Impfdurchbrüche: Geimpft und dennoch Corona | Deutschland | DW | 13.10.2021
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COVID-19

Impfdurchbrüche: Geimpft und dennoch Corona

Die Zahl der Menschen, die an COVID-19 erkranken, obwohl sie vollständig geimpft sind, nimmt zu. Bedeuten diese Impfdurchbrüche, dass die Vakzine nicht wirken? Ein DW-Faktencheck.

Coronavirus - Halle (Saale)

Pfleger auf einer Intensivstation mit COVID-19-Bereich in Halle am Bett eines Patienten

"Impfdurchbruch in Pflegeheim: 15 Infizierte, zwei Tote": Es sind Schlagzeilen wie diese, die viele Menschen verunsichern und Ängste schüren. Sind Corona-Impfungen doch nicht so wirksam wie ursprünglich angenommen?

Als Impfdurchbrüche gelten Corona-Infektionen bei Menschen, die trotz vollständiger Impfung an COVID-19 erkranken und Symptome der Infektion zeigen. Fälle, bei denen die geimpfte Person infiziert ist, aber keine Symptome zeigt, fallen nicht in diese Kategorie.

Sind Impfdurchbrüche ein Ausdruck von Impfversagen?

Nein. Die häufig in sozialen Netzwerken aufgestellte Behauptung, Impfdurchbrüche belegten das Versagen oder die mangelnde Wirksamkeit von Impfungen, ist falsch. Richtig ist hingegen, dass bisher kein Corona-Impfstoff einen 100-prozentigen Schutz gegen eine Infektion bietet.

Faktencheck über Impfdurchbrüche | Tweet von @dimetra_ecrit

Ungeimpft, na und? Diese Twitter-Userin beschwert sich über angebliche Schuldzuweisungen

So liegt nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts (RKI), der zentralen Einrichtung der Bundesregierung zur Krankheitsüberwachung, die durchschnittliche Impfeffektivität der in Deutschland zugelassenen COVID-Vakzine in der Altersgruppe 18-59 Jahre in den vergangenen neun Monaten bei 83 Prozent. Für die über 60-Jährigen liegt sie bei 82 Prozent. Der Schutz vor einer Behandlung auf der Intensivstation liegt bei 95 Prozent beziehungsweise 93 Prozent.

Beeinflusst wird der Impfschutz auch durch den Faktor Zeit. "Es gibt hier noch keine Personen, die länger als ein Jahr geimpft sind. Daher können wir noch nicht genau sagen, wie lange der Impfschutz anhält", erklärt Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) im DW-Gespräch. Allerdings wisse man mittlerweile, dass die Antikörper nach sechs bis neun Monaten etwas absinken. 

"Das würde mich nicht beunruhigen, hätten wir nicht Delta, denn die Deltavariante des Coronavirus ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten", so Falk.

"Wenn die durch die Impfung aufgebaute Immunabwehr durch die Antikörper gegen das Spike-Antigen nicht mehr 'wie eine Eins' steht, kann das Virus diese Abwehrlinie durchbrechen, in eine Zelle gelangen und dort im Nasen-Rachenraum eine Infektion auslösen", sagt die Immunologin, die am Institut für Transplantationsimmunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover lehrt. "Das ist dann ein Impfdurchbruch". 

Infografik Geimpfte seltenet im Krankenhaus DE

Doch auch wenn der Schutz vor Infektionen mit der Zeit zurückgeht, bleibt der Schutz vor schweren Erkrankungen weiter bestehen. Laut Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 7. Oktober mussten nur 0,56 Prozent der seit 1. Februar insgesamt 67.661 identifizierten wahrscheinlichen Impfdurchbrüche in Deutschland auf einer Intensivstation behandelt werden. Die Todesrate bei Patienten mit wahrscheinlichem Impfdurchbruch liegt bei 1,06 Prozent. Zum Vergleich: Für die erste Infektionswelle in Deutschland, als es noch keine Corona-Impfungen gab, schätzt das RKI die Letalität - also den Anteil von allen COVID-Erkankten, die gestorben sind - auf etwa 6,2 Prozent.

Prof. Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie

Die Immunologin Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, ist von der Wirksamkeit der Corona-Impfungen überzeugt

Im RKI-Bericht heißt es zudem: "Unter den insgesamt 722 COVID-19-Fällen mit Impfdurchbrüchen, die verstorben sind, waren 75 Prozent 80 Jahre und älter. Das spiegelt das generell höhere Sterberisiko − unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe - für diese Altersgruppe wider."

Ist die Anzahl der Impfdurchbrüche gestiegen?

Ja. Laut RKI kamen bei den 18- bis 59-Jährigen etwa in der Woche vom 27. September bis zum 3. Oktober 8224 neue Impfdurchbrüche hinzu. Der Anteil der vermutlichen Impfdurchbrüche unter symptomatischen COVID-Fällen in dieser Altersgruppe stieg damit auf 7,2 Prozent - wenn man den gesamten Zeitraum seit Beginn der Impfkampagne in Deutschland berücksichtigt. Schaut man allerdings nur auf die letzten vier Wochen bis zum 3. Oktober, liegt der Anteil deutlich höher, bei 28,4 Prozent. Der Anteil der geimpften Patienten in dieser Altersgruppe auf Intensivstationen liegt bei 2,2 Prozent seit Jahresbeginn, und bei 7,7 Prozent im Durchschnitt der vergangenen vier Wochen bis zum 3. Oktober.

In der Altersgruppe der über 60-Jährigen sind ebenfalls Anstiege zu beobachten: Der Anteil der Impfdurchbrüche unter symptomatischen COVID-Fällen liegt für den Zeitraum seit Beginn der Impfkampagne bei 10,1 Prozent. Betrachtet man lediglich die vier Wochen bis zum 3. Oktober, waren es 7015 Impfdurchbrüche, was 52,6 Prozent der symptomatischen Fälle entspricht. Der Anteil der geimpften über 60-jährigen COVID-Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden mussten, liegt bei 6 Prozent seit Jahresbeginn, und bei 24,1 Prozent in den vier Wochen bis zum 3. Oktober.

Laut RKI war diese Entwicklung der steigenden Impfdurchbrüche allerdings "erwartbar, da immer mehr Menschen geimpft sind und sich SARS-CoV-2 derzeit wieder vermehrt ausbreitet. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen", heißt es im Wochenbericht.

Infografik Faktencheck Impfung 2 DE

Sind Ungeimpfte für Impfdurchbrüche verantwortlich?

Nein. Aber ihr Verhalten hat gravierende Auswirkungen auf den Verlauf der Pandemie und die Belastung der jeweiligen nationalen Gesundheitssysteme.  

"Der Anstieg der Hospitalisierung passiert laut RKI Wochenbericht aktuell fast ausschließlich bei den Ungeimpften über 60", weiß Immunologin Falk. "Die sehr wenigen Geimpften, die ins Krankenhaus müssen, sind auch überwiegend aus der Gruppe der über 60-Jährigen."

Sollten im Herbst die Infektionszahlen steigen, würden sich in erster Linie die Ungeimpften anstecken. Doch auch die Geimpften könnten sich leichter infizieren, warnt Falk, "weil mehr Virus in der Bevölkerung zirkuliert".

Inwiefern lässt der Impfschutz mit der Zeit nach?

Der Impfschutz verändert sich nicht bei allen Menschen gleich, denn für einen nachlassenden Impfschutz gibt es mehrere Gründe. Wichtige Faktoren sind Alter, Vorerkrankungen, die Intervalle zwischen den Impfungen und der Impfstoff selbst.

Insbesondere bei älteren Menschen und Hochbetagten sowie bei Patienten mit Krebserkrankungen oder Transplantationen sinkt der Impfschutz im Vergleich zu anderen Personengruppen stärker.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat deshalb am 7. Oktober empfohlen, den Impfschutz von über 70-Jährigen mit einer dritten Impfung aufzufrischen. Auch dem Personal in Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern soll eine dritte Impfung angeboten werden. In Israel haben bereits über eine Million Menschen eine dritte Impfdosis erhalten.

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Wie lange die erste und zweite Corona-Impfung auseinanderliegen, kann ebenfalls die Effektivität der Impfung beeinflussen. In Israel etwa, wo die Mehrheit der Bevölkerung mit BioNTech/Pfizer geimpft wurde, lagen nur 21 Tage zwischen der ersten und der zweiten Impfung.

Immunologin Falk erklärt aber, dass "der Gedächtniseffekt bei BioNTech nach 42 Tagen besser ist als nach 21. "Die zweite Impfung ist total wichtig, um ein immunologisches Gedächtnis zu bilden. Die Schutzfunktion baut auf diesem Gedächtnis auf". Längere Abstände seien für die Wirkung besser, "also sechs Wochen bei BioNTech statt drei, oder zwölf statt sechs Wochen bei Astra[-Zeneca]".

Die Zulassung des Impfstoffes von Johnson&Johnson, der nur eine Impfdosis vorsieht, sieht sie deshalb im Nachhinein kritisch. "Die Zulassungsstudien wurden alle mit dem Wildtyp-Virus gemacht. Aber dann kam die Alpha-, gefolgt von der Deltavariante. Deshalb können nicht immer alle Antikörper, die gebildet wurden, auch Delta genauso gut erkennen."

Mitarbeit: Rachel Baig

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