In den Mühlen des britischen Asylsystems | Europa | DW | 02.05.2019
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Großbritannien

In den Mühlen des britischen Asylsystems

Die Einwanderungspolitik Großbritanniens steht in der Kritik - speziell der Umgang mit Asylbewerbern. Marianna Karakoulaki berichtet aus London über einen besonders gravierenden Fall.

Als Annie* im Jahr 2004 in Großbritannien ankam, hatte sie keine Ahnung, wo sie gelandet war. Sie wurde von einer Frau, die versprochen hatte, sie in Sicherheit zu bringen, ins Land geschleust. Annies Schleuserin zwang sie jedoch, als Prostituierte zu arbeiten. "Ich konnte mich niemandem anvertrauen. Mir wurde gedroht, dass ich in mein Land zurückgeschickt werde", sagt sie der DW.

In ihre westafrikanische Heimat zurückzukehren war für sie allerdings keine Option. Annies einzige Erinnerungen daran sind leidvoll. Annie ist lesbisch. Im Alter von 16 Jahren wurde sie gezwungen, einen 40-jährigen Mann zu heiraten, der sie verprügelt und vergewaltigt hat. Als sie mit Zwillingen schwanger wurde, ließ ihr Mann eine Zwangsabtreibung vornehmen. Als sie sich jemandem anvertraute, der versprochen hatte, ihr zu helfen, wurde sie gezwungen, als Sex-Sklavin zu arbeiten. Und als sie sich einer Frau anvertraute, die versprochen hatte, sie aus ihrem Elend zu befreien, wurde sie nach Großbritannien gebracht, wo ein neuer Missbrauchszyklus begann.

Keine Unterstützung

Schließlich gelang es Annie, aus dem Haus ihrer Schleuserin zu fliehen. Sie begann eine schwierige Beziehung mit einer Frau, die versprochen hatte, sie für eine Weile aufzunehmen. Mit Hilfe dieser Frau fand sie eine Anstellung. Allerdings hatte sie bis dahin keinen Asylantrag gestellt. Sie hatte zu viel Angst und wusste nicht, wo sie Hilfe suchen sollte.

Eines Tages kam die Polizei in das Geschäft, in dem sie arbeitete, und stellte fest, dass sie keine Papiere hatte. "Ich war blind und naiv. Ich wusste nicht, wie ich Asyl beantragen sollte. Ich wusste nicht, wie ich mein Leben in diesem Land beginnen sollte. Ich fiel in die Hände der falschen Leute und hatte keine Wahl. Ich hatte niemanden, der mich unterstützte", sagt sie.

Ein Zyklus institutionellen Missbrauchs

Annie stellte ihren ersten Asylantrag im Februar 2010 während sie zur Identifizierung im Gefängnis war - sechs Jahre nach ihrer Ankunft in Großbritannien. Ein neuer Missbrauchszyklus stand kurz bevor - diesmal institutioneller Missbrauch. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wurde sie zum ersten Mal in das berüchtigte Rückführungszentrum Yarl's Wood im Osten der Grafschaft Bedfordshire gebracht. Drei Wochen später wurde sie in eine Stadt in Wales verlegt, wo sie mit acht Frauen verschiedener Nationalitäten in einem Raum untergebracht war. "Mein Asylantrag wurde abgelehnt, aber das Innenministerium ließ Berufung zu", sagt sie.

UK - Yarl s Wood Immigration Removal Centre in Bedford (picture alliance/NurPhoto/A. Baldo)

Hohe Zäune: Das Yarl's Wood Rückführungszentrum rund 70 Kilometer nördlich von London


Ihre Berufung wurde abgewiesen. Danach wurde sie aus dem Haus geworfen, in dem sie sich aufhielt, und war obdachlos. Sie traf eine Frau aus dem Kongo, die sie weinen sah. Diese Frau wusste, was Annie durchmachte, da sie selbst einmal Asylbewerberin gewesen war. Sie ließ Annie für ein paar Tage in ihrem Haus bleiben und stellte einen Kontrakt zu der in London ansässigen Wohltätigkeitsorganisation "Notre Dame" her. Die bezahlte ihren Umzug nach London und half  ihr bei einem neuen Verfahren.

Während des Berufungsverfahrens stellte sich heraus, dass das Innenministerium Annies Dokumente verloren hatte (das Innenministerium lehnte gegenüber der DW eine Stellungnahme dazu ab). Als sie schließlich drei Jahre später wiedergefunden wurden, konnte sie den Berufungsprozess fortsetzen.

Die Probleme gingen weiter

Als Annie eines Tages eine Freundin besuchte, die grade Mutter geworden war, überprüften Beamte des Innenministeriums zufällig das Wohnhaus ihrer Freundin und stellten fest, dass Annie keinen Ausweis hatte. "15 Sicherheitskräfte kamen, 15 Männer für eine Frau. Als ich plötzlich meine Menstruation bekam, sagten sie: 'Geh duschen'. Ich sagte ihnen: 'Ich kann nicht vor Ihnen duschen.' Ich sagte ihnen 'Was ist mit meiner Würde? Sie möchten, dass ich vor Ihnen dusche? Wenn Sie mich töten wollen, töten sie mich. Ich bin bereit zu sterben, aber ich tue das nicht.'", erinnert sie sich.

Nach diesem Vorfall wurde sie erneut nach Yarl's Wood geschickt. Sie beschrieb ihren zweiten Aufenthalt dort als eine der schlimmsten Erfahrungen in ihrem Leben.
"Ich war drei Monate lang dort. Mein psychischer Zustand verschlechterte sich. Sie überwachten mich wegen Selbstmordgefahr. Ich habe den ganzen Tag geweint. Was habe ich getan, um das zu verdienen?"

Unbefristete Inhaftierung
Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht des "Gemeinsamen Ausschusses für Menschenrechte" kritisiert die Inhaftierungspolitik Großbritanniens und insbesondere die unbefristete Inhaftierung von Asylbewerbern ohne ihnen mitzuteilen, wann sie freigelassen werden. Laut Statistiken des britischen Innenministeriums wurden 2018 24.748 Personen unter dem Einwanderungsgesetz inhaftiert. 12.637 von ihnen hatten Asyl beantragt und wurden ungeachtet ihres Asylstatus inhaftiert. Von den Inhaftierten waren 3.641 Frauen. Yarl's Wood, wo hauptsächlich Frauen und Familien inhaftiert sind, ist eines von zehn Rückführungszentren in Großbritannien.

UK - Yarl s Wood Immigration Removal Centre in Bedford (Imago/ZUMA Press)

Graffiti an den Zäunen von Yarl's Wood fordert mehr Solidarität mit Menschen ohne Papiere

Ein im November 2017 veröffentlichter Bericht der in London ansässigen Hilfsorganisation "Frauen für weibliche Flüchtlinge" zeigt die heftigen Auswirkungen der Einwanderungs- und Inhaftierungspolitik des Landes auf schutzbedürftige Frauen, einschließlich Überlebender von Folter, sexuellem Missbrauch und Gewalt. Laut Natasha Walter, der Direktorin der Hilfsorganisation, hat die Einwanderungs- und Inhaftierungspolitik des Landes gravierende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der Frauen.

"Bei den Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten, wurden einige für einen Monat, einige für zwei Monate eingesperrt - und wir haben Frauen getroffen, die seit Jahren inhaftiert sind. Die einzigen Frauen, für die eine Zeitbegrenzung besteht, sind schwangere Frauen und das ist ein Ergebnis unserer Kampagne ", so Walter im Gespräch mit der DW.

Die Ungewissheit geht weiter

Annie beantragte 2017 erneut Asyl aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Denn Homosexualität ist in ihrem Heimatland illegal und ihr drohen jahrelange Haft und Misshandlung aus ihrem Umfeld. Doch ihr Antrag wurde erneut abgelehnt. "Ich habe in meinem Schreiben alles über meine sexuelle Orientierung erklärt. Sie haben mich nicht gebeten, sie zu beweisen. Jedoch teilte das Innenministerium im Ablehnungsschreiben mit, dass ich nicht genügend Beweise vorgelegt habe, beispielsweise Fotos von mir in lesbischen Clubs in London." Annie hat erneut Berufung eingelegt. Neun Jahre nach ihrer ersten Bewerbung lebt sie immer noch in Ungewissheit.


* Name und einige Details wurden geändert, um Annies Identität zu schützen.