Ifo: Deutschlands Überschuss bleibt spitze | Wirtschaft | DW | 21.08.2018
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Handel

Ifo: Deutschlands Überschuss bleibt spitze

Deutschland wird kritisiert, weil es zu wenig importiert. In diesem Jahr sinkt der deutsche Handelsüberschuss zwar leicht, bleibt aber der weltweit größte, so die Prognose eines Instituts.

Der deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz wird sich in diesem Jahr auf umgerechnet 299 Milliarden US-Dollar summieren. Das hat das Münchner Forschungsinstitut ifo für die Nachrichtenagentur Reuters berechnet.

Es wäre das dritte Jahr in Folge, dass Deutschland den weltweit größten Überschuss ausweist. Mit den erwarteten 299 Milliarden Dollar läge das Land vor Japan (200 Milliarden Dollar) und den Niederlanden (rund 110 Milliarden Dollar).

Exportweltmeister China kommt in diesem Jahr nur auf ein leichtes Plus von 41 Milliarden Dollar in der Leistungsbilanz. "Aufgrund sehr starker Einfuhren und schwächerer Ausfuhren ist der Warenüberschuss deutlich niedriger im ersten Halbjahr 2018", erklärte Ifo-Experte Christian Grimme. "Dabei wurde vor allem weniger in die USA und nach Europa exportiert." Hinzu kommt, dass China bei den Dienstleistungen ein großes Minus macht.

"Dagegen dürften die USA wieder das Land mit dem größten Leistungsbilanzdefizit werden, mit knapp 420 Milliarden US-Dollar", sagte Grimme.

Infografik Wirtschaft Leistungsbilanz 2018

alle Angaben in Milliarden US-Dollar

Deutscher Überschuss sinkt leicht

Die Leistungsbilanz umfasst die Einnahmen und Ausgaben einer Volkswirtschaft, darunter die Im- und Exporte von Gütern und Dienstleistungen sowie Finanztransaktionen wie grenzüberschreitende Arbeitsentgelte, Einkommen aus Vermögensanlagen, Überweisungen von Migranten in die Heimatländer und Zahlungen an internationale Organisationen.

Auch wenn er immer noch der weltweit größte ist, wird der deutsche Leistungsbilanzüberschuss 2018 gegenüber dem Vorjahr leicht sinken, so die Prognose. "Der Überschuss beim Warenexport dürfte nicht mehr zulegen", so Grimme. Außerdem würden die Einkommen aus Auslandsvermögen wahrscheinlich leicht zurückgehen und die Wirtschaftsleistung einschließlich Inflation steigen.

Das ifo-Institut erwartet, dass sich der deutsche Überschuss von 7,9 Prozent der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr auf 7,8 Prozent in diesem Jahr verringern wird. Die EU hält höchstens sechs Prozent für langfristig tragfähig.

Kritik an Deutschland

US-Präsident Donald Trump hat Deutschland seine großen Überschüsse wiederholt vorgeworfen, da sie angeblich zulasten der US-Wirtschaft gehen. Er drohte deshalb mit Strafzöllen auf Autos, dem wichtigsten deutschen Exportschlager.

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Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) kritisiert die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse regelmäßig und schlägt vor, diese durch vermehrte Importe zu reduzieren. Dafür seien höhere Löhne und größere Investitionen in die Infrastruktur nötig, so der IWF.

Die deutsche Wirtschaft sieht in dem hohen Plus indes kein Problem. "Er verdeutlicht die Leistungsfähigkeit der deutschen Unternehmen und die  Attraktivität ihrer Produkte - und das aktuell in einem international schwierigen Umfeld", sagte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier.

"Das Klagen darüber, dass Deutschland mit seinen Gütern die Welt überschwemmt, ist nur vordergründig zutreffend." Schließlich würden viele deutsche Firmen ihren Kapitalüberschuss in Form von Direktinvestitionen in den Aufbau von Arbeitsplätzen weltweit einsetzen.

Die größten Auslandsstandorte für Arbeitsplätze durch deutsche Investitionen seien China mit rund einer Million Beschäftigen sowie die USA mit mehr als 850.000. Den Exportüberschuss mit massiven staatlichen Eingriffen senken zu wollen, mache den Aufbau solcher Jobs schwieriger.

Die Bundesregierung betont, der Überschuss sei zum Teil abhängig von Faktoren, auf die man keinen Einfluss habe. Ungeachtet dessen versuche die Regierung aber, mit einer Stärkung der Binnennachfrage auf einen niedrigeren Leistungsbilanzüberschuss hinzuwirken.

Gewerkschaften fordern dazu beispielsweise stärkere Lohnerhöhungen. "Tatsache ist: Wir haben ein Importdefizit, da Konsumenten und Investoren in Deutschland nicht genügend nachfragen", erklärte der Wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn.

bea/hb (reuters, ifo)

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