Ibuprofen wie Smarties - der Fußball und sein Schmerzmittelproblem | Sport | DW | 09.06.2020
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Schmerzmittel im Fußball

Ibuprofen wie Smarties - der Fußball und sein Schmerzmittelproblem

Neue Recherchen von ARD und Correctiv zeigen, dass Schmerzmittel im Fußball von der Bundesliga bis in die Kreisklasse üblich sind. Das Problem ist nicht neu, die Betroffenheit des DFB wirft daher Fragen auf.

Fußball 2. Bundesliga VfL Bochum - FC St. Pauli Anthony Losilla (picture-alliance/R. Ibing)

Schmerz ist Teil des Geschäfts, Schmerztabletten sind es offenbar auch

Neven Subotic hat einiges gesehen von dieser sehr speziellen Welt namens Profi-Fußball. 1988 im damaligen Jugoslawien geboren, hat er in der Bundesliga beim FSV Mainz 05, Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln gespielt. Aktuell läuft er für Aufsteiger 1. FC Union Berlin auf. Davor gab es ein Gastspiel in der französischen Ligue 1 beim AS Saint-Étienne, 36 Länderspiele für Serbien sowie Jugendländerspiele für die USA. Auf mehr als 400 Profi-Spiele bringt der 31-Jährige es, darunter auch das (verlorene) Champions-League-Finale von 2013. Neven Subotic gilt als reflektiert und integer, deshalb haben seine Worte Gewicht, wenn er sagt: "Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe - Ibuprofen wird wie Smarties verteilt."

Fußball Bundesliga Schalke Trainingslager (picture-alliance/augenklick/firo Sportphoto)

Bei vielen Profiklubs gehören Schmerzmittel zum Alltag

Schmerzmittel sind weit verbreitet im deutschen Fußball. Immer noch. Das ist das Ergebnis einer einjährigen Recherche der ARD-Dopingredaktion und dem Recherchenetzwerk Correctiv. Das Rechercheteam sprach mit mehr als 150 Bundesliga-Spielern, Ex-Profis, Trainern, Teamärzten, Wissenschaftlern und Funktionären über die Einnahme von Schmerzmitteln, und einer von ihnen war Neven Subotic. Der Verteidiger macht klar, dass es sich nicht um wenige Einzelfälle handelt. Vielmehr gebe es ein System, das "einfach eine Weitergabe von Druck" sei. "Der gibt es auf den Nächsten, auf den Nächsten, auf den Nächsten. Und am Ende hat der den meisten Druck, der am meisten zu verlieren hat." Gemeint ist der Spieler. Für die Karriere nehmen die Profis Pillen, oft obwohl sie gerade gar keine akuten Schmerzen haben.

"Ohne Schmerzmittel ging nichts mehr"

Das berichtet Dani Schahin. Inzwischen Ex-Profi, blickt der ehemalige Stürmer von Fortuna Düsseldorf, Mainz 05 sowie dem SC Freiburg auf seine aktive Zeit kritisch zurück: "Die letzten drei, vier Jahre ging eigentlich gar nichts mehr ohne Schmerzmittel", sagt er. Er habe Tabletten auch "prophylaktisch" genommen, um eventuelle Schmerzen von vorneherein auszuschließen. "Wenn man drauf angewiesen ist zu spielen, dann ist es einfach nicht realistisch, ohne Schmerzmittel weiterzumachen", so der in der damaligen Sowjetunion geborene Deutsche.

Amateurfußball - Fußball Landesliga TSV Heimerdingen vs. TSV Schornbach (picture-alliance/Pressefoto Baumann/A. Keppler)

Auch im Amateurfußball wird hingelangt - und deshalb zu Schmerzmitteln gegriffen

Und das Problem reicht noch viel tiefer in die Strukturen des deutschen Fußballs: Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage des Rechercheteams bejahten 79 Prozent der gut 1100 befragten Amateur-Fußballerinnen und -Fußballer die Frage, ob sie während ihrer Laufbahn bereits zu Schmerzmittel gegriffen hätten. 56 Prozent nehmen die Mittel sogar regelmäßig während einer Saison. Zahlen, die DFB-Präsident Fritz Keller "schockiert" haben. Er kündigte an, Landesverbände und Trainer für das Problem zu sensibilisieren. Schließlich sei Amateursport "zur Gesunderhaltung gedacht und nicht dafür, dass man sich kaputt macht".

WADA: Keine Leistungssteigerung durch Schmerzmittel

Kaputt gemacht haben die Mittel auch schon den einen oder anderen großen Namen der Branche. Ex-Nationalspieler und Europameister Karlheinz Förster ist einer von ihnen. Und seine Aussagen von 2017 zeigen, dass das Problem alles andere als neu ist. "Früher war es gang und gäbe, bei leichteren Verletzungen Voltaren zu nehmen, um spielen zu können", sagte er der "Bild-Zeitung". Ohne die Tabletten hätte er seine Karriere früher beenden müssen. Doch durch die Pillen hat er heute noch Spätfolgen zu ertragen: "Bei mir ging das auf den Knorpel im Sprunggelenk, der dann irgendwann verschlissen war. Das spüre ich heute noch. Aus heutiger Sicht würde ich keine Mittel mehr nehmen, um spielen zu können. Ich rate jedem Spieler, Verletzungen auszuheilen."

Audio anhören 00:24

Christoph Breuer: "Viele Athleten nehmen Schmerzmittel"

Diese Zeit nehmen sich die wenigsten. Je früher ein Spieler nach einer Verletzung wieder zur Verfügung steht, desto besser. Nicht selten wird das Ärzteteam gelobt, wenn der Topstar rechtzeitig zum wichtigen Spiel wieder auflaufen kann. So sieht der Mannschaftsarzt der TSG 1899 Hoffenheim, Thomas Frölich, die Einnahme von Schmerzmitteln ziemlich nüchtern. "Wir im Hochleistungssport sagen natürlich, Doping ist nur das, was auf der Liste steht." Und die gängigen Schmerzmittel stehen eben nicht auf der Dopingliste. In der Dokumentation von ARD und Correctiv verteidigt die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA diese Haltung erneut: "Es gibt eine allgemeine Sichtweise unserer Experten, dass Schmerzmittel die Leistung nicht steigern. Sie können Leistung wiederherstellen, aber sie steigern die Leistung nicht unbedingt."

Wer ist auf dem Holzweg?

Unter dem Strich sind die Erkenntnisse des Rechercheteams vielsagend und besorgniserregend. Doch wirklich überraschen können sie nicht mehr. Zu lange haben viele Instanzen im Fußball weggeschaut, um nun glaubwürdig "schockiert" zu sein. Die Haltung des DFB wirft Fragen auf.

Denn wie hat es Trainer Niko Kovac schon vor drei Jahren auf den Punkt gebracht: "Im Fußball geht es ohne Schmerzmittel nicht. Diejenigen, die denken, dass es Profi-Fußball ohne den Einsatz von Schmerzmitteln gibt, sind auf dem Holzweg." Und dass sich die Amateure die Tricks der Profis irgendwann abschauen, war ebenfalls absehbar. Es bleibt die Frage, was der Fußball nun mit diesen Erkenntnissen anfängt.

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Schmerzmittel - auf Dauer gut?

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