Homosexuellen-Rechte Thema bei Gauck-Besuch | Asien | DW | 07.02.2014
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Asien

Homosexuellen-Rechte Thema bei Gauck-Besuch

Bundespräsident Joachim Gauck ist in Indien auch mit Aktivisten zusammengetroffen, die sich für die Rechte von Frauen und Homosexuellen in ihrem Land einsetzen. Sie schätzen die Art, wie Gauck das Thema anspricht.

Gauck mit Studierenden in Neu Delhi (Foto: Guido Bergmann/Bundesregierung/dpa)

Von Studierenden in Indien herzlich aufgenommen: Bundespräsident Gauck in Indien

Die indische Aktivistin für die Rechte von Homosexuellen, Anjali Gopalan, denkt mit Schaudern an die Begegnung mit einem Jungen zurück, den seine Eltern zur "Behandlung" seiner Homosexualität zur Elektroschock-Behandlung in eine Privatklinik in Neu Delhi gebracht hatten. Der völlig verstört wirkende Junge hatte danach bei ihr Hilfe gesucht.

Gopalan weiß von ähnlichen Fällen: Eltern, die ihre Kinder zur "Behandlung" zu "religiösen Führern" schleppen; auch schwarze Magie kommt zum Einsatz. "Es gibt nichts, wovor manche Leute zurückschrecken, um andere Menschen konform zu machen", sagte Gopalan der DW.

Sie ist eine von acht Aktivisten, die am Donnerstag (06.02.2014) in einem schwer bewachten Luxus-Hotel in Neu Delhi mit Bundespräsident Joachim Gauck zusammengetroffen ist. Gauck bezeichnete seine Gesprächspartner - sieben Frauen und ein Mann - später als "Helden der Nation", ihre Arbeit habe ihn inspiriert und bewegt.

Indiens "parallele Welten"

Die Aktivistin Anjali Gopalan

Kämpft für die Rechte von Homosexuellen: Anjali Gopalan

Indien wird oft als Land beschrieben, das in zwei parallelen Welten lebt. "Ein Teil der Bevölkerung lebt im 21. Jahrhundert, ein anderer großer Teil im Mittelalter", sagte eine Teilnehmerin des Gesprächs. Sie bezog sich auf offiziell verbotene Praktiken wie die Verheiratung junger Mädchen im Alter von 14 Jahren, auf die gezielte Abtreibung weiblicher Föten und auf die weitverbreitete sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen. "Es gibt kaum eine Frau in Neu Delhi, die nicht schon sexuelle Belästigung erlebt hätte", behauptet Karuna Nundy, Anwältin am Verfassungsgericht, gegenüber der DW.

Gauck hat bei seinen Gesprächen mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft Indiens wiederholt die Rechte von Frauen und von Homosexuellen angesprochen - zwei Themen, die er selbst als "heikel" im indischen Kontext bezeichnete. Vor dem dicht besetzten Auditorium in der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu Delhi betonte der deutsche Bundespräsident, wie schwierig es für indische Bürger sei, ihre Rechte "angesichts weit verbreiteter traditioneller Mentalitäten" zur Geltung zu bringen. Bemerkungen, die im hinteren Teil des Saales bei einer jungen Studentin mit heftigem Kopfnicken quittiert wurden.

"Komme nicht als Lehrer, der alles besser weiß"

Gaucks hält Rede in der Nehru-Universität in Neu Delhi (Foto: Guido Bergmann/Bundesregierung/dpa)

Gaucks Rede in der Nehru-Universität in Neu Delhi traf auf positive Resonanz

Gleichzeitig pries Gauck die lebendige und aktive indische Zivilgesellschaft und Medienlandschaft: Es gebe wenige Themen, die ausländische Besucher kritisch ansprechen könnten, die nicht von Indern selber schon in aller Offenheit debattiert worden seien. Er komme nicht als "Lehrer, der alles besser weiß", sondern um die fortschrittlicheren Elemente der indischen Gesellschaft zu unterstützen.

Gaucks taktvolle Art, seine Kritik anzubringen, wird geschätzt: Die Anwältin Nundy und andere Menschenrechtsaktivisten zeigten sich überzeugt, dass Wandel in Indien möglich sei und dass Anstöße von außen dabei behilflich sein könnten. "Je mehr Druck auf unsere Regierung ausgeübt wird, desto besser", sagte Gopalan der DW. Es dürfe nur nicht so wirken, als wollten Ausländer den Indern vorschreiben, was sie tun hätten, insbesondere beim Thema Homosexualität. "Sonst denken die Leute noch, das sei ein Import aus dem Westen."

Bei BJP-Wahlsieg Rückschlag befürchtet

BJP-Spitzenkandidat Narendra Modi (Foto: EPA/MONEY SHARMA

Aktivisten für Gleichberechtigung befürchten Schlimmes bei einem Wahlsieg der BJP (im Bild: Spitzenkandidat Narendra Modi)

Das Thema Diskriminierung von Homosexuellen war in Indien im vergangenen Dezember ins Rampenlicht gerückt. Der Oberste Gerichtshof hatte ein für ungültig erklärtes Gesetz aus der britischen Kolonialzeit wieder in Kraft gesetzt, das homosexuelle Praktiken unter Strafe stellt. Anjali Gopalan hatte 2009 mit ihrem Antrag beim High Court von Neu Delhi, das Gesetz annullieren zu lassen, Erfolg. Kurz zuvor hatte sie die Begegnung mit dem durch Elektroschocks "therapierten" Jungen.

Die Aktivistin berichtet der DW, dass seit ihrem Kampf vor Gericht immer wieder Droh- und Schmähbotschaften erhalte. Aber sie werde ihren Kampf fortsetzen, vresichert sie. Mehr Sorgen bereiten ihr die bevorstehenden Parlamentswahlen in Indien, die spätestens im Mai abgehalten werden müssen. Der oppositionellen BJP werden gute Chancen auf eine Mehrheit der Stimmen eingeräumt, und deren Spitzenleute haben laut Gopalan schon klargestellt, dass mit ihnen eine Annullierung des umstrittenen Gesetzes über Homosexualität nicht zu machen sei. Gopalan: "Wenn die BJP an die Macht kommt, haben wir Probleme."

Die Redaktion empfiehlt