Immer mehr Zivilisten fallen der Gewalt in Nordsyrien zum Opfer | Aktuell Welt | DW | 13.10.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Syrien-Konflikt

Immer mehr Zivilisten fallen der Gewalt in Nordsyrien zum Opfer

Laut Aktivisten dürften schon fast 80 Zivilisten während der türkischen Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG getötet worden sein. Und die UN befürchten, dass bald 400.000 Menschen Hilfe benötigen.

Rauchschwaden durch Kämpfe in der syrischen Provinz Tel Abjad (Foto: picture-alliance/dpa/L. Pitarakis)

Rauchschwaden durch Kämpfe in der syrischen Provinz Tel Abjad

Die türkische Armee und verbündete syrische Rebellen liefern sich fünf Tage nach Beginn ihres Angriffs in Nordsyrien erbitterte Gefechte mit der Kurdenmiliz YPG. Nach schweren Gefechten nahmen die Armee und verbündete syrische Rebellen nach Angaben von Aktivisten Tel Abjad ein. Die Grenzstadt sei fast vollständig unter Kontrolle der Türkei, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete die vollständige Einnahme des Stadtzentrums.

Schnellstraße M4 unter türkischer Kontrolle? 

Auch in Ras al-Ain gebe es weiter schwere Gefechte, so die Beobachtungsstelle weiter. Ras al-Ain liegt direkt an der türkischen Grenze entlang der Straße zwischen Tel Abjad im Westen und der Stadt Kamischli im Osten. Das türkische Verteidigungsministerium teilte inzwischen mit, dass die Truppen die Schnellstraße M4 - eine wichtige Versorgungsroute für die Kurden - unter ihre Kontrolle gebracht hätten.

Beschuss der syrischen Grenzstadt Ras al-Ain (Foto: Reuters/M. Sezer)

Beschuss der syrischen Grenzstadt Ras al-Ain

Nach weiteren Berichten der Beobachtungsstelle wurden allein an diesem Sonntag mindestens 26 Zivilisten getötet. Allein zehn Menschen starben bei einem türkischen Luftangriff auf einen Konvoi von Fahrzeugen mit Zivilisten und Journalisten. Damit wurden nach Berechnungen der in London ansässigen Einrichtung seit Beginn der Offensive am Mittwoch schon fast 80 Zivilisten getötet. Zudem seien mehr als 100 Kurdenkämpfer, mehr als 70 Angehörige der mit der Türkei verbündeten Milizen sowie acht türkische Soldaten gestorben.

Nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums wurden dagegen lediglich zwei Soldaten bei dem Militäreinsatz getötet. Auch sonst weichen die Angaben stark ab: Der türkische Staatscef Recep Tayyip Erdogan sprach von 440 getöteten YPG-Kämpfern. Zudem seien 18 türkische Staatsbürger Opfer der Auseinandersetzungen geworden.

Mit der Türkei verbündete syrische Kämpfer in der Nähe der Grenzstadt Tel Abjad (Foto: Reuters/K. Ashawi)

Mit der Türkei verbündete syrische Kämpfer in der Nähe der Grenzstadt Tel Abjad

Syrische Armee-Einheiten rücken vor

Am Abend berichtete das syrische Staatsfernsehen, dass die Führung in Damaskus Truppen in den Norden des Landes entsende, die sich der türkischen Militäroffensive entgegenstellen würden. Der libanesische Sender Al-Mayadeen meldet, die syrische Armee werden innerhalb von 48 Stunden die von kurdischen Milizen gehaltenen Städte Ain Arab (Kobani) und Manbidsch erreichen. 

Bislang waren syrische Regierungstruppen in bestimmten kurdischen Gebieten stationiert, um eine türkische Offensive zu verhindern. Ein Kurdenvertreter, der anonym bleiben wollte, berichtete derweil von "Verhandlungen" zwischen der Verwaltung der halbautonomen Kurdenregion und der syrischen Regierung.
 

Massenflucht von Angehörigen von IS-Kämpfern aus Lager

Rund 800 Angehörige von Kämpfern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) flohen unterdessen nach kurdischen Angaben aus einem Lager in Nordsyrien. Die Frauen und Kinder seien nach Luftangriffen der türkischen Armee aus der Einrichtung in Ain Issa geflüchtet, teilten die kurdische Behörden mit. Wie weiter bekannt wurde, gibt es nicht mehr genügend Wachpersonal für das Lager, weil ein Teil der Sicherheitskräfte für den Kampf gegen die Türken abgezogen worden sei. Weitere Sicherheitskräfte seien nach dem Beschuss durch das türkische Militär weggelaufen. Nach kurdischen Angaben gibt es in Ain Issa derzeit nur noch 60 bis 70 Sicherheitskräfte, im Vergleich zu normalerweise rund 700. Insgesamt lebten in dem Lager 12.000 Menschen.

In der Grenzstadt Nusaybin (Foto: DW/S. Görer)

In der Grenzstadt Nusaybin

Immer mehr Menschen fliehen laut den Vereinten Nationen vor den Kämpfen. Seit Beginn der türkischen Offensive gegen kurdische Milizen seien schätzungsweise mehr als 130.000 Frauen, Männer und Kinder in die Flucht getrieben worden, teilte das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe in Genf mit. Die meisten von ihnen hätten Unterschlupf bei Bekannten und Freunden in Syrien gefunden, hieß es. Andere seien in Auffanglagern untergekommen. Gemäß der UN-Einrichtung gehen Experten von bis zu 400.000 Menschen aus, die in Kürze humanitäre Hilfe benötigen würden.

Trump verlangt Rückzug weiterer US-Soldaten 

Die USA kündigten den Rückzug weiterer US-Soldaten aus Nordsyrien an. Es bestehe die Gefahr, dass die amerikanischen Einheiten zwischen zwei sich gegenüberstehenden Armeen gerieten, sagte US-Verteidigungsminister Mark T. Esper dem Sender CBS. Das sei eine "unhaltbare" Situation. Er habe deshalb mit Präsident Donald Trump gesprochen, der angeordnet habe, dass mit einem Rückzug von US-Kräften begonnen werde. Washington wolle sicherstellen, dass keine US-Soldaten verletzt oder getötet würden, so Esper weiter. Im Nordosten Syriens befanden sich zuletzt rund 1000 US-Soldaten. Aus dem unmittelbaren Gebiet der türkischen Offensive hatten die USA vergangene Woche rund 50 Soldaten abgezogen.

Die getötete kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalaf

Die getötete kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalaf

Kurdische Politikerin Havrin Khalaf getötet

Die von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) teilten derweil mit, dass in Nordsyrien die kurdische Politikerin und Frauenrechtlerin Havrin Khalaf getötet worden sei. Die Generalsekretärin der Partei Zukunft Syriens (FSP), sei am Samstag auf einer Landstraße in einen Hinterhalt geraten. Die SDF machte die Türkei und deren Verbündete für Khalafs Tod verantwortlich. "Dies zeigt, dass der türkische Einmarsch nicht zwischen einem Soldaten, einem Zivilisten oder einem Politiker unterscheidet", heißt es in einer Mitteilung der SDF. Von offizieller türkischer Seite gab es zunächst keine offizielle Bestätigung. Die regierungsnahe Zeitung "Yeni Safak" hatte schon am Samstag gemeldet, Khalaf sei bei einer Operation "außer Gefecht gesetzt worden". Sie sei bei einem Luftschlag auf dem Weg von Rakka nach Kamischli getötet worden.

sti/kle (afp, rtr, epd)

Die Redaktion empfiehlt