Im Schattenreich | Sprachbar | DW | 18.09.2013
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Sprachbar

Im Schattenreich

Der Schatten führt kein Schattendasein: Man kann ihn werfen, ihm nachjagen, über ihn springen, sich in ihm aufhalten und sich vor ihm fürchten – egal, ob als Kurschatten, im Schattenkabinett und beim Schattenboxen.

Nur zu Besuch stieg der griechische Sagen-Held Odysseus hinab in die Welt der Toten, ins Reich der Schatten. Er besuchte dort den toten Achilles. Eigentlich war dieser ja unverwundbar – bis auf die Ferse. Getroffen von einem Pfeil, wurde der Arme ins Schattenreich befördert. Und dort gefällt es ihm gar nicht. Bei seinem Treffen mit Odysseus seufzte er: „Lieber ein Bettler sein im Reiche des Lichts als ein König im Reiche der Schatten“. Dieser Wunsch wirft kein gutes Licht auf den Schatten.

Schattenwerfer

Ein Flugzeug in der Luft, das ein Banner mit der Aufschrift Willst du mich heiraten hinter sich herzieht

Wer schwer über seinen eigenen Schatten springen kann, muss bei einem Heiratsantrag kreativ sein

Als Schatten leben: Das ist schwer vorstellbar. Mit dem Schatten – und hier ganz besonders dem eigenen – leben: Das ist normal. Im alltäglichen Leben fällt es einem höchstens schwer, über den eigenen Schatten zu springen. Das heißt nämlich: sich überwinden müssen, etwas tun, was man seiner Natur nach nicht tun kann oder will. Aber kann man – und sei man noch so kräftig – einen Schatten werfen? Die Antwort lautet: Man kann. Und es ist ganz leicht.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten selbst und immer weit voraus, sie kündigen sich vor ihrem Eintreffen bereits an. Auch die Vergangenheit vermag Schatten zu werfen. Und wenn sie nicht schön ist, gelingt es ihr sogar, die Gegenwart zu überschatten, zu verfinstern. Aber auch allgemeiner gilt: Vergangenes – ob gut oder schlecht – wird mit der Zeit undeutlicher, konturloser wie ein länger werdender Schatten.

Im Schatten wachsen

Das Wagner-Denkmal in Leipzig (Sachsen): Richard Wagner als mannsgroße Figur steht vor seinem übergroßen Schatten.

Mancher steht im Schatten einer großen Persönlichkeit – außer es ist wie bei Richard Wagner sein eigener

Wie heißt der Satz, der gerne zitiert wird: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.“? Nun, nehmen wir es nicht so genau. In Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen“ sagt der gleichnamige Ritter: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Wer als Zeitgenosse des überragenden Goethe dichtete, dem konnte es passieren, dass er selbst keine Anerkennung fand – er stand im Schatten des Meisters wie eine Pflanze, die ohne Licht nicht zu voller Größe wachsen kann.

Aber die Natur macht uns dennoch Mut. Gedeiht doch in ihr auch die leckere Schattenmorelle. Bloß verdankt dieser Schatten einer Eindeutschung des französischen Wortes für „Schloss“ seine Herkunft: château. Warum allerdings bestimmte Pflanzen den Namen Nachtschattengewächse bekamen, ist den Sprachforschern nicht so ganz klar – vielleicht weil manche dunkle Beeren und Blüten haben.

Leben im Schatten

Eine Pflanze in einem Mauerspalt

Ein Schattendasein: Das ist das Los manches Mauerblümchens

Wer sich im Schatten aufhält, will sich nicht der Sonnenstrahlung aussetzen. Das ist allerdings kein Schattendasein – das führt nur, wer in den Schatten gezwungen wird, ihn nicht freiwillig sucht. Sicher, beinahe jeder kennt trostlose Momente, hat also Schattenseiten des Lebens kennengelernt. Er muss aber noch lange kein Schattendasein fristen, nahezu unsichtbar, leblos wie Achilles...

Manchem Menschen sieht man den Mangel an Heiterkeit und Licht an. Er wirkt blass und geschwächt. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst oder gleicht dem Schatten an der Wand. Keine Angst braucht er zu haben, wenn jemand mit ihm schimpft: „Du hast wohl einen Schatten!“ Gemeint ist nicht ein möglicher Schatten auf der Lunge, weil er zu viel geraucht hat. Nein, diese Schattenschelte bedeutet etwa: „Du bist verrückt.“

Verschiedene Schatten-Schattierungen

Wladimir Klitschko im Boxring beim Training - ohne Gegner

Fürs Schattenboxen braucht man keinen Gegner

Schluss jetzt mit Schattenboxen – diesem Boxen ohne Gegner. Jetzt versuchen wir, dem Schatten auch einige positive Seiten abzugewinnen! Das Schattenreich hat ja viele Facetten, sprich: Schattierungen. Der Schatten hat uns gelegentlich mehr zu bieten als Dunkelheit und Trostlosigkeit – zum Beispiel das Gefühl von Nähe. Man denke nur an den Kurschatten.

Das ist jemand, den man während eines Erholungsaufenthaltes, einer Kur, kennenlernt. Man versteht sich, unternimmt mehr und mehr gemeinsam. Jetzt kommt der Knackpunkt: entweder es wird immer angenehmer oder eben unangenehm. Schnell kann dann aus dem treuen Schatten jemand werden, der einem wie sein Schatten folgt, aufdringlich, immer in der Nähe ist.

Schattenkabinett – nicht immer gruselig

Schatten eines Mannes mit einem Messer

Vor manchen Schattenfiguren kann man sich richtig fürchten

Das kann schon gruselig sein. Und da muss man nicht von Natur aus so ängstlich sein, dass man sich vor dem eigenen Schatten fürchtet. Heute scheint das lächerlicher als es früher war. In der vorelektrischen Zeit warfen Fackel- oder Kerzenlicht bewegliche Schatten, die vergrößerten und verzerrten harmlose Gegenstände derart, dass es einem schon mal Angst und Bange werden konnte.

Auch ein sogenanntes Schattenkabinett kann furchterregend sein – besonders für eine Regierung vor einer Wahl. Ein Schattenkabinett wird von einer parlamentarischen Opposition bestimmt, damit der Wähler schon mal weiß, mit welchen Personen er es nach einem Regierungswechsel zu tun hat. Und der Wähler weiß es dann. Denkt er.

Kein Schatten ohne Licht

Wie alles im Leben hat auch das seine Licht- und Schattenseiten. Es führt zu weit, alles über den Schatten sagen zu wollen. Wer ein solch unerreichbares Ziel verfolgt, jagt einem Schatten nach. Andererseits: Wenn es gelänge, alles zu sagen, das wäre ein Ereignis, das alles in den Schatten stellen würde. Zumindest alles, was jemals über den Schatten gesagt wurde. Auch so Allgemeingültiges wie der Fakt, dass es keinen Schatten ohne Licht, ohne Sonnenlicht, gibt.






Fragen zum Text

Hans will Anna heiraten, traut sich aber nicht, ihr einen Antrag zu machen. Er …
1. fürchtet sich vor seinem Schatten.
2. stellt alle Ängste in den Schatten.
3. hat Angst, über seinen Schatten zu springen.

Eine Pflanze kann nicht wachsen, weil sie …
1. beschattet wird.
2. schattig steht.
3. überschattet wird.

Was stimmt nicht? Ein Mensch kann …
1. vor seinem Schatten davonlaufen.
2. im Schatten stehen.
3. einem Schatten nachjagen.


Arbeitsauftrag
„Lieber ein Bettler sein im Reiche des Lichts als ein König im Reiche der Schatten“. Was meint Achilles mit diesem Satz? Stimmst du ihm zu? Begründe deine Meinung in einem kurzen Text.

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