Institute: Aufschwung schon absehbar | Wirtschaft | DW | 12.12.2019
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Konjunktur

Institute: Aufschwung schon absehbar

Dellen beim Export, kriselnde Schlüsselindustrien, Handelsbeschränkungen - doch mittelfristig wird die deutsche Wirtschaft das wegstecken, meinen gleich drei Wirtschaftsinstitute.

Das Münchener Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo erwartet ungeachtet der schwachen Weltkonjunktur keine Rezession in Deutschland. "Derzeit ist eine gesamtwirtschaftliche Rezession unwahrscheinlich", sagte Konjunkturchef Timo Wollmershäuser am Donnerstag in Berlin. Für 2020 sei mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 1,1 Prozent zu rechnen, nach 0,5 Prozent im zu Ende gehenden Jahr. "Für 2021 sehen wir jetzt sogar 1,5 Prozent, ein Zehntelpünktchen mehr, als wir bislang dachten", sagte der Experte.

Allerdings bleibe die deutsche Konjunktur gespalten. Die auf den Binnenmarkt orientierten Dienstleister und Bauunternehmen dürften weiter wachsen, während sich die exportabhängige Industrie nach wie vor in einer Rezession befinde. "Der von den USA ausgehende Handelskonflikt belastet den Warenaustausch und die Investitionen", sagte Wollmershäuser.

Das treffe die deutsche Industrie besonders hart, "da sie auf Vorleistungs- und Investitionsgüter spezialisiert ist." Auch stehe die Autobranche, eine der deutschen Schlüsselindustrien, vor besonderen Herausforderungen.

Die Industrie als Bremsfaktor

Diese schwierige Lage in der Industrie belastet auch nach Ansicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) die unternehmensnahen Dienstleistungen und bremst die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Das IfW sieht aber ebenfalls einen Aufschwung der Gesamtwirtschaft voraus, im Gegensatz zu den Münchener Kollegen aber erst 2021. Das geht aus ihrer am Donnerstag veröffentlichten Konjunkturprognose hervor.

"Zunächst kriecht die Wirtschaft aber in das neue Jahr", sagte der IfW-Konjunkturforscher Stefan Kooths. Im kommenden Jahr sei mit einem Wachstum von 1,1 Prozent zu rechnen, 2021 dann mit 1,5 Prozent. Im laufenden Jahr werde das Wachstum 0,5 Prozent betragen.

Getrieben wird die aktuelle Schwäche durch die Rezession in der Industrie. Die normale Auslastung wird dort unterschritten, die Investitionen nehmen nach der Prognose im nächsten Jahr um 1,1 Prozent ab. Das hat viel mit einem schwächer wachsenden Export zu tun.

Manager steht Wasser bis zum Hals (picture-alliance/Chromorange/Bilderbox)

Durchhalten! Es ist ungemütlich, es ist durchaus auch gefährlich - aber das rettende Ufer ist wohl schon in Sicht.

„Wirtschaft braucht kein Konjunkturprogramm"

Dagegen steht die Binnenwirtschaft, die das fast ausgleicht. So werde die Bauwirtschaft durch extrem günstige Finanzierungsbedingungen unvermindert befeuert und investiert kräftig. Der private Konsum profitiere von Einkommenshilfen seitens der Finanzpolitik und einer nach wie vor robusten Entwicklung am Arbeitsmarkt und legt um 1,5 Prozent in diesem und dem nächsten Jahr zu, danach um 1,7 Prozent.

"Trotz der aktuellen Schwäche braucht die deutsche Wirtschaft kein Konjunkturprogramm", sagte Kooths. "Die Industrierezession hat ihre Ursachen maßgeblich im Ausland und betrifft Produktionsbereiche, die auf staatliche Nachfrageprogramme kaum reagieren würden." Mittelfristig spreche viel dafür, sich im Staatshaushalt über die Prioritäten klar zu werden und Investitionen nach oben zu stellen. Dann müssten andere Bereiche zwingend weniger wichtig sein. Die Schuldenbremse stehe dem nicht entgegen.

Mehr Beschäftigung, weniger Arbeitslose

Zu der allmählichen Erholung trägt nach Ansicht des Ifo-Institutes auch die Finanzpolitik bei. "Sie schiebt die Konjunktur an: über Entlastungen bei Steuern und Sozialbeiträgen, über eine Ausweitung staatlicher Transfers und über eine Zunahme der öffentlichen Konsum- und Investitionsausgaben", sagte Timo Wollmershäuser. "Das sind im Jahr jeweils knapp 25 Milliarden Euro, die das Wachstum um etwa einen Viertel Prozentpunkt anheben."

Die Zahl der Beschäftigten wird dem Ifo-Institut zufolge weiter steigen und 2021 den Rekordwert von knapp 45,6 Millionen erreichen. Die Arbeitslosigkeit soll 2021 unter die Marke von 2,2 Millionen sinken.

Im Osten nicht so schlimm

Einen etwas anderen Schwerpunkt haben die Wissenschaftler des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) gewählt und sich auf die Wirtschaft in den östlichen Bundesländern konzentriert. Sie kommen dabei zu dem Schluss, dass die Abkühlung der Weltwirtschaft die Konjunktur in Ostdeutschland weniger hart treffen wird, wie die im restlichen Bundesgebiet.

Deutschland Fertigungshalle Bombardier Transportation in Bautzen (picture-alliance/dpa/P. Pleul)

Zugbau Bombardier in Bautzen: Die ostdeutsche Wirtschaft werde, so das IWH, werde weniger leiden als die im Westen.

Das läge, so IWH-Wissenschaftler Oliver Holtemöller, daran, dass Konsumgüter, die in der ostdeutschen Produktion eine größere Rolle spielten als in der westdeutschen, vom globalen Nachfrageeinbruch weniger betroffen seien als Investitionsgüter. Durch die schrittweise Angleichung der Renten in Ost und West steige das verfügbare Einkommen im Osten außerdem schneller als in den übrigen Bundesländern. Und auch das treibe die Nachfrage nach Konsumgütern.

Belebung erst im übernächsten Jahr

Die IWH-Forscher rechnen für das laufende Jahr in den neuen Bundesländern und Berlin mit einem Wachstum von 1,0 Prozent - für die gesamte deutsche Wirtschaft erwarten sie nur einen Produktionszuwachs von 0,5 Prozent. Im kommenden Jahr wachse die Ostwirtschaft um 1,3 Prozent und bundesweit um 1,1 Prozent. 2021 rechnet das IWH im Osten wie auch im gesamten Bundesgebiet mit einem Wachstum von 1,6 Prozent.

Die deutsche Wirtschaft insgesamt sehen die IWH-Forscher wegen des Handelsstreits zwischen den USA und China, dem Brexit und der Probleme der deutschen Autoindustrie weiterhin im Abschwung. Im Herbst dieses Jahres hätten sich aber Anzeichen für eine Entspannung ergeben, sodass mit einer leichten Entspannung im übernächsten Jahr zu rechnen sei. "Alles in allem ist mit einer langsamen Belebung der deutschen Wirtschaft im Lauf des Jahres 2020 zu rechnen", so Holtemöller.

dk/hb (rtr, dpa)

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