Igor Levit spielt im Andenken an Thomas Mann | Musik | DW | 15.10.2021
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Thomas-Mann-Haus Los Angeles

Igor Levit spielt im Andenken an Thomas Mann

Der Pianist Igor Levit weiht den Flügel von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann in den USA ein. Ein Symbol für gute transatlantische Beziehungen.

Bildcollage mit dem Flügel des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann gespielt von Bruno Walter

Links der restaurierte Flügel, rechts spielt Bruno Walter 1946 am Flügel. Im Hintergrund Thomas Mann

Weitgereist ist der Flügel des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Dank seines Enkels Frido Mann trat das Instrument 2019 seine letzte Reise an, zurück ins frühere Exil der Familie in Pacific Palisades am Rande von Los Angeles. Dort wird das Erbstück am 16. Oktober feierlich von dem Klaviervirtuosen Igor Levit eingeweiht. Wegen der Corona-Pandemie musste das Konzert lange Zeit verschoben werden.

Frido Mann, selbst Musiker, Psychologe und Autor, war es wichtig, dass dieser Flügel wieder in das einstige Haus der Großeltern zurückkommt. "Ich habe Jahrzehnte lang den Flügel mitgeführt, das war mein musikalischer Alltag", sagte der Autor im Gespräch mit der Deutschen Welle. Vor zehn Jahren habe er dann langsam aufgehört auf dem Instrument zu spielen. "Da dachte ich, jetzt ist genau die Zeit gekommen diesen Schritt zu tun."

Mit der Schenkung des Flügels an die Bundesrepublik Deutschland wollte er sich vor allen Dingen bei der Bundesregierung bedanken, die das Haus 2016 zurückgekauft und so vor dem Verfall bewahrt hatte. "Ich wollte aber auch eine gewisse Lebendigkeit von der historischen Bedeutung des Hauses wieder dort hineinbringen", sagt Mann.

"Das Weiße Haus des Exils"

Die weiße Exil-Villa von Thomas Mann in den USA.

Das Thomas-Mann-Haus in Los Angeles

Die weiße Villa, in der Thomas Mann von 1942 bis 1952 mit seiner Familie lebte, ist heute eine transatlantische Begegnungsstätte, in der bis zu fünf Stipendiatinnen und Stipendiaten wohnen können, um im Austausch mit dem Gastland Gesellschafts- und Zukunftsfragen nachzugehen. 2018 eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das "Thomas Mann House", wie es offiziell heißt. Damals regierte Donald Trump, der viele transatlantische Beziehungen kappte. Steinmeier nannte das Wohnhaus der Familie in Anlehnung an den Regierungssitz des amerikanischen Präsidenten "Das Weiße Haus des Exils". Frido Mann veröffentlichte unter dem gleichnamigen Titel 2018 sein Buch über die Exiljahre Thomas Manns und sein politisches Engagement. 

Mitte der 1940er-Jahre hatte Thomas Mann Musiker, Künstler und Intellektuelle in sein Haus zu Kammerkonzerten eingeladen, darunter viele Exilanten, die vor Hitlers Diktatur geflohen waren. An Thomas Manns Flügel spielte etwa Bruno Walter, und der Philosoph und Musikwissenschaftler Theodor W. Adorno weihte Thomas Mann in die Regeln der atonalen "Zwölftonmusik" ein. Auch der Physiker Albert Einstein und der Schriftsteller Lion Feuchtwanger waren in der Villa zu Gast. 

Frido Manns Kindheitserinnerungen

Sein Großvater, so erzählt Frido Mann, habe lange nicht geglaubt, dass Hitler im Krieg zu besiegen sei. "Beim Hitlerattentat sah er schon einen Anfang vom Ende und das hat eine Entspannung in die Familie gebracht", sagt er in Bezug auf Tagebucheintragungen von Thomas Mann. "Ich kann mir vorstellen, dass das eine Rolle gespielt hatte, mal etwas Schönes zu machen und in die wunderschöne klassische Musik einzutauchen."

Thomas Mann am Tisch zeigt seinen Enkeln ein Buch.

Thomas Mann 1941 auf dem Patio seines Hauses in Pacific Palisades. Seine Frau Katia hat rechts ihren Enkel Frido auf dem Schoß.

Als Kind lebte Frido Mann zeitweise bei seinen Großeltern und hörte aus seinem Kinderzimmer abends im Bett die Konzerte, die im "Living Room" des Hauses gegeben wurden. Dort steht der Flügel auch heute wieder, genau an der gleichen Stelle. 1952 hatte die Familie ihr Exil verlassen und das Instrument kam mit in die Schweiz. Während seines Musikstudiums in Zürich nutzte Frido Mann den Flügel im Haus seiner Großeltern. Nach dem Tod seiner Großmutter Katia Mann, 1980, nahm er das gute Stück dann zu sich nach Deutschland und zog noch mehrmals mit dem alten Instrument um.

Für Frido Mann ist die Schenkung auch eine Art Rückgabe an den eigenen Großvater. Der hatte 1944 noch kurz vor Kriegsende veranlasst, dass Frido Manns Eltern diesen "Baby Grand Piano" (Stutzflügel) von der New Yorker Firma Wheelock in San Francisco besorgten.

Doktor Faustus und Beethoven

Frido Mann nennt das Instrument auch gerne den "Faustus"-Flügel, denn Thomas Mann schrieb in dieser Zeit sein berühmtes Spätwerk, den Gesellschaftsroman "Doktor Faustus". Es ist die Geschichte des mittelmäßigen Komponisten Adrian Leverkühn, der seine Seele dem Teufel verkauft, um Ruhm und Ehre zu erlangen.

Im achten Kapitel des Romans wird Beethovens Klavier Sonate Opus 111 ausführlich erklärt, ein wegweisendes Spätwerk des Komponisten. Beethoven hatte hier die düstere Tonart c-Moll und die helle Tonart C-Dur aufeinanderprallen lassen. Ein virtuoses rhythmisches Werk voller Gegensätze von gewaltigen Akkorden und gesanglichen Melodien. Durch die ausführliche Besprechung in seinem Roman hat Thomas Mann dem Werk ein Denkmal gesetzt und es geradezu mythisch umwoben.

Aus diesem Grund hat sich Frido Mann genau diese Beethoven Sonate als Programmpunkt für die offizielle Einweihung des Flügels in Pacific Palisades gewünscht, gespielt von dem Klaviervirtuosen Igor Levit auf dem generalrestaurierten Instrument seines Großvaters.

Musik für die transatlantische Verständigung

Das "Thomas Mann House" wird von einem Verein verwaltet, der auch die Stipendiatinnen und Stipendiaten auswählt. Viele von ihnen kommen aus dem politisch-gesellschaftlichen Bereich. Frido Mann hofft, dass durch den Flügel im Haus auch wieder Kammerkonzerte stattfinden, um das Auswahlgremium zu inspirieren, auch Musikerinnen und Musikern ein Stipendium zu geben.

Frido Mann steht im Münchener Literaturhaus vor einem Plakat mit dem Porträt seines Großvaters Thomas Mann.

Thomas Mann und Frido Mann: Beide Kämpfer für die Demokratie

"Musik gehört zum Haus und auch zu Thomas Mann", sagt Frido Mann. "Mein Großvater war ja eigentlich gar kein Akademiker. Es waren ja kaum Professoren, sondern Schriftsteller, Musiker, Filmregisseure oder Filmschauspieler bei ihm zu Gast, das war seine Welt."

Außerdem könne Musik auch die transatlantischen Beziehungen fördern. Ein Anfang zu weiteren Kammerkonzerten ist mit dem Pianisten Igor Levit gemacht. "Ich hoffe natürlich sehr, dass der Flügel für die Musik als transatlantische Kommunikation genutzt wird. So, wie es jetzt auch ist, wenn ein russisch-jüdischer Pianist, der in Deutschland lebt, in Amerika diesen Flügel einweiht."

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