″In absehbarer Zeit kein Profit″ | Welt | DW | 15.04.2014
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Welt

"In absehbarer Zeit kein Profit"

Wüstenstrom in der Krise: Drei deutsche Unterstützer haben der Desertec-Industrie-Initiative DII ihren Abschied angekündigt. Für die Versorgung Nordafrikas machen die Kraftwerke dennoch Sinn, meint Volker Quaschning.

Deutsche Welle: Der Energieversorger EON, die HSH Nordbank und der Baukonzern Bilfinger - wieso haben gleich mehrere deutsche Unterstützer dem Desertec-Projekt den Rücken zugewandt?

Volker Quaschning: Zunächst zur Idee von Desertec: Man dachte, dass man in Nordafrika viele große Solarkraftwerke installieren kann. Da ging es hauptsächlich um konzentrierende solarthermische Kraftwerke. Bei den solarthermischen Kraftwerken wird zuerst über große Spiegel das Sonnenlicht konzentriert, damit dann Wärme produziert und schließlich über große Turbinen Strom erzeugt. Der Vorteil an der Wüste ist, dass man dort gute Strahlungsbedingungen vorfindet und den Strom deutlich günstiger als bei uns zur Verfügung stellen kann. Der erzeugte Strom sollte über große Stromleitungen bis nach Zentraleuropa transportiert werden. Für diese Idee hat sich ein Interessensclub von Firmen zusammengetan und in einen Fond eingezahlt. Dieser wurde verwendet, um vor Ort Regierungen zu beraten und weitere vorbereitende Schritte vorzunehmen.

Das Problem ist nun: Photovoltaik ist sehr preiswert geworden. Das heißt, der Vorteil aus dem Desertec-Konzept ist durch den Siegeszug der Photovoltaik ins Hintertreffen geraten. Denn man kann hier in Deutschland ähnlich günstig Solarstrom erzeugen wie in der Sahara - wenn man den aufwändigen und teuren Transport dazu rechnet. Hinzu kommt: Bei den Leitungen gab es große Probleme. Die Realisierung des Konzepts ist damit in weitere Zukunft gerückt. Und die beteiligten Unternehmen haben aktuell ganz andere Probleme, als sich um ein Energieversorgungssystem zu kümmern, was vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren spruchreif wird.

Aber warum kommt der Ausstieg der Unternehmen gerade jetzt?

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Desertec verliert Unterstützer

Die Unternehmen hatten sich für eine bestimmte Zeit festgelegt, die Verträge sind nun ausgelaufen. Da überlegt man sich immer: Unterzeichne ich jetzt nochmal oder mach ich da nicht mehr mit? Wenn man sich dann einzelne Partner wie Eon ansieht - die haben ja ganz andere Probleme. Sie haben in Deutschland die falschen Kraftwerke gebaut - Kohle- und Atomkraftwerke - und können hier nicht mehr gut verdienen. Sie haben gar nicht mehr die Möglichkeiten, einfach dabei zu sein und sich mit irgendwelchen Konzepten zu verzetteln, bei denen sie in absehbarer Zeit keinen Profit rausholen können.

Gab es denn auch "Geburtsfehler" bei der Idee von Desertec?

Die solarthermischen Kraftwerke machen durchaus Sinn, denn man kann in der Sahara günstig Strom produzieren. Der Nachteil ist, dass man die Kosten - im Vergleich zu Photovoltaik - nicht so stark senken konnte. Diese Entwicklungen konnte man vor zehn Jahren noch nicht so voraussehen. Deswegen muss man das heute einfach neu bewerten. Ansonsten macht es durchaus Sinn, vor Ort diese Kraftwerke aufzubauen, aber damit zunächst den Strom vor Ort zu decken.

Die afrikanischen Länder haben ja auch einen sehr hohen Strombedarf. Nur: Dafür brauche ich dieses Konsortium nicht. Dann kann ich auch einfach als einzelnes Unternehmen direkt ein Projekt starten und mir dann lokal Partner suchen. Und deswegen ist es wahrscheinlich auch konsequent, dass man sagt: Wir konzentrieren uns auf lokale Projekte und nicht auf diese große Vision. Die steht auch einfach in Konkurrenz zum dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien, der Photovoltaik und der Windenergie vor Ort in Deutschland. Zum anderen spricht die politisch instabile Situation in Nordafrika dagegen: Deutschland will sich auch ungerne von den dortigen Ländern abhängig machen.

Welche Folgen hat der Ausstieg für Desertec?

Einzelne Projekte für eine lokale Stromerzeugung sind schon gestartet. Wenn da jetzt der Rückenwind fehlt, wird es schwierig: Die Regierungen vor Ort werden fragen, warum jetzt so viele aussteigen. Auf der anderen Seite sehen wir, dass die Solarenergie günstig geworden ist. Das heißt, selbst wenn Desertec in der Form nicht kommen wird, heißt das nicht, dass wir nicht im großen Maßstab Solarkraftwerke sehen werden. Und dann wird vielleicht auch in einigen Jahrzehnten Strom nach Europa exportiert werden können. Das wird dann vielleicht nicht unter dem Namen Desertec laufen, aber natürlich trotzdem interessant sein.

Das Gespräch führte Stephanie Höppner.

Volker Quaschning ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin im Bereich Regenerative Energien.

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