/AFP/J. Guez)

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Gutes Studio – schlechtes Studio

Damit beim Piercing möglichst wenig schiefgeht, ist es wichtig, ein gutes Studio zu suchen, mit einem erfahrenen Piercer, auch wenn das vielleicht etwas mehr kostet. Es gebe noch immer Hinterhof-Piercer, die das Ganze bei sich im Wohnzimmer machten, sagt Kasten. "Aber es gibt natürlich auch sehr professionelle Studios. Sie sehen fast genauso aus wie eine Arztpraxis. Die Piercer arbeiten mit sterilen Handschuhen, für jeden Kunden werden neue Laken über die Liege gelegt." Das sind einige Dinge, die ein gutes und professionelles Studio ausmachen.

Dazu gehört auch, dass sie darauf achten, wie alt die Piercing-Willigen sind. Grundsätzlich gilt das Piercing genauso wie das Ohrloch-Stechen als Körperverletzung. Sie bleibt nur deshalb straffrei, weil die betroffene Person dem in der Regel zugestimmt hat. Die Deutsche Gesellschaft für Piercing lehnt den Eingriff bei Teenagern unter 14 Jahren grundsätzlich ab. Danach müssen die Eltern zustimmen und sollten auch  beim Vorgespräch dabei sein, wo sie über Risiken und Folgen des Eingriffs informiert werden. 

Gerade bei Teenagern steigt die Zahl derer, die ein Piercing möchten und die diese schmerzhafte Prozedur über sich ergehen lassen. Bei ihnen steckt oft Gruppenzwang dahinter, manchmal aber auch, dass sie erwachsen wirken oder sich von der Masse abheben wollen. Das wird allerdings schwieriger, je mehr diesen Trends folgen.

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