Im Lärm vereint - wie Arten auf Krach reagieren (oder auch nicht) | Wissen & Umwelt | DW | 20.04.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Im Lärm vereint - wie Arten auf Krach reagieren (oder auch nicht)

Wenn der Mensch lärmt, hat jeder etwas davon. Ob nun Fische, Säugetiere, Vögel oder Insekten - alle beeinflusst unser Krach. Die Effekte sind insgesamt ähnlich, wie diese Beispiele zeigen.

Und von überall kommt dieser Lärm, rauscht durch die Straßen, wird durch die Luft gewirbelt und im Wasser hunderte Kilometer voran getragen. Dabei beeinflußt dieser Krach, den vor allem wir Menschen verursachen, nicht nur uns selbst, sondern sämtliches Leben auf diesem Planeten, so klein und unbedeutend es uns auch erscheinen mag. Selbst Pflanzen haben ihr Säcklein zu tragen.

Alle Arten, die hier auftauchen, sind Fallbeispiele. Denn nicht jedes Individuum einer Art ist auf die gleiche Weise betroffen. Zum Teil steckt die Forschung zu den Effekten des vom Menschen verursachten Krachs auch noch in den Kinderschuhen. Das liege unter anderem daran, dass Lärm wegen anderer Forschungsarbeit auch mal zu kurz kommt, vermutet Andy Radford. Der Forscher von der Universität in Bristol, England, liefert gleich zwei Beispiele.

Das erste taucht in den Korallen des Great Barrier Reef vor Australien. Radford konzentriert sich bewusst auf Fische und nicht auf Meeressäuger, denn die wären in Sachen Lärmverschmutzung schon sehr gut untersucht, sagt er.

Schwalbenschwanz-Riffbarsch Spiny chromis Acanthochromis polyacanthus (Imago/OceanPhoto)

Bei Lärm vernachlässigen Riffbarsche ihren Nachwuchs

Fische: Was brummt in den Korallen?

Dem Schwalbenschwanz-Riffbarsch (spiny chromis) haben Andy Radford und sein Team Monate der Arbeit gewidmet. Bei den 11 bis 15 Zentimeter langen, blaugrauen Fischen ging es den Forschern vor allem um das Brutverhalten unter Einfluß von Krach.

"In unserem Experiment hatten wir knapp 40 Nester in ihrer natürlichen Umgebung im Korallenriff", erklärt Radford. "Der einen Hälfte haben wir 12 Tage lang Motorboot-Lärm eingespielt, der anderen Hälfte nicht. Die hörten natürliche Geräusche."

Unter dem Brummen von Motorbooten verhielten sich die Elterntiere defensiver, so Redford. Sie verjagten eine größere Zahl anderer Fische als die Riffbarsche in einer stilleren Umgebung.

WeiterlesenWenn der Mensch mit Lärm die Welt verschmutzt

"Man könnte das jetzt für etwas Gutes halten, aber wenn viele dieser Verfolgungsjagden umsonst sind, dann bleibt das Nest auch häufiger ungeschützt, die Elterntiere gehen der Brutpflege nicht nach, sie verschwenden gewissermaßen ihre Zeit", sagt der Meeresbiologe.

Außerdem verwendeten die Elterntiere deutlich weniger Zeit darauf, sich selbst mit Nahrung zu versorgen. Infolgedessen hätten sie weniger Energie, um sich um ihren Nachwuchs zu kümmern, so der Forscher. Außerdem stellten Radford und Kollegen fest, dass sich in weniger Nestern Nachwuchs entwickelt hatte, wenn sie Motorboot-Lärm ausgesetzt waren.

Natürlich hat nicht der Krach die Tiere umgebracht, stellt der Biologe klar, so laut hätten sie die Aufnahmen nicht laufen lassen. Stattdessen sei es wahrscheinlich, dass die Elterntiere zu lange nicht auf ihr Nest achteten und Räuber einfacher an die Eier gekommen seien.

Die Ergebnisse sollen auch in freier Wildbahn verifiziert werden. Dazu wurden die Tiere direkt im Riff über einem Zeitraum von drei Monaten Motorboot-Lärm ausgesetzt. Die Ergebnisse, hofft Radford, werden noch genauer sein.

Nachtigall Luscinia megarhynchos singend (Imago/blickwinkel)

Ist es zu laut, schrumpft der Lebensraum der Nachtigall

Vögel: Kurzer Atem, kleiner Raum

Zu Vogelarten gibt es inzwischen einige Studien. Sie haben Erkenntnisse geliefert, die denen der anderen Tierarten durchaus ähneln. Auch Vögel sind gestresst, wenn der Mensch zu heftig lärmt. Manche siedeln um, wenn es ihnen zu laut wird und beeinflussen so andere Arten (siehe unten). Manchmal entfremden sie sich auch von ihren städtischen Verwandten. Manche ziehen es vor zu bleiben, müssten sich aber eventuell anpassen, etwa in ihren Sing-Gewohnheiten, sagt Tobias Rahde, Vogel-Kurator am Zoologischen Garten in Berlin.

Exemplarisch für die Stadt könnte die Nachtigall stehen.

"Sie ist ein Singvogel, der seine Reviere sehr stark durch Gesang abgrenzt und sehr komplizierte Strophen hat", sagt Rahde. Bei Lärm singen die Tiere lauter. "Über zehn Dezibel lauter. Das ist eine ganz ordentliche Steigerung." Nicht alle der braunen, etwa sperlingsgroßen Vögel würden das schaffen.

Laut singen ist aber für das Nachtigall-Männchen wichtig, weil es damit seine weiblichen Artgenossen beeindrucken kann. "Aber auch die Männchen untereinander hören ihren Gesang nicht mehr so gut. Das kann auch Auswirkungen auf die Reviergröße haben", so Rahde. "Denn das Revier reicht nur so weit, wie der Gesang auch zu hören ist."

Schrumpfen die Reviere, weil man sich nicht mehr im gleichen Maße hören kann wie früher, geht eine weitreichende Ereigniskette los: Mit dem Revier schrumpfe auch das Jagdgebiet. "Und das kann dann auch Auswirkungen auf die Aufzucht der Jungen haben, weil nicht mehr genug Nahrung gefunden wird." Am Ende stehe die Anzahl der Tiere insgesamt auf der Kippe.

Insekten: umsonst gezirpt

Der Lärm, den Gaskompressoren im San Juan Becken, in New Mexico (USA) machen, muss ziemlich anstrengend sein. Die Maschinen produzieren hohe und tiefe Frequenzen gleichermaßen, sie laufen, wenn nichts dazwischen kommt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 52 Wochen im Jahr. Zudem senden sie Vibrationen in den Boden.

Wer immer es dort aushalten will, muss ein stabiles Nervenkostüm haben oder guten Schutz. Einer Untersuchung des Florida Museum of Natural History zufolge haben selbst einige der kleinsten Arten diese strammen Nerven nicht.

"Lärmverschmutzung betrifft alle Arten von Tieren, da sind auch Insekten keine Ausnahmen", heißt es in der Studie aus dem Mai 2017. In der Nähe der dröhnenden Kompressoren fanden die Forscher bis zu 95 Prozent weniger Höhlengrillen und Kamelgrillen vor, wiesen 52 Prozent weniger Schaumzikaden nach und 24 Prozent weniger Grashüpfer.

Alle gehören zu Gruppen, die in irgendeiner Weise von Geräuschen abhängen, sei es durch einen Klang oder Vibration. Ist also eine Art bei der Partnersuche darauf angewiesen gehört zu werden, wird sie wenig Erfolg in der Nähe eines Kompressors haben. Oder sollte eine andere Art darauf angewiesen sein, ihre Beute zu hören oder durch sie verursachte Vibrationen zu erfühlen, ist auch sie in der Nähe der menschgemachten Lärmverursacher chancenlos.

Insgesamt könnte sich durch den Lärm eine Kettenreaktion in Gang setzen, so die Forscher. Schließlich seien Insekten fundamental für die Funktionsweise von Nahrungsketten, die Bestäubung, dem Zersetzen von organischem Material und damit der Gesundheit ganzer Ökosysteme.

USA Steinkiefer Pinus edulis (Imago/imagebroker)

Flüchtende Bestäuber: Zu viel Lärm macht auch Bäumen Probleme

Pflanzen: Opfer aus der zweiten Reihe

Was machen aber nun Pflanzen? Sind sie auch betroffen, wenn der Mensch zu viel Lärm veranstaltet? Ohren haben sie ja nicht und auch keine Beine, um ihren Standort zu wechseln, wie es einige Arten tun. Und trotzdem sind sie betroffen, auch dazu gab es bereits Untersuchungen, etwa jene an Pinus edulis, einer Kiefernart, die große essbare Samen bildet.

Die Blütezeit der Kiefernbäume beginnt im Mai, die Bestäubung erfolgt meist im Juni. Nach vielen Monaten der Reife entwickeln sich gelblich grüne Zapfen, die klebrig von Harz sind und vor allem von Vögeln angeflogen werden. Besonders hervor tun sich hierbei Buschhäher, die die reifen Samen nicht fressen, sondern als Futtervorrat für den Winter verbuddeln.

Vergessene Samen werden so zu neuen Kiefernbäumen. Die Buschhäher allerdings flüchten bei zu großem Lärm in andere, stillere Gebiete, der Baum bleibt natürlich. Seine Samen wird er trotzdem los, allerdings etwa an Mäuse, denen der Lärm nicht so viel auszumachen scheint wie den Vögeln, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Anders als die Vögel fressen die Mäuse allerdings die meisten Samen. Infolgedessen wachsen weniger Exemplare und die Baumart gerät auf lange Sicht in Gefahr.

Afrika Zwergmanguste (Shannon Benson)

Zwergmangusten bekommen weniger von ihrer Umwelt mit, wenn es zu laut ist

Säugetiere: Maskierte Warnhinweise

Anders als die Mäuse sind südafrikanische Zwergmangusten durchaus lärmempfindlich. Die kleinen, braun bis rötlich braun gefärbten, zotteligen Tierchen stellen, neben den Korallenfischen, das zweite Forschungsobjekt von Andy Radford dar.

In Südafrika haben er und sein Team die sehr familiären Tiere in Bezug auf ihr Lärmverhalten untersucht.

"Wenn man sie mit den Korallenfischen vergleicht, sind sie natürlich weniger stark vom Lärm beeinflusst. Es ist schließlich nicht so, dass da Straßen kreuz und quer durch ihren Lebensraum führen", sagt Radford. Aber gerade deshalb eignen sie sich für einen Überblick zum Thema Lärm, sagt der Forscher. 

Weiterlesen: Das Land, in dem es noch echte Stille gibt

"Wir arbeiten hier mit einer wildlebenden Population in ihrer natürlichen Umgebung. Wir schauen uns ihre natürlichen Verhaltensweisen an und können so sehr gut nachvollziehen, wie beispielsweise ihre akustische Kommunikation betroffen ist. Bei Fischen ist das natürlich nicht so einfach."

Tatsächlich bemerken die an sich wachsamen, aufgeweckten Tierchen unter Lärmeinfluss Kotproben von Fressfeinden nicht mehr oder nicht mehr so zuverlässig. Der Lärm maskiere also die Gefahr, sagt Radford, die Aufmerksamkeit lasse nach und die Tierchen könnten unbemerkt überfallen werden, ganz ähnlich wie bei den Fischen im Great Barrier Reef. 

Wirklich in Gefahr sind die Mangusten in diesem Fall allerdings nicht. Es gebe in ihrem Lebensraum nur eine Straße, so Radford.

Die Forschung daran, wie Lärm auf verschiedenste Arten wirkt, wie er Verhalten und Leben ändert, ist noch lange nicht beendet. Bei den Mangusten gehe es darum, vom Kleinen aufs Große zu schließen, auf die allgemeingültigen Fragen, die bislang noch nicht gefragt worden sind: Wie reagieren zwei Individuen derselben Art, aber in unterschiedlichem Alter oder Geschlecht auf dasselbe Geräusch? Wie ändert sich ihr Verhalten, wenn sie das den Lärm schon kennen? Wie unterscheidet sich die Reaktion der Tiere auf natürliche Störgeräusche im Vergleich zu vom Menschen verursachten Lärm?

Und diese Fragen lassen sich, mit Blick auf die hier vorgestellten Arten, allgemeingültig formulieren. Eins ist sicher klar: Lärm betrifft alle Lebewesen und Lärm ist laut. Klar ist aber auch: Die Menschen können Lärm beeinflussen, schließlich verursachen sie ihn in großem Maße.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links