Idomeni und der Dominoeffekt | Europa | DW | 25.02.2016
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Europa

Idomeni und der Dominoeffekt

An der griechisch-mazedonischen Grenze warten tausende Flüchtlinge bei eisigen Temperaturen auf ihre Weiterfahrt nach Mitteleuropa - bisher vergeblich. Aus Idomeni berichtet Jannis Papadimitriou.

Javad ist verärgert und erschöpft. Doch er will seine Kräfte zusammennehmen und weiter kämpfen für seinen großen Traum: Ein menschenwürdiges Leben in Deutschland. 4.000 US-Dollar hat der junge Mann bereits für die Schleuserfahrt aus Afghanistan bezahlen müssen. Allein für die knapp 100 Kilometer lange Strecke von der zweitgrößten griechischen Stadt Thessaloniki zum nördlichen Grenzort Idomeni wurden ihm unglaubliche 500 Dollar abverlangt, klagt Javad. Und nun verharrt er im Matsch oder in überfüllten Zelten am Grenzübergang zu Mazedonien.

Flüchtlingscamp von Idomeni

Javad (links im Bild) aus Afghanistan mit Freunden im Flüchtlingscamp

In den vergangenen Tagen wurden Hunderte seiner Landsleute in Reisebussen nach Athen zurückgebracht und vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Javad ebenfalls aufgefordert wird, den Rückweg anzutreten. Der Grund: Nachdem Serbien seine Grenzen für Flüchtlinge aus Afghanistan geschlossen hat, lässt auch das Nachbarland Mazedonien keine afghanischen Staatsbürger mehr einreisen.

4000 Dollar für ein neues Leben

"Auf einmal interessiert sich niemand mehr für uns Afghanen" klagt Javad im Gespräch mit der DW. "Keiner kümmert sich um unsere Kinder, wenn sie krank werden. Aufmerksamkeit bekommen vor allem die Flüchtlinge aus Syrien. Das ist nicht fair, auch wir sind Menschen, auch in unserer Heimat herrscht Krieg. Meinst du, ich hätte 4.000 Dollar einfach so ausgegeben, wenn mein Leben nicht in Gefahr wäre?" empört sich der junge Afghane.

Griechenland Mazedonien Flüchtlinge bei Idomeni

Viele Flüchtlinge haben eigene Zelte aufgeschlagen

Auch Stella Nanou, Sprecherin des UN-Flüchtlingswerks in Griechenland, kann nicht nachvollziehen, dass Flüchtlinge aus Afghanistan allein aufgrund ihrer Nationalität an der Weiterreise gehindert werden. "Anscheinend wollen die EU-Mitgliedstaaten nur noch Asylsuchende aus Ländern mit einer durchschnittlichen Anerkennungsquote von über 75 Prozent einreisen lassen, das ist der Fall bei Menschen aus Syrien, Eritrea oder dem Irak. Aber die Afghanen haben immerhin auch eine Quote von 70%, das ist sehr viel" gibt Nanou zu bedenken.

Während des Interviews im UN-Container in Idomeni wird Nanou oft von ratsuchenden Menschen angesprochen. Ein Palästinenser aus Syrien fragt, ob er sein Zielland aussuchen dürfe. Höflich erwidert Nanou, das sei nicht möglich, aber es gäbe gewisse Kriterien, die bei einer eventuell positiven Entscheidung mit berücksichtigt würden - etwa, ob der Asylsuchende die Sprache eines EU-Landes bereits beherrscht oder Verwandte dort hat. "Wir versuchen die Menschen über ihre Möglichkeiten aufzuklären, denn viele haben keine konkrete Vorstellung. Sie wissen nur, dass sie nach Europa wollen" sagt die UN-Mitarbeiterin.

Aus Norden bläst eisiger Wind

Es nieselt in Idomeni. im Flüchtlingslager verbreitet sich ein seltsamer Geruch, der an Regen, verbranntes Holz und Urin erinnert. Mitarbeiter von Flüchtlingsorganisationen sind ständig im Einsatz. Sie verteilen Zelte und Lebensmittel, reinigen die Sanitäranlagen, bringen Neuankömmlinge zum Beratungsgespräch.

Griechenland Mazedonien Flüchtlinge bei Idomeni

Kein Weiterkommen: die Grenze zu Mazedonien ist hier mit einem Zaun gesichert

Eigentlich war das Camp als provisorische Notunterkunft gedacht, doch die Not wird immer größer: Zu den mit Planen bedeckten UN-Großzelten, die bis zu 2.000 Menschen aufnehmen, kommen immer mehr Kleinzelte dazu, aufgestellt auf freier Wiese. Nach Sonnenuntergang sinkt die gefühlte Temperatur unter null Grad, eiskalter Nordwind bläst scharf ins Gesicht. Die Flüchtlinge in Idomeni müssen sich durch die Nacht kämpfen.

Warten auf Gruppe Nummer 88

Safwat Estif aus Aleppo macht sich trotzdem Mut. "Ich bin hier endlich in Sicherheit, dem Krieg in Syrien entkommen, und will deshalb, bei allen Widrigkeiten, gar nicht klagen" sagt er im Gespräch mit der DW. Trotzdem fühlt sich der 26-jährige verunsichert und manchmal auch verärgert. 700 US-Dollar habe Safwat für die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland bezahlt, die letzten 25 Kilometer bis Idomeni sei er zu Fuß gelaufen. Dass er ausgerechnet in diesem Örtchen nun festsitzt, könne er nicht verstehen. "Wir haben Wartenummern bekommen, gerade ist die Gruppe Nummer 62 dran. Meine Gruppe hat erst die Nummer 88, das kann dauern mit dem Grenzübergang" sagt der junge Mann.

Was er vielleicht noch nicht weiß: Seitdem Österreich ein Tageslimit für Flüchtlinge eingeführt hat und die angrenzenden Länder Südosteuropas ebenfalls Einschränkungen im Grenzverkehr beschlossen haben, geht es auch im griechischen Idomeni nur sehr schleppend voran. Selbst Kriegsflüchtlinge aus Syrien dürfen derzeit nur in kleinen Gruppen die Grenze nach Mazedonien überqueren - und zwar erst dann, wenn das Nachbarland Serbien seine eigenen Grenzen für eine entsprechend kleine oder große Flüchtlingsgruppe aufmacht: Ein unerwünschter Domino-Effekt auf der Balkan-Route, die von der Türkei bis nach Nordeuropa führt.

Hoffnung? Frieden, Freunde, Fußball

Safwat sagt, er könne warten. Aber er hat auch Angst, dass die Nordgrenze Griechenlands irgendwann abgeriegelt wird. "Vor wenigen Tagen hieß es doch plötzlich, Afghanen dürfen überhaupt nicht weiterreisen. Wer sagt mir, dass übermorgen nicht auch die Syrer von den Behörden festgehalten werden?" so der Mann aus Aleppo.

Javad aus Afghanistan will die Hoffnung nicht aufgeben. Deutschland sei ein "gutes" Land ohne Krieg, da will er hin. Und was möchte er in Deutschland machen? "In Frieden leben, studieren. Und Fußball spielen mit meinen Freunden."

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