Immer mehr Visa-Anträge aus den Balkanländern | Europa | DW | 03.08.2018
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Fachkräftemangel

Immer mehr Visa-Anträge aus den Balkanländern

Arbeiten in Deutschland: Für viele Menschen aus den armen Balkanländern klingt das traumhaft. Doch für die Bearbeitung der Arbeitsvisa brauchen die deutschen Botschaften lange. Nicht alle Arbeitgeber können warten.

Serbien Deutsches Arbeitsvisum (DW/S. Kljajic)

Ein deutsches Arbeitsvisum in einem serbischen Reisepass

Bürger der Westbalkan-Staaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien können seit November 2015 dank der sogenannten Westbalkan-Regelung nach Deutschland kommen, um hier zu arbeiten. Einzige Voraussetzung: Die Bewerber müssen ein verbindliches Jobangebot haben. Und davon gibt es nicht wenige.

In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres haben die deutschen Botschaften in der Region 19.294 Visa erteilt. Die meisten Visa haben 2017 mit 4702 beziehungsweise 4758 Visa die Vertretungen der Bundesrepublik in Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) und Pristina (Kosovo) erteilt, gefolgt von Skopje (Mazedonien) mit 3675 und Belgrad (Serbien) mit 3613 Visa. Die Botschaft in der albanischen Hauptstadt Tirana erteilte im selben Zeitraum 2796 Visa. 

Aber vor den Botschaftstüren warten weiterhin viele Antragssteller. Das Auswärtige Amt bestätigt für die DW "einen enormen Anstieg von Visumsbeantragungen aus den Staaten des westlichen Balkans mit dem Ziel der Arbeitsaufnahme in Deutschland". Und: "Die Zahl der Anträge steigt weiter an."

Mehr als ein Jahr Wartezeit im Kosovo 

Dementsprechend lang sind die Bearbeitungszeiten besonders zwischen Terminanfrage und Antragstermin, sagt Carola Burkert, Expertin für Migration beim Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB). Die Liste der Länder mit den längsten Wartezeiten führten im Februar Kosovo mit über einem Jahr Wartezeit, Bosnien ebenso, Serbien sieben Monate, Albanien sechs Monate.

Hinzu kommt die Bearbeitung des eigentlichen Visums. "Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Angebot", sagt Burkert. "Das heißt, der Arbeitgeber braucht Sie jetzt - und wenn der potenzielle Arbeitnehmer nicht kommt, weil er kein Visum kriegt, dann muss ich mir als Arbeitgeber eben anderweitig helfen."

Genau das ist Bekim Imeri passiert. Der LKW-Fahrer aus Gostivar in Mazedonien bekam einen Arbeitsvertrag von einer Firma in Paderborn. Aber weil er nach mehreren Monaten noch immer kein Arbeitsvisum erhalten hatte, machte der Arbeitgeber einen Rückzieher. "So lange wartet keiner auf dich in Deutschland", sagt Bekim.

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Balkan: Die guten Leute gehen

Also machte sich der 46-Jährige erneut auf die Suche nach Arbeit in Deutschland - und fand sie bei der Firma Eraslan GmbH in Stuttgart. Den Arbeitsvertrag und einen neuen Visumsantrag brachte er selbst zur deutschen Botschaft in Skopje, wo er nach mehr als sieben Stunden Wartezeit angenommen wurde. Seitdem bangt Bekim jeden Tag, dass seine zweite Chance auf einen Job in der Bundesrepublik nicht ebenfalls verloren geht.

Tatsächlich stellt das Institut für Arbeit und Berufsforschung IAB in seiner letzten Studie "Westbalkanregelung: Arbeit statt Asyl?" fest, dass es eine große Diskrepanz zwischen der Zahl der erteilten Visa und der Zahl der Zustimmungen seitens der Arbeitsagentur gibt, die ebenfalls für die Erteilung eines Visums zur Arbeitsaufnahme nötig ist. Deren Zahl erhöhte sich von November 2015 bis September 2017 auf 128.000 - die der erteilten Visa aber erreichte nur 38.000.

Warum dauert es so lange, um ein Arbeitsvisum zu bekommen?

"Wartezeiten für Visumsbeantragung sind immer abhängig von der Nachfrage und den gerade zur Verfügung stehenden Kapazitäten in der jeweiligen Visastelle", erklärt das Auswärtige Amt für die DW. Die deutschen Auslandsvertretungen in den Westbalkan-Staaten seien "maximal verstärkt" worden, "die räumlichen Kapazitäten in den Botschaften wurden ausgeschöpft".

Die deutsche Botschaft in der kosovarischen Hauptstadt Pristina hat im Jahr 2017 insgesamt rund 50.000 Visumsanträge bearbeitet - von Kurzaufenthalten von Touristen und Geschäftsleuten bis zu Langzeitaufenthalten für Studium, Familienzusammenführung oder Arbeitsaufnahme. Doch obwohl die Bearbeitungskapazitäten für Visaanträge bereits deutlich erhöht wurden und auch in diesem Jahr weiter verstärkt werden, übersteigt die Nachfrage weiterhin die Kapazitäten: "Lange Wartezeiten sind daher leider weiter unvermeidlich." Ähnliches gilt für die Botschaft im serbischen Belgrad.

Zermürbende Prozeduren

Kein Wunder, dass die Unzufriedenheit der Antragsteller steigt. "In Kosovo ist es leichter, im Lotto zu gewinnen, als ein deutsches Visum zu bekommen. Es sind zermürbende Prozeduren", sagt Zgjim Berisha aus Pristina resigniert im Gespräch mit der DW. Er ist im letzten Jahr der Facharztausbildung für Chirurgie an der Universitätsklinik der kosovarischen Hauptstadt: "Ich kenne einige gut ausgebildete Ärzte und Krankenpfleger mit Deutschkenntnissen, die gern in Deutschland arbeiten würden. Das einzige Hindernis ist das Visum."

"In Serbien lag die Wartezeit für einen Termin bei der deutschen Botschaft bis Juni dieses Jahres bei vier bis fünf Monaten", sagt Dejan M. aus Serbien, "heute sind es sieben". Dejan hat im Februar ein Stellenangebot von einer Berliner IT-Firma bekommen - und wartet seitdem auf einen Termin.

Auch Kleis Hazizi aus Albanien, der einen unbefristeten Vertrag als Spediteur bei einer Firma im thüringischen Langenwetzendorf in der Tasche hat, wartet seit fünf Monaten auf die Visastelle. Die erforderlichen Unterlagen hat er längst eingereicht.

Ein Dilemma nicht nur für die potenziellen Arbeitnehmer

Carola Burkert sieht bei dem Visaprozedere ein Instrument der Steuerung der Migration durch die Visapolitik. "Es wurde gesagt, wir haben Wirtschaftsmigration aus den Westbalkan-Staaten, also bauen wir die legalen Wege unter bestimmten Bedingungen aus - aber die Bürokratie und die Strukturen wurden nicht so schnell und nachhaltig um- und ausgebaut. Das ist ein Dilemma, weil es zu Verdruss bei vielen Seiten führt."

Das gilt nicht nur für die potenziellen Arbeitnehmer vom Westbalkan. Auch deren deutsche Arbeitgeber warten darauf, dass eines Tages jemand die Unterlagen ihres Bewerbers aus den gewaltigen Stapeln in den deutschen Botschaften holt.

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