Hunger: Das kaum noch lösbare Problem | Welt | DW | 11.09.2018
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Globaler Süden

Hunger: Das kaum noch lösbare Problem

Die Zahl hungernder Menschen weltweit ist erneut gestiegen. Bis 2030 will die UN eigentlich den Hunger in der Welt besiegen. Das Ziel scheint schwieriger denn je zu erreichen.

Sira Traore lächelt bei der Frage, ob sie gerne auf dem Land lebe, und nickt. Das Landleben sei sehr gut, sagt sie, fügt aber hinzu: "Wenn es nur endlich wieder regnen würde. Bleibt der Regen weiter aus, dann wird es richtig schwierig." Drei Jahre schon habe es in ihrem Dorf Same Plantation, das im malischen Teil der Sahelzone liegt, nicht mehr richtig geregnet. Manchmal sei ein Schauer gekommen, mal ein Sturm - aber nie genug, um vernünftig Regenfeldbau zu betreiben.

Der fehlende Regen und die aufkommende Dürre werden zum Problem für viele Menschen, vor allem im globalen Süden. Bleibt die Ernte aus, steht womöglich die Versorgung einer ganzen Familie oder eines ganzen Dorfes auf dem Spiel. 821 Millionen Menschen weltweit waren 2017 unterernährt, das zeigt ein Bericht der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen (FAO). Im vergangenen Jahr musste fast jeder neunte Mensch hungern. "Es ist eine sehr alarmierende Situation”, sagt Cindy Holleman von FAO. "Hunger nimmt weiter zu, vor allem in Afrika. Das sehen wir aber auch in Südamerika. Und in Asien sind die Zahlen unverändert hoch."

Infografik unterernährte Menschen DE

Über viele Jahre nahm der Hunger in der Welt ab. Seit drei Jahren dreht der Trend

Für Sira Traore bleibt im Moment nur die Hoffnung, dass es in den kommenden Wochen etwas regnet und der Boden wieder weicher wird. Diese Hoffnung teilen viele Afrikaner mit der Frau aus Mali. Laut FAO-Bericht war auf dem Kontinent im Jahr 2017 jede fünfte Person unterernährt. Nirgendwo sonst ist dieser Wert so hoch. Auf Platz zwei liegt Asien mit 11,4 Prozent - leicht über dem weltweiten Durchschnitt von 10,9 Prozent. In Nordamerika und Europa hingegen sind weniger als 2,5 Prozent der Bevölkerung unterernährt.

Ehrgeiziges Ziel

"Die großen Neuigkeiten sind keine guten Neuigkeiten", sagte FAO-Direktor José Graziana da Silva bei der Vorstellung des Berichts in Rom. Zum dritten Mal in Folge musste da Silva einen Anstieg der unterernährten Menschen verkünden. Es ist eine beunruhigende Entwicklung: Noch 2014 erreichte die Zahl mit 784 Millionen Menschen ihren niedrigsten Wert. Jetzt, drei Jahre später, ist die Zahl wieder auf dem Niveau von 2010.

"Der Einfluss des Klimawandels ist so stark, dass der positive Trend zunichte gemacht wird", musste da Silva eingestehen. Ein zweiter Faktor seien zunehmende ungelöste Konflikte weltweit, die die Nahrungsproduktion einschränken. Beides zusammen macht es für die Vereinten Nationen um einiges schwieriger, ihr 2030-Ziel zu erreichen. Beim historischen Klimagipfel 2015 in Paris einigten sich die Regierungen darauf, bis zum Jahr 2030 den Hunger in der Welt zu besiegen. Damals wurde der Hunger noch als das größte lösbare Problem der Welt angesehen. Die neuen Zahlen zeichnen ein anderes Bild der Situation.

Infografik unsicherer Nahrungsmittelzugang DE

In Afrika ist die Hungerkrise am stärksten - in Europa spielt das Thema kaum eine Rolle

"Wir nehmen das 2030-Ziel als unseren Auftrag", sagt Jan Sebastian Friedrich-Rust. Er ist Geschäftsführer der Organisation "Aktion gegen den Hunger", die unter anderem mit der UN zusammenarbeitet. "Dennoch ist das Ziel sehr schwer zu erreichen", gibt er zu. "Es ist möglich, dass die UN dieses Ziel nochmal revidieren muss."

Unterernährung und Klimawandel

Vor allem Kinder haben mit den Folgen der Unterernährung zu kämpfen. Der FAO-Bericht zeigt, dass 2017 jedes fünfte Kind unter fünf Jahren unterernährt war. Bis 2030 will die UN diesen Wert um zehn Prozent senken. 7,5 Prozent der Kinder unter fünf Jahren waren im vergangenen Jahr untergewichtig. Bis 2030 soll diese Zahl noch halbiert werden.

Kein einfacher Plan, denn das Problem der Mangelernährung hängt unmittelbar mit dem Klimawandel zusammen. Vor allem in Ländern, die stark von der Landwirtschaft abhängig sind, leben viele unterernährte Menschen. Auch das zeigt der neue FAO-Bericht. "Der Klimawandel führt zu Dürren, die niedrigere Erträge mit sich bringen", erklärt Friedrich-Rust. Anders als in der westlichen Welt gibt es in vielen Regionen in Afrika und Asien auch keine zuverlässigen Bewässerungssysteme.

Vor allem kleine Bauern und Familien trifft der Klimawandel. "Die müssen dann oft von der Hand in den Mund leben", erklärt Friedrich-Rust. Daher unterstützt "Aktion gegen den Hunger" Menschen vor Ort mit Saatgut oder baut sogar Brunnen.

Erschwerte humanitäre Hilfe

Die Organisation ist aber auch in Konfliktgebieten aktiv. Die Zentralafrikanische Republik steht auf dem Welthungerindex an obererster Stelle. Dort sind Unterernährung, Unterentwicklung und Kindersterblichkeit durch Nahrungsmangel am stärksten. Seit dem Sturz von Präsident Bozizés im Jahr 2013 kämpfen verschiedene Milizen gegeneinander und destabilisieren das Land.

"Die Infrastruktur ist zerstört, Häuser abgebrannt, Felder liegen brach, Saatgut gibt es nicht mehr, das Einkommen liegt unter einem Euro am Tag", beschreibt Friedrich-Rust die Situation vor Ort. Es sei das gefährlichste Land für humanitäre Hilfe. Trotzdem ist "Aktion gegen den Hunger" vor Ort, darf aber nicht in alle Regionen des Landes einreisen. "Die Hilfe, die man leisten kann, ist deshalb oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein".

Infografik Welthungerindex 2017 DEU ***SPERRFRIST BIS 12.10.2017 (10:00 Uhr CEST)***

Die Zentralafrikanische Republik hat den höchsten Index, was Mangelernährung angeht

Der Westen muss mehr tun

Um das 2030-Ziel doch noch zu erreichen, sollten Staaten ihre Entwicklungshilfe erhöhen, meint Friedrich-Rust: "Auch die deutsche Regierung hat zwar ihren Etat erhöht, das ist aber noch weit von dem entfernt, was gebraucht wird." Das Geld würde zudem oft an Regierungen fließen, denen Korruption vorgeworfen wird. Investitionen, um Mangelernährung zu bekämpfen, seien die Seltenheit. Cindy Holleman von FAO sieht eine weitere Lösung für die Bauern vor Ort: Diversifizieren. "Viele Länder in Afrika sind Monokulturen, das heißt, die Landwirte bauen nur Mais an." Und sollte diese Ernte ausfallen, haben sie gar nichts.

Die Schuld für die ansteigende Zahl an unterernährten Menschen liege indes nicht bei den Vereinten Nationen, meint der Geschäftsführer von "Aktion gegen den Hunger”: "Die UN kann auch nur mit dem Geld arbeiten, das sie von den Staaten bekommt." Der Westen müsse mehr gegen den Hunger im Süden tun, meint Friedrich-Rust. Schließlich gingen Treibhausgase und Klimawandel hauptsächlich auf die Rechnung der Industrieländer.

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