Im Gedenken uneins | Europa | DW | 08.01.2020
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NS-Zeit

Im Gedenken uneins

Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das die deutschen Besatzer in einer polnischen Stadt errichtet hatten. Das Gedenken daran steht unter keinem guten Stern.

Polen Gedenken Zweiter Weltkrieg Warschau | Andrzej Duda (Reuters/Agencja Gazeta/D. Zuchowicz)

Polens Präsident Andrzej Duda - Gedenkfeier in Warschau zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs

Es steht endgültig fest: Polens Präsident Andrzej Duda wird am 23. Januar nicht an der Gedenkfeier in Yad Vashem, der zentralen Holocaust-Gedenkstätte in Israel, teilnehmen. Und die Gedenkfeier in Auschwitz am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers durch die sowjetische Armee, wird ohne den russischen Präsidenten Wladimir Putin stattfinden - er wurde von der polnischen Regierung zu den Feierlichkeiten nicht eingeladen. Zwischen Polen und Russland eskaliert der Streit um die Schuldfrage des Zweiten Weltkriegs.

Nur selten sieht man den polnischen Präsidenten Andrzej Duda Schulter an Schulter mit Premierminister Mateusz Morawiecki, außer bei Angelegenheiten von höchster Bedeutung. Am Dienstag war es soweit. Hinter den polnischen Machtmännern polnische Flaggen, auch jeweils eine von Nato und EU. Duda erklärte, er "sehe keinen Grund, warum Vertreter Russlands, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und der USA an so einem Ort und aus so einem Anlass auftreten dürfen, aber nicht der Präsident Polens." Da ihm in Yad Vasheml keine Redezeit gewährt worden sei, werde er nicht dorthin reisen.

Dort erinnert Israel nur vier Tage vor den Gedenkfeiern im ehemaligen deutschen KZ Auschwitz-Birkenau selbst des Holocausts. Sprechen sollen unter anderem Vertreter der vier alliierten Siegermächte, also auch der russische Präsident Putin. Dies verärgerte den polnischen Präsidenten, der eingeladen war - aber nicht zu Wort kommen sollte. Schließlich sei Polen das Land, aus dem die meisten Holocaust-Opfer stammten, so Duda. Die Gedenkstätte Yad Vashem teilte hingegen mit, "dass von 1,5 Millionen Opfern des Todeslagers Auschwitz-Birkenau rund 1,1 Millionen Juden waren, die ermordet wurden, nur weil sie Juden waren, ungeachtet ihrer Herkunftsländer."

Putins Worte

Der Streit um die Rederechte in Israel kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Diskussion um die Deutung der Geschichte bereits zugespitzt hat. Ende Dezember relativierte Wladimir Putin den Hitler-Stalin-Pakt, den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, mit dem Nazideutschland und die Sowjetunion zugleich Polen und weitere Länder unter sich aufgeteilt hatten. Polen - so Putin - sei mitverantwortlich für den Krieg, seine politische Führung sei antisemitisch gewesen, Jozef Lipski, polnischer Botschafter in Deutschland bis 1939, "ein antisemitisches Schwein". Auch deshalb sei es jetzt besonders unverständlich, dass nach diesen Äußerungen Putins der polnische Präsident schweigen soll, hieß es nun in Warschau. Die Beschuldigungen seien eine "Verfälschung der historischen Wahrheit" und ein Versuch, "das polnische Volk zu erniedrigen".

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Polen: Wo begann der Zweite Weltkrieg wirklich?

In einem Gespräch mit der DW kritisiert der britische Historiker Roger Moorhouse, Russland versuche, seine Geschichte zu verherrlichen. "Jedes Land hat eine selektive Sicht der eigenen Geschichte, aber das hier ist der Versuch, sie aktiv zu verfälschen".

Nachwirkung des "Holocaust-Gesetzes"

Vor einigen Monaten schrieb das liberale polnische Magazin "Kultura liberalna", Polen und Israel hätten im Grunde ähnliche Vorstellungen von Geschichtspolitik. "Beide Länder stehen im Wettstreit darüber miteinander, die eigenen Leiden als einmalig herauszustellen."

Im März 2018 war in Polen das sogenannte "Holocaust-Gesetz" in Kraft getreten. Danach sollte jedem, der "Polen" für Verbrechen der Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus (mit)verantwortlich macht, eine Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren drohen. Das Gesetz sorgte in Israel für Empörung. Zum 73. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sagte die israelische Botschafterin in Polen, das Gesetz mache es unmöglich, die Wahrheit über den Holocaust zu sagen. Damit sprach sie an, was viele nicht hören wollen: Dass es auch in Polen Fälle von Kollaboration mit den Nazis gab und das einige von ihnen dokumentiert sind wie der Fall Jedwabne, wo es im Juli 1941 zum Pogrom polnischer Bürger an jüdischen Einwohnern kam.

Trotzdem finden sich unter den "Gerechten unter den Völkern" in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem am häufigsten polnische Namen. Kaum ein anderes Volk hat Juden während des Zweiten Weltkriegs so oft geholfen wie die Polen. Damit riskierten die Menschen ihr eigenes Leben, denn wer Juden half, musste mit dem eigenen Tod rechnen sowie dem Tod seiner ganzen Familie.

Letztendlich wurde das "Holocaust-Gesetz" entschärft, doch das Thema Antisemitismus nicht ad acta gelegt. Im letzten Jahr empörte Israels Außenminister Israel Katz viele mit dem Satz, "die Polen saugen den Antisemitismus mit der Muttermilch auf". Das israelische Außenministerium ist indes Mitveranstalter der Gedenkfeier am 23. Januar in Yad Vashem. Auch das könnte bei Dudas Absage eine Rolle spielen, so einige Stimmen.

Wer repräsentiert Polen?

Nach Angaben des polnischen Außenministers Jacek Czaputowicz wird nun ein anderer Vertreter Polens nach Jerusalem reisen. Man wisse noch nicht, wer es sein wird. Dem Privatsender Polsat gegenüber sagte  Czaputowicz: "Er wird zuhören und vielleicht auch das Wort ergreifen".

Czaputowicz machte auch auf einen für ihn "offenkundigen" Zusammenhang zwischen den israelischen Veranstaltern der Konferenz und Russland aufmerksam: "Israel ist an guten Beziehungen zu Russland interessiert". Russland sei wichtig in Syrien und damit für eine Region von Bedeutung für Israels Sicherheit, meinte Czaputowicz.

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