Indiens Apfelbauern im Himalaya bekommen die Erderwärmung zu spüren | Global Ideas | DW | 22.12.2019
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Umwelt

Indiens Apfelbauern im Himalaya bekommen die Erderwärmung zu spüren

Steigende Temperaturen und unregelmäßiger Schneefall verschlechtern die Bedingungen für den Anbau von Äpfeln. Angesichts schlechterer Ernten passen sich die indischen Obstbauern an.

Zum Jahresende hin ist die kleine Stadt Kalpa im indischen Teil des Himalaya-Gebirges ein Anblick für Götter. Eingebettet zwischen dem schneebedeckten Kinnaur Kailash und dem blaugrünen Wasser des Sutlej-Flusses, strahlen Apfelplantagen den goldenen Glanz des Herbstes aus.

Kalpa liegt im Distrikt Kinnaur in Indiens nördlichem Bundesstaat Himachal Pradesh. Die Region steht im Ruf, dass von dort die schmackhaftesten und teuersten Äpfel Indiens kommen.

In Indien sind Äpfel für manche Menschen unerschwinglich. Auf einem Markt von Bio-Bauern in Neu-Delhi kosten Kinnauri-Apfel 4 bis 5 Euro pro Kilo, verglichen mit rund 1,50 Euro für ein Dutzend Bananen. Diese Landwirte gelten im Vergleich zum durchschnittlichen indischen Bauern als wohlhabend.

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Doch da sich wärmere Temperaturen und geringere Schneefälle auf die Apfelerträge auswirken, ist dieser Wohlstand in Zukunft nicht mehr gesichert.

Apfelkulturen im Himalaya benötigen in der Regel eine bestimmte Anzahl von kühlen Stunden mit Temperaturen zwischen 0-7 Grad Celsius. Durch die Erderwärmung gibt es in einigen Regionen aber immer weniger solcher kühlen Stunden.

Indien | Äpfelfarm in Kapla (Vandana K)

Im indischen Ort Kalpa sortiert ein Arbeiter Äpfel in einem Obstgarten

"Wir haben festgestellt, dass die Häufigkeit und die Menge der Schneefälle abnimmt. Und der Zeitpunkt hat sich auch geändert", sagt Satish Kumar Bhardwaj, Professor für Umweltwissenschaften an der Yashwant Singh Parmar University of Horticulture and Forestry in Solan, im Süden des Bundesstaates Himachal Pradesh. "Unter solchen Bedingungen fehlt es an der nötigen Kühle, die die traditionellen Apfelsorten brauchen, um Blüten auszubilden und Früchte zu entwickeln."

Von Bhardwajs Universität vorgenommene Untersuchungen zeigen, dass die Erwärmung einige Obstgärtner in Himachal Pradesh in höhere Lagen getrieben hat.

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Während einige Bauern in den unteren Hügelregionen von Äpfeln auf Gemüse, Blumen und Früchte wie Kiwi und Granatapfel umgestellt haben, gedeihen Äpfel in Tabo, einem Dorf 3280 Meter über dem Meeresspiegel im kalten Wüstental Spiti.

Kishore Kumar, ein Apfelzüchter aus Kalpa, hatte in diesem Jahr eine gute Ernte - 3000 Kisten mit je 26 Kilogramm Äpfeln. Aber nicht jeder hatte so viel Glück.

Der Apfelzüchter und Sozialaktivist Jiya Lal überwacht, wie Wanderarbeiter aus Nepal auf die Bäume in seinem Obstgarten steigen. In den Kronen sammeln sie die Früchte ein und stecken sie in Säcke, die sie um den Hals tragen. Von seinen 400 Bäumen, die sich auf etwa zweieinhalb Hektar verteilen, haben sich etwa 80 mit Apfelschorf infiziert. Eine Krankheit, die die Früchte durch Läsionen zerstört.

"Nachdem wir jahrzehntelang keine Probleme hatten, ist Apfelschorf in diese Gegend zurückgekehrt", erklärt Lal. "Im Mai und im Juni,  wenn es trocken sein sollte, regnet es viel. Das hat zu anhaltender Feuchtigkeit geführt und zu einer Ausbreitung der Krankheit. Ich werde nicht einmal 50 Prozent des üblichen Preises für die infizierten Äpfel erzielen." Lal schätzt, dass er bei dieser Ernte insgesamt etwa 1267 Euro verlieren wird. Ein Betrag, der im Jahresbudget seiner Familie schmerzlich fehlen wird.

Indien | Kapla in Himachal Pradesh (Vandana K)

Der Ort Kalpa im nördlichen Bundesstaat Himachal Pradesh steht im Ruf, das von dort schmackhafte und teure Äpfel kommen

Indien | Äpfelfarm in Kapla (Vandana K)

Gesunde Äpfel aus Jiya Lals Obstgarten in Kalpa

"Die Erträge und Einnahmen meines Obstgartens sinken mit jedem Jahr", sagt Sanjay Chauhan, ein Apfelzüchter und ehemaliger Bürgermeister von Shimla, der Hauptstadt Himachal Pradeshs. In seinem Obstgarten im Dorf Kotkhai baut Chauhan traditionelle Apfelsorten wie Red und Golden Delicious an. Sie wurden vor über 100 Jahren in die Region gebracht.

"Ein Arbeiter, der Äpfel in meinem Obstgarten erntete, war mit weißen, flauschigen Wollläusen bedeckt – so viele Schädlinge hatten wir in diesem Jahr, obwohl wir doch häufig Pestizide sprühen", sagt Chauhan. "Ich glaube, in den nächsten fünf Jahren werden wir eine Krise in der Apfelwirtschaft erleben."

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Kumar, Chauhan und Lal gehören zu den Tausenden von Familien und Unternehmen in Himachal Pradesh, die eine boomende Apfelindustrie geschaffen haben.

In diesem Jahr verlor Pritamrekha Negi, eine Apfelzüchterin aus dem Dorf Ribba im Kinnaur-Distrikt, die Hälfte ihres Jahreseinkommens. Im August begannen die Blätter an ihren Bäumen zu vergilben und fielen, bedingt durch eine für die Saison unübliche Temperaturänderung, viel früher als sonst ab. Sie erntete nur 350 Kisten (8400 Kilogramm), statt 800 Kisten (19.200 Kilogramm) wie im Vorjahr.

"Unser Sohn geht auf ein Internat in Delhi, und wir müssen unsere Ersparnisse angreifen, um sein Schulgeld für das Jahr zu bezahlen", sagt Pritamrekha Negi. "Unser Land ist voll von Apfelbäumen. Ich habe nie daran gedacht, etwas anderes anzubauen."

Indien | Äpfelfarm in Kapla (Vandana K)

Bauer Jiya Lal hat in seinem Obstgarten mit der Baumkrankheit Apfelschorf zu kämpfen

Trotz der Gefahr können Apfelbauern vielleicht ihre gewohnten Erträge weiter erzielen - durch neue Sorten, die bei wärmeren Temperaturen gut gedeihen und weniger Kühle benötigen.

"Es gibt eine wachsende Nachfrage nach Low-Chill-Apfelsorten", sagt Vikram Singh Rawat, Gründer der Baumschule Kalashan Nursery and Farm im Himalaya-Dorf Karsog.

Rawats Baumschule verkauft Low-Chill-Apfelsorten, deren Stämme sehr dicht nebeneinander gepflanzt werden können. Außerdem genetisch identische Wurzelstöcke, auf die sich Zweige älterer Bäume aufpfropfen lassen. Sie kamen aus den USA, Italien und den Niederlanden.

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"Low-Chill-Sorten können die durch den Klimawandel verursachten Verluste mildern", sagt er. Zu den meisten Kunden von Rawat zählen junge Leute, die ihre Jobs in den Städten aufgegeben haben, um die Plantagen ihrer Familien mit dieser modernen Methode wiederzubeleben. Seine meistverkauften Sorten sind Evasmi Scarlet Spur, Red Kan und Super Chief. Alle Sorten sind entweder aus Kreuzungen entstanden oder durch Mutationen, aber keine ist genetisch manipuliert worden.

Doch nicht jeder ist von dieser Lösung überzeugt. Sorten, die weniger Kühle brauchen, wachsen zwar offenbar schneller und tragen mehr Früchte, aber die Bäume sind kleiner und ihre Lebensspanne ist kürzer. Regen allein reicht ihnen nicht zum Überleben, sie brauchen zusätzlich Tröpfchenbewässerung. Das macht Züchter wie Chauhan skeptisch.

"Es muss mehr Forschung zur Nachhaltigkeit von Low-Chill-Sorten betrieben werden. Im Sommer hatten wir 16 Tage lang kein Trinkwasser in meinem Dorf. Wie könnte ich unter solchen Bedingungen noch neue Sorten von Apfelbäumen bewässern?"

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