Im Bausektor läuten die Alarmglocken | Europa | DW | 17.11.2018
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Türkei

Im Bausektor läuten die Alarmglocken

Knapp zwei Millionen Menschen sind in der Türkei im Bausektor beschäftigt. Doch nun werden die fallenden Immobilienpreise zum Problem für die Branche. Die Regierung versucht gegenzusteuern, Experten sind skeptisch.

Die türkische Regierung liebt pompöse Brücken, große und hohe Gebäude, und die Eröffnung prunkvoller Einkaufszentren. Aktuelles Prestigeprojekt im Bausektor: der neue Istanbuler Flughafen, der einmal der größte der Welt sein soll. Das von der Regierung gewollte Signal: Es brummt am Bau!

15 Jahre lang galt die Baubranche als die treibende Kraft der türkischen Wirtschaft. Doch nun läuten dort die Alarmglocken. Knapp zwei Millionen Menschen sind bei Baufirmen beschäftigt. Doch die Unternehmen haben sich hoch verschuldet, stehen mittlerweile mit umgerechnet über 60 Milliarden Euro in der Kreide. Zudem ist die Nachfrage nach Bauleistungen im Land rückläufig und der Immobilienverkauf sinkt um zehn Prozent pro Monat.

Nun sieht sich die türkische Regierung gezwungen, den riesigen Bausektor vor dem Niedergang zu retten - ein Wirtschaftszweig, der im vergangenen Jahr 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachte. Offenbar wird in Ankara gerade ein Hilfspaket geschnürt. Experten sind allerdings skeptisch, ob die geplanten Maßnahmen sinnvoll sind.

Bauarbeiten am neuen Flughafen von Istanbul (picture-alliance/AP/E. Gurel)

Prestigeprojekt Flughafen Istanbul: Die Regierung liebt es pompös

Ein Problem der Branche scheint zu sein, dass der Boom offenbar künstlich aufgebläht wurde. Es sei für Baufirmen einfach gewesen, langfristige, große und günstige Kredite zu bekommen, um zu wachsen, sagt Finanzkolumnist Uğur Gürses. "Lange Zeit konnte der Sektor Kredite zu einem Prozent Zinsen aufnehmen. Das heizte die Immobiliennachfrage an. Es kam zu einem Bauboom", so Gürses.

Schon 2016 bekam das schöne Bild erste Risse und die folgenden politischen Entwicklungen sorgten zudem für eine Verschlechterung der Konjunktur, was wiederum für einen Abwärtstrend bei den Immobilienpreisen sorgte. Zunehmend sei auch immer weniger Kapital in die Türkei geflossen, sagt Gürses, was zu einem ernsthaften Finanzproblem des Bausektors geführt habe. Immer wieder habe es in den vergangenen Jahren Baukampagnen gegeben, um das Problem zu lösen. Deren größte Unterstützer seien öffentliche Banken, doch auch deren Finanzquellen seien allmählich erschöpft, so der Finanzexperte.

Nach Angaben der türkischen Bankenaufsicht (BDDK) vom September 2018, machen die an die Bauindustrie gegebenen Kredite 15 Prozent aller Kredite in der Türkei aus. Dagegen nahm nach Angaben des Türkischen Statistikinstituts (TÜIK) der Verkauf von Wohnungen im September 2018 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 9,2 Prozent ab, die Zahl der Häuser, die ihren Besitzer wechselten, sank sogar um 14 Prozent.

"Knapp 800.000 nicht verkaufte Immobilien"

Die Regierung in Ankara möchte nun den Bausektor mit einem Finanzpaket helfen. Wie türkische Medien berichten, ist geplant, dass die halbstaatliche Immobiliengesellschaft "Emlak Konut" unverkäufliche Wohnungen und Gebäude erwirbt. 30 Prozent des Verkaufspreises sollen demnach an die Bauunternehmer fließen, mit dem Rest soll deren Schuldenberg abgetragen werden.

Bauarbeiter auf einem Gerüst in Istanbul (2015) (picture-alliance/imageBROKER/E. Bömsch)

Bauarbeiter in Istanbul in der Boomphase (2015): Schon 2016 erste Risse im schönen Bild

Bislang hat das Wirtschaftsministerium diese Berichte weder  bestätigt, noch offiziell dementiert. Aber könnte dem Bausektor auf diese Weise aus der Krise geholfen werden?

Nazmi Durbakayım ist Vorsitzender des Istanbuler Bauunternehmer-Verbands. Er sagt, es sei bislang ungewiss, wie die Regierung in Zukunft mit den nicht verkauften Immobilien verfahren wolle. Doch Durbakayım hat Hoffnung. "In der Türkei gibt es derzeit knapp 800.000 unverkaufte Immobilien. Wir gehen davon aus, dass mit dem auf die Inventur der Regierung folgenden Programm diese Immobilien innerhalb von drei bis fünf Monaten verkauft werden."

"Bedrohung des Bankensektors "

Vor allem eine schnelle Lösung des Schuldenproblems scheint nun dringend geboten. Yalçın Karatepe, Ökonomieprofessor an der Universität Ankara, sagt, die Probleme der Baubranche seien - aufgrund der Nähe der verschiedenen Wirtschaftssektoren zueinander - auch in anderen Bereichen zu spüren.

Yalçın Karatepe (privat)

Ökonom Karatepe: "Kauft die Regierung künftig auch Autos?"

Derzeit könnten die Baufirmen ihre Schulden von insgesamt 60 Milliarden Euro nicht zurückzahlen, so Karatepe. "Dieses Kreditrisiko stellt derzeit eine ernstzunehmende Bedrohung für den Bankensektor dar." Die von der Regierung angestrebte Lösung, einfach selbst die unverkäuflichen Immobilien zu erwerben, hält der Wissenschaftler nicht für sinnvoll: Dies würde dazu führen, dass sich der Staat verschulden müsste.

"Kauft die Regierung dann künftig auch Autos, die keiner haben will?", fragt Karatepe. Das Hilfsprogramm würde nur die Symptome lindern, aber die Ursachen nicht bekämpfen. "Aber sollte man so verfahren, würde das bedeuten, dass der Staat die Schulden des Bausektors übernimmt und die Steuerzahler für alle Probleme zahlen lässt." Ein erster Schritt für eine realistische Lösung sei ein Eingeständnis, dass es überhaupt eine Krise im Bausektor gibt.

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