Im Eiltempo auf alle Achttausender - Nirmal Purja schreibt Bergsteiger-Geschichte | Sport | DW | 29.10.2019
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Bergsteigen

Im Eiltempo auf alle Achttausender - Nirmal Purja schreibt Bergsteiger-Geschichte

"Mission erfüllt" - innerhalb von sechs Monaten besteigt Nirmal Purja die 14 höchsten Berggipfel der Welt. Der nepalesische Bergsteiger zeigt, was möglich ist: mit einem starken Team, Sauerstoff und Entschlossenheit.

Nirmal Purja (Getty Images/AFP/P. Mathema)

Nirmal Purja - ein ehemaliger Elitesoldat bezwingt 14 8000er in wenigen Monaten

Gelegentlich verfällt der Bergsteiger Nirmal, genannt "Nims" Purja noch in den Militärjargon: "Ich stehe immer noch stark und mutig auf dem Schlachtfeld, meine Mission, meine Vision und mein Ziel sind klar." Alle 14 Achttausender in sieben Monaten - das hatte sich der frühere Elitesoldat der britischen Armee vorgenommen. Und der 36-Jährige hat es geschafft, in nur etwas mehr als sechs Monaten.

Begonnen hatte er seinen Parforceritt über die Achttausender-Gipfel am 23. April mit seinem Erfolg an der Annapurna (8091 Meter). An diesem Dienstag erreichte Purja mit seinem Sherpa-Team den Gipfel der Shishapangma (8027 Meter) in Tibet und beendete seine Serie: "Mission erfüllt", hieß es auf der Facebookseite des "Project Possible", wie Purja seinen Rekordversuch bezeichnete. Um 8:58 Uhr (Ortszeit) erreichte er mit seinem dreiköpfigen Team den Gipfel. Der niedrigste Achttausender war der letzte, der ihm in seiner Sammlung noch fehlte - und der ihm am meisten Bauchschmerzen bereitete.

Eigentlich hatten die chinesisch-tibetischen Behörden den Berg für diesen Herbst gesperrt - aus Sicherheitsgründen, wie es offiziell hieß. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, dass die Führung in Peking ungern ausländische Zuschauer haben wollte, sollte es in Tibet rund um den 70. Jahrestag der kommunistischen Staatsgründung am 1. Oktober Unruhen geben.

Die nepalesische Regierung bat darum, für Purja eine Ausnahme zu machen. Und auch die Bergsteiger-Szene appellierte in zahllosen Mails und Blogartikeln an die Verantwortlichen, über den eigenen Schatten zu springen. Überraschenderweise erteilten die chinesisch-tibetischen Behörden Purja dann tatsächlich nach Abschluss der Feierwoche zum Nationalfeiertag eine Sondergenehmigung, die Shishapangma zu besteigen und damit sein "Project Possible", wie er es getauft hatte, erfolgreich abzuschließen.

Hypothek aufs eigene Haus genommen

Als Purja seinen Plan Ende 2018 vorstellte, erntete er vor allem Kopfschütteln. Rund 40 Bergsteiger hatten bis dahin alle 14 Berge jenseits der magischen 8000-Meter-Marke bestiegen. Der bis dahin Schnellste, der Südkoreaner Kim Chang-Ho, hatte dafür sieben Jahre und zehn Monate gebraucht, der Südtiroler Reinhold Messner, der erste Mensch, dem 1986 dieses Kunststück gelungen war, sogar über 16 Jahre. Wie sollte Purja es in nur sieben Monaten schaffen? Und woher wollte er das Geld dafür nehmen?

China Berg Shishapangma | Platz der Heiligen (picture-alliance/imageBroker/O. Schubert)

Der Achttausender Shishapangma liegt vollständig auf tibetischem Territorium

"Ein finanzielles Risiko folgte auf das andere", berichtete Nims Purja später. Er nahm eine zusätzliche Hypothek auf sein Haus auf und steckte das Geld in sein Projekt. Verzweifelt suchte er nach Sponsoren, sammelte über Crowdfunding im Internet Geld und führte dann an einigen der Achttausender, die er in Serie abhakte, zahlende Kunden auf den Gipfel. "Achttausender zu besteigen, ist ein teurer Spaß", sagte Purja dem Autoren und Bergexperten Stefan Nestler Ende Juni, nachdem er auf den ersten sechs Gipfeln gestanden hatte und ihm wieder einmal das Geld ausgegangen war. "Nimm dir eine einzelne Expedition, die in der Größenordnung von 50.000 Pfund (56.000 Euro) kostet, und multipliziere das mit 14!"

Doch irgendwie gelang es Purja immer wieder, das nötige Geld für sein Projekt zusammenzukratzen. "Ich werde weitermachen, bis ich erfolgreich bin. Ich wurde nicht in diese Welt geboren, um zu verlieren", verkündete der Nepalese trotzig. "Ich bin kein Schaf, das darauf wartet, vom Hirten herumgetrieben zu werden. Ich bin ein Löwe, und ich weigere mich, mit dem Schaf zu reden, zu gehen, zu schlafen. Ich werde nicht auf die hören, die rumjammern und sich beschweren, denn ihre Krankheit ist ansteckend. Sie sollen sich den Schafen anschließen. Das Schlachthaus des Scheiterns ist nicht mein Schicksal."

16 Jahre in der britischen Armee

Im Guinness-Buch der Rekorde stand Purja bereits vorher. 2017 hatte er innerhalb von nur fünf Tagen auf drei Achttausender-Gipfeln gestanden: auf dem Mount Everest (8850 Meter), dem benachbarten Lhotse (8516 Meter) und dem Makalu (8485 Meter). Sonst war der Nepalese selbst in der Szene ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das Bergsteigen war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Nims wuchs im nepalesischen Distrikt Chitwan nahe der indischen Grenze auf, "der flachsten Gegend im ganzen Land", wie Purja erzählte.

Infografik Karte die 14 Achttausender DE

Die höchsten Berge der Welt im Überblick

Mit 20 Jahren trat er in das traditionsreiche Gurkha-Regiment der britischen Armee ein, in dem seit gut 200 Jahren nepalesische Soldaten ihr Geld verdienen. Sechs Jahre später wurde Purja Mitglied des "Special Boat Service", einer Spezialeinheit der britischen Marine, deren Motto "By Strength and Guile" (durch Stärke und List) er noch immer gerne zitiert. Anfang des Jahres beendete Purja nach 16 Jahren seinen Militärdienst, um sich ganz dem Bergsteigen und seinem "Project Possible" zu widmen.

Schlechter Stil?

Zunächst rümpften Bergsteiger-Puristen über Purjas Vorgehensweise die Nase: In Nepal nutzte er Hubschrauber, um die Distanz zwischen den Basislagern zu Füßen der Achttausender möglichst schnell zu überwinden. Zudem stieg er auf den teilweise schon präparierten Normalrouten auf, die auch von den kommerziellen Expeditionsteams genutzt wurden. Oberhalb von 7500 Metern griff Purja zu Flaschensauerstoff. Zudem hatte er bei seinen Aufstiegen stets ein bärenstarkes Sherpa-Team um sich herum.

Nach und nach verstummten jedoch die Kritiker. Sie mussten anerkennen, dass Nirmal Purja Außergewöhnliches leistete. So steigerte er seinen Rekord an Everest, Lhotse und Makalu auf 48 Stunden und 30 Minuten, obwohl er am Everest-Gipfelgrat in einen Bergsteiger-Stau geriet - sein Foto davon ging um die Welt.

Nepal Bergsteiger sterben am Mount Everest (picture-alliance/dpa/Nimsdai Project Possible/N. Purja)

Dieses Bild machte Nirmal Purja am 22. Mai am Gipfelgrat des Mount Everest

Am Dhaulagiri (8167 Meter) gelang ihm und seinen Begleitern im Frühjahr trotz extrem widriger Wetterbedingungen der einzige Gipfelerfolg der Saison. Im Sommer sah es aus, als würde der K2 (8611 Meter), der in Pakistan gelegene zweithöchste Berg der Erde, in diesem Jahr unbestiegen bleiben, die meisten Teams hatten bereits das Handtuch geworfen. Doch dann kamen Purja und Co., sicherten die Route bis zum Gipfel, und in ihren Fußstapfen stiegen noch rund 30 weitere Bergsteiger zum höchsten Punkt auf. Nebenbei beteiligte sich Purja an den Achttausendern auch noch an insgesamt vier Rettungsaktionen.

"Erst der Anfang"

Sein Erfolgsgeheimnis beschrieb Nirmal Purja kurz und knapp auf diese Weise: "Ich glaube fest daran, dass alles im Leben nur mit Entschlossenheit und einer positiven Einstellung möglich ist. Ich bin entschlossen und habe eine positive Einstellung." Die soll ihn nach seinem Coup an den 14 Achttausendern auch weiter zu Höchstleistungen treiben. Über die sozialen Netzwerke ließ Purja wissen: "Glaubt mir Freunde, das ist erst der Anfang."

Das war Nirmal Purjas "Project Possible":

  • Annapurna, 23. April 2019
  • Dhaulagiri, 12. Mai 2019
  • Kangchendzönga, 15. Mai 2019
  • Mount Everest, 22. Mai 2019
  • Lhotse, 22. Mai 2019
  • Makalu, 24. Mai 2019
  • Nanga Parbat, 3. Juli 2019
  • Gasherbrum I, 15. Juli 2019
  • Gasherbrum II, 18. Juli 2019
  • K2, 24. Juli 2019
  • Broad Peak, 26. Juli 2019
  • Cho Oyu, 23. September 2019
  • Manaslu, 27. September 2019
  • Shishapangma, 29. Oktober 2019

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