Internationale Jugendbibliothek: Mit Kinderbüchern Brücken bauen | Bücher | DW | 22.09.2019
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Bibliotheksgeschichte

Internationale Jugendbibliothek: Mit Kinderbüchern Brücken bauen

Die weltweit größte Kinder- und Jugendbibliothek befindet sich in München. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie von einer jüdischen Autorin gegründet. Die Bücher sollten als "Friedensboten" dienen.

Von einer "Pflanzstätte des Friedens", einer "Schule der Menschlichkeit", schwärmte der Schriftsteller Hellmut von Cube, als die Internationale Jugendbibliothek in München (IJB) 1949 ihre Tore öffnete. Sie residierte in einer verwunschenen Villa und umfasste 8000 Bücher für Kinder und Jugendliche. Das Besondere: Sie stammten aus 14 Ländern.

Es mutet wie eine Mischung aus Geschenk und Wunder an: Nach Bomben, Pogromen und Nazi-Propaganda während des NS-Regimes eröffnete ausgerechnet eine jüdische Autorin, Jella Lepman, auf deutschem Boden diesen Ort der Toleranz für andere Kulturen. "Der Hunger auf Bücher aus dem Ausland war enorm", sagt Christiane Raabe, die heute Direktorin der IJB ist.

Bücher zur Völkerverständigung

Um die Geste zu verstehen, muss man sich in die Zeit zurückversetzen. Die deutschen Kinder hatten so gut wie keine Bücher mehr. Unter Hitler war die internationale Kinder- und Jugendliteratur verbannt worden, die Kriegsverwüstungen taten ihr übriges. 

Der Zweite Weltkrieg hatte die meisten Bildungsinstitutionen zerstört, es mangelte an Gebäuden. Deshalb zog die IJB provisorisch in eine leerstehende Villa in Schwabing ein. Jella Lepman gelang es im Verbund mit der amerikanischen Besatzungsmacht, ihre Vision von Reeducation durchzusetzen. Dahinter stand die Idee mittels Bildung und Völkerverständigung, Deutschland in einen friedlichen und demokratischen Staat umzuformen. Bücher wie "Pipi Langstrumpf" von Astrid Lindgren sollten nach Auffassung von Lepman dabei helfen.

14 Länder - darunter Japan, die USA und Frankreich - spendeten Kinder- und Jugendbücher und schickten sie nach München. "Jella Lepman hat Briefe an die Verlage geschrieben und die Idee dargelegt, eine 'Kinderbuchbrücke' aufzubauen." Intellektuelle, Journalisten, Wissenschaftler und natürlich die Kinder und Jugendlichen kamen in Scharen zum Lesen. "Eine Ruheinsel inmitten der Trümmerlandschaft", sei entstanden, sagt Raabe. Auf Fotos sieht man Kinder barfuß auf dem Boden liegen und in Büchern blättern. Sie durften ihre Bibliothek "mitgestalten". Es wurde dort gemalt und Theater gespielt. Auch unter der Anleitung des Kinderbuchautors Erich Kästner.

Erich Kästner (picture-alliance/dpa)

Erich Kästner unterstütze den Aufbau der Kinder- und Jugendbibliothek in München

Manifest für die Bibliothek: Kästners "Konferenz der Tiere" 

Der Schriftsteller veröffentlichte im selben Jahr - inspiriert von Jella Lepman - seinen Klassiker "Konferenz der Tiere". Ein Buch, das geradezu wie ein Manifest für die neue Bibliothek wirkt. Es handelt davon, wie Kinder gemeinsam mit ihren Freunden, den Tieren, die Welt regieren, weil die Erwachsenen dazu nicht in der Lage sind. "Die Hoffnung war, dass die Kinder, die keine moralische Schuld trugen, noch geformt werden konnten im Sinne von internationalem Denken und Versöhnen", so Raabe.

Jella Lepman sei von der Idee zutiefst überzeugt gewesen, dass in Frieden und Freiheit erzogene Kinder und Jugendliche eine freie und bessere Weltordnung aufbauen würden. Bücher sollten dabei als "Friedensboten" dienen.

Die Sowjetunion steuerte zunächst keine Literatur bei. Ihnen war die Unterstützung Lepmans, die mit der amerikanischen Besatzungsmacht zusammenarbeitete, suspekt. Die Haltung der Sowjetunion änderte sich erst Ende der 1950er Jahre. Ein neuer Direktor, Walter Scherf, konnte erstmals Literatur osteuropäischer Länder in die Bibliothek integrieren.

Aus 8000 wurden 650.000 Bücher

25.000 historische Bände übergab 1969 auch die Unesco aus der ehemaligen Bibliothek des Völkerbunds in Genf, und der Hamburger Karl-Heinz Schulz vermachte der Bibliothek 1984 seine Sammlung von 12.000 Abenteuerbüchern. Erweitert wurden die Bestände um Autorennachlässe, etwa von James Krüss oder Hans Baumann. Außerdem stiften bis heute Verlage ihre Kinder- und Jugendbuchproduktionen. 650.000 Bücher in Originalsprache aus 28 Ländern befinden sich heute im Archiv. Die meisten von ihnen werden heute nur noch an Forscher und Ausstellungsmacher ausgeliehen.

Schloss Blutenburg als Sitz der Jugendbibliothek München (picture-alliance/dpa/blickwinkel/allOver/TPH)

Die Bibliothek residiert heute auf Schloss Blutenburg

Drei Säulen der Literaturvermittlung

Als Ende der 1980er Jahre die IJB in eine Krise geriet, weil sie die zentral gelegene Villa in Schwabing aufgeben musste und an den Rand von München in das Schloss Blutenburg umzog, kam es zu einer Neuaufstellung. Eine Stiftung, initiiert von der Verlegerin Christa Spangenberg, sorgte für neue "Wirkkraft". Eine Säule ist die Forschung: "Wir sind eine Spezialbibliothek, keine Stadtbibliothek", sagt Raabe. "Die Bücher werden als Teil des Weltkulturerbes gesammelt."

Außerdem gibt es Literaturveranstaltungen, Lesungen, Festivals. "Wir empfehlen Bücher, regen Übersetzungen an, laden Autoren ein." Natürlich gibt es auch eine internationale Kinderbibliothek in 28 Sprachen, in der Bücher ausgeliehen werden können. Die dritte Säule ist die außerschulische Bildung. "Sie besteht in der Kooperation mit Kindergärten, Schulen und Universitäten. Es gibt Erzählnachmittage, Malstudios und einen Buchverleih."

Heute geht es darum, das Lesen gegenüber digitalen Medien konkurrenzfähig zu machen. Ein Rezept, Kindern und Jugendlichen den Spaß am Buch zu erhalten, hat Raabe indes nicht. "Lesen darf nicht nur an Leistung gekoppelt sein. Wenn die Kinder ins Schloss kommen, dann wird nicht gelernt, sondern gelesen - eine Form der Welterkundung."

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