Homeoffice mit Strandblick - eine gute Idee? | Europa | DW | 09.11.2020
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Arbeitswelt

Homeoffice mit Strandblick - eine gute Idee?

Die Corona-geplagte Reisebranche bietet jetzt sogenannte Workations für alle, denen bei der Heimarbeit die Decke auf den Kopf fällt. Das Konzept aus Sonne, Strand und Zoom-Meetings wirft jedoch auch neue Fragen auf.

Workstation Homeoffice im Urlaub / Robinson Club Geschäftsidee

Ob man sich bei diesem Ausblick aufs Arbeiten konzentrieren kann, können Robinson-Club-Gäste ausprobieren

Dieser Artikel ist im Homeoffice entstanden, mithilfe von Telefonaten, Mails und digitalen Anwendungen, die auch aus der Ferne den Zugriff auf Redaktionssysteme und Nachrichtenagenturen ermöglichen. Statt im herbstlichen Deutschland hätte der Autor genauso gut an jedem anderen Ort der Welt sitzen können, an dem die Internetverbindung stabil und ein Arbeiten ohne Corona-Ansteckungsgefahr möglich ist.

Schon vor der Pandemie gab es einige sogenannte digitale Nomaden, die Arbeiten und Reisen verbunden haben. Jetzt hätten, zumindest theoretisch, auf einen Schlag Millionen Arbeitnehmende dieselben Möglichkeiten. Rechtzeitig zur dunklen Jahreszeit ist erstmals ein großer Reiseanbieter eingestiegen: Die TUI-Tochter Robinson bietet von nächster Woche an Arbeitsplätze in Ferienclubs an - eine Mischung aus Arbeit und Urlaub, zusammengefasst im Kofferwort Workation.

Strandcafé in San Diego, Kalifornien, USA

Kein reines Corona-Phänomen: Dieses Foto aus San Diego, Kalifornien, ist bereits zwei Jahre alt

Die Südhälfte Portugals ist derzeit eine der letzten Urlaubsregionen Europas, die aus deutscher Sicht kein Risikogebiet sind. In einer Ferienanlage an der Algarve ruft Robinson nun "eine neue Arbeitsphilosophie" aus, wie es in einem Werbetext heißt: Der Gast könne sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren und nach getaner Arbeit die Work-Life-Balance verbessern - unter Einhaltung eines umfassenden Hygienekonzepts. Ruhig gelegene Zimmer seien mit ergonomischen Schreibtischstühlen ausgestattet, bei Bedarf können Konferenzräume und IT-Unterstützung dazugebucht werden.

Küstenbrise statt Küchentisch

Online findet man mit dem Suchbegriff Workation auch andere kleinere Anbieter mit ähnlichen Konzepten im In- und Ausland. Wie die gesamte Branche leidet der TUI-Konzern stark unter der Nachfrageflaute wegen der Corona-Pandemie: In den ersten neun Monaten 2020 hat TUI 2,3 Milliarden Euro Verlust eingefahren und sich beim Staat bereits fast drei Milliarden Euro geliehen, die er in den nächsten Jahren zurückzahlen muss.

Das Angebot der TUI-Tochter Robinson laufe gut an, sagt die zuständige Pressesprecherin am Telefon. Was "mehr als eine Handvoll Buchungen" in Zahlen bedeutet, will sie jedoch nicht preisgeben. Es gebe sogar Gäste, die direkt für drei Wochen gebucht hätten. Inzwischen steht eine zweite Ferienanlage auf der Kanareninsel Fuerteventura als Arbeitsort bereit, weitere sollen folgen.

Produktiv am Pool?

Ob im Ferienresort gute Arbeitsergebnisse zustandekommen, hängt vor allem von der individuellen Selbstdisziplin ab, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Florian Kunze von der Universität Konstanz: "Wenn ich jemand bin, der Sachen aufschiebt und sich nicht gut strukturieren kann, dann fällt mir das Arbeiten in diesem Setting schwerer." Egal ob beim Arbeiten zu Hause oder am Ferienort - wichtig sei, dass man den Rollenwechsel von privat zu dienstlich gut hinbekomme.

Workstation Homeoffice im Urlaub / Best Western Hotel

Ein Hotel in Mülheim an der Ruhr vermietet bereits seit dem Frühjahr leerstehende Zimmer zum Arbeiten

Kunze war im Frühjahr, als viele Arbeitnehmende erst seit ein paar Wochen das Homeoffice ausprobierten, an einer Studie zu dem Thema beteiligt: 77 Prozent der 700 Befragten stimmten darin der These zu, dass die Work-Life-Balance sich im Homeoffice verbessere. Allerdings waren auch 36 Prozent der Ansicht, dass sie sich im Homeoffice einsamer fühlten als am gewohnten Arbeitsplatz. Letzteres dürfte sich wohl nicht maßgeblich verbessern, wenn man alleine im Hotelzimmer mit Meerblick am Rechner sitzt.

Ist das gerecht?

Aus Kunzes Sicht wirft das Workation-Angebot jedoch eine andere Frage auf: "Es gibt in einigen Unternehmen eine Gerechtigkeitsdebatte, wer eigentlich ins Homeoffice darf. Das können ja überhaupt nicht alle", sagt Kunze im DW-Interview. "Wenn jetzt diejenigen, die ins Homeoffice dürfen, auch noch in Urlaubsregionen arbeiten können, das ist in größeren Unternehmen schwer zu vermitteln."

Dieselbe Debatte wird auch gesamtgesellschaftlich geführt, spätestens seitdem Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ein Recht auf Homeoffice vorgeschlagen hat. Florian Kunze geht davon aus, dass sich etwa 40 Prozent der Jobs für Heimarbeit eignen. Laut einer Studie des Ifo-Instituts liegt das Homeoffice-Potenzial zwischen 17 und 42 Prozent.

Workstation Homeoffice im Urlaub / Robinson Club Geschäftsidee

Robinson bietet laut Werbetext auch ergonomische Schreibtischstühle an

So erreichen Workation-Angebote nur eine begrenzte Gruppe, und auch unter den Heimarbeitern wird nur ein geringer Anteil dem Pandemie-Winter entfliehen können. In diesem Fall rät Kunze dazu, sich den Tag flexibel einzuteilen: "Man kann seinen Arbeitstag so gestalten, dass man die Helligkeit nutzt und zum Beispiel morgens Sport macht und eher in den dunkleren Stunden arbeitet. Dann kann man das Homeoffice so gestalten, dass es zum persönlichen Wohlbefinden beiträgt."

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