Internationaler Literaturpreis für ″Die jüngste Tochter″ | Kultur | DW | 30.06.2021
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Auszeichnung

Internationaler Literaturpreis für "Die jüngste Tochter"

In Fatima Daas' Roman geht es um die Identitätssuche einer jungen Frau, die als gläubige Muslimin ihre Homosexualität als Sünde empfindet.

Portrait von Fatima Daas, Autorin von Die jüngste Tochter.

Fatima Daas wird für ihren Debütroman geehrt

Ich heiße Fatima Daas.
Ich bin die Mazoziya.
Die jüngste Tochter.
Die, auf die niemand vorbereitet ist (...)

"Fatima Daas" ist das Pseudonym der 1995 geborenen Autorin und der Name ihrer Protagonistin, die durch "Die jüngste Tochter" führt. Der autofiktionale Roman spielt in Clichy-sous-Bois, der unglamourösen Pariser Vorstadt - dort, wo 2005 die Autos brannten, dort, wo sich die jungen Leute von der Politik vergessen fühlen. Dort wird Fatima Daas groß.

Um zur Uni zu kommen, verbringt sie täglich "drei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln" und beobachtet dort heimlich ihre Mitreisenden: die weißen Anzugträger, die es nicht für nötig halten, die Einstiegsbereiche freizugeben; die Mütter, die wütende Blicke für ihre plärrenden Kinder ernten; die jungen Leute, die geschäftig in ihr Handy schnattern. Fatima fühlt sich dieser Welt nicht zugehörig. Dafür entdeckte sie dieses Gefühl der Verbundenheit in ihrer Religion, als sie mit acht Jahren zum ersten Mal den Ramadan befolgte. 

"Fatima - der Name der jüngsten Tochter des Propheten"

Buchcover | Die jüngste Tochter von Fatima Daas.

Der Roman war ein Überraschungserfolg in Frankreich

In ihrer algerischen Familie ist Fatima die Einzige, die in Frankreich geboren ist. Ihr Arabisch ist nicht sonderlich gut, bei Familienfesten muss ihre Mutter nachübersetzen. Fatima schämt sich dafür. Ohnehin schämt sie sich für so vieles in ihrem Leben - allem voran für ihre Homosexualität. Dass sie auf Frauen steht, ist ihr schon seit ihrer Schulzeit klar. Mit 25 lernt sie Nina kennen, verliebt sich. Die Protagonistin empfindet sich als Sünderin und möchte sich nicht vom Islam abwenden - auch wenn ihre Religion ihre sexuelle Orientierung verdammt.

Ich heiße Fatima.
Ich trage den Namen einer heiligen Figur des Islam.
Ich trage einen Namen, den ich ehren muss.
Einen Namen, den ich beschmutzt habe. (...)

Dieser Gewissenskonflikt steht im Zentrum von Daas' Debütroman: "Ich habe als Teenager festgestellt, dass ich noch nie eine Geschichte über eine maghrebinische, lesbische, muslimische Frau gelesen hatte. Als würde es so etwas nicht geben", erzählt die Autorin im Gespräch mit der DW. Jahrelang habe sie selbst das Gefühl gehabt, man stelle sie vor die Wahl: lesbisch oder gläubig. Ihre Romanfigur und der Roman selbst zeigen jetzt: "Ich werde nicht wählen. Es ist möglich, beides zu sein. Ich existiere, also ist es möglich", so Daas.

Ihr Roman hat viele autobiografische Züge, aber Protagonistin und Autorin sind nicht miteinander zu verwechseln: "Ich habe diese Figur erschaffen und dann habe ich mich ihr genähert, um mich neu zu erfinden und sie so gut wie möglich zu verkörpern", berichtet die Autorin über den Entstehungsprozess von "Die jüngste Tochter".

Authentisch und glaubwürdig

In Frankreich wird der Roman von Kritikern wie Lesern gleichermaßen gefeiert. Daas hat der jungen Generation mit Migrationshintergrund eine neue Stimme gegeben. Sie macht aufmerksam auf den Alltagsrassismus in Frankreich, etwa als der Spanischlehrer der Protagonistin anzweifelt, dass sie die tadellosen Hausaufgaben selbst gemacht hat. Dabei ist Daas' Stimme glaubhaft und authentisch. Sie lässt ihre Figuren reden wie die Vorstädter auf der "falschen" Seite des Périphérique, der Autobahn, die wie eine Mauer das Pariser Zentrum abgrenzt, ist dabei aber niemals herablassend oder wertend.

Gleichzeitig erhalten die Lesenden Einblicke in das komplexe Innenleben der Protagonistin, die - obwohl in der Ich-Form verfasst - beobachtend und teilweise sehr trocken über die Gewalt in ihrer Familie, ihr polygames Sexleben und ihren konstanten Gewissenskonflikt berichtet. 

Ein fragmentarischer Stil für eine "fragmentierte" Identität

Übersetzerin Sina de Malafosse im Portrait.

Sina de Malafosse lebt als freie Übersetzerin in Toulouse

"Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Text sehr flüssig erscheint. Das Endergebnis ist sehr geschmeidig, aber im Detail habe ich bemerkt, dass es sehr viele Rhythmusänderungen gibt", so Übersetzerin Sina de Malafosse im Gespräch mit der DW. "Plötzlich klingt es wie ein Rap-Song, dann ist es ein Gebet. Dann ist es wieder ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter oder zwischen zwei Freundinnen." Die Herausforderung habe darin bestanden, "nicht irgendetwas glatt zu machen, was einfach nicht glatt ist", so die in Toulouse lebende Deutsche weiter.

In ihrem Text experimentiert Daas mit verschiedenen Erzähltechniken und schreibt non-linear. Die Sätze sind knapp, klingen manchmal wie dahingespuckt: "Jedes Wort dieses autofiktionalen Romandebüts zeugt von der Unerschrockenheit und verletzlichen Offenheit der Erzählerin", so die Jury des Internationalen Literaturpreises, die jetzt Autorin und Übersetzerin ausgezeichnet haben. "Fatima Daas Worte sind so präzise und kraftvoll gesetzt, weil sie weiß, dass sie ihrer Worte bedarf, um eine Welt zu entwerfen, in der sie leben will", heißt es weiter in der Begründung. 

Ein Preis für eine gemeinsame kreative Leistung

Der Internationale Literaturpreis für Gegenwartsliteratur in deutscher Erstübersetzung wird jährlich vom Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen vergeben. Das Besondere: Mit 20.000 Euro für die Autoren und 15.000 Euro für die Übersetzer-Arbeit würdigt der Preis die kreative Leistung beider Beteiligten. 

Sina de Malafosse schaffe es, in ihrer Übersetzung Präzision und Sprachspiel zu gleichen Teilen zu bewahren, heißt es weiter in der Jurybegründung. "Sie lässt Worte in ihrer Vieldeutigkeit funkeln, ohne dass sich ihr Sinn in endlosem Spiel verlöre, ohne dass der Erzählerin je die Kontrolle entzogen würde, über all das, was sie sagen will."

Der Preis wurde 2021 zum 13. Mal verliehen. Im Laufe der Jahre hat die Würdigung immer wieder dazu beigetragen, bis dahin noch relativ unbekannten Autorinnen und Autoren in Deutschland eine Stimme zu verschaffen. In diesem Jahr wurde ein beeindruckendes literarisches Debüt geehrt, das brandaktuelle Themen anspricht: (Alltags-)Rassismus, Feminismus sowie sexuelle Selbstbestimmung zwischen Gesellschaft, Religion und Tradition. All das thematisiert Fatima Daas - und das ohne abgedroschen oder belehrend zu wirken.

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