Holt Datteln für die Energiewirtschaft die Kohlen aus dem Feuer? | Wirtschaft | DW | 16.01.2020
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Energiewende

Holt Datteln für die Energiewirtschaft die Kohlen aus dem Feuer?

Jetzt steht zwar der genaue Ablauf für den Kohleausstieg. Bis spätestens 2038 soll es soweit sein. Derweil geht aber ein riesiger Kohlemeiler neu ans Netz. Kritiker und Befürworter sind längst auf Betriebstemperatur.

Energie - Kohlekraftwerk Datteln IV (picture-alliance/J. Glöckner)

Datteln-4 - neues Kohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

Deutschland will nicht nur die Atomenergie hinter sich lassen, auch Kohle als fossiler Brennstoff für die Energiegewinnung gilt jetzt als Auslaufmodell. Der Fahrplan für den Ausstieg steht: Bis spätestens 2038 sollen alle Kohlekraftwerke im Land vom Netz sein. Derzeit kommt noch etwa ein Drittel der deutschen Energieproduktion aus Kohlekraftwerken, der Anteil erneuerbarer Quellen am nationalen Energiemix aber wächst. Die Erneuerbaren werden in der Tat gebraucht, wenn man schädliche Treibhausgase drastisch reduzieren will, um beim Klimawandel gegenzusteuern. 

Kohle out, Datteln-4 in?

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der geplante Start für ein neues Kohlkraftwerk im Westen des Landes so manches Stirnrunzeln provoziert und Klima-Aktivisten auf die Barrikaden ruft. Uniper, der Betreiber des geplanten Kraftwerks, setzt dagegen, Datteln-4 sei umweltfreundlich, da die Anlage effektiver sei als ältere und weniger Kohlendioxid pro Tonne Kohle freisetze.

Uniper bietet offenbar einen besondern Deal an, um Datteln durchzusetzen: Einem Bericht der Rheinischen Post zufolge will der Versorger seine fünf anderen deutschen Kohlekraftwerke abschalten, wenn Datteln-4 ans Netz geht. Uniper findet, das sei ein gutes Geschäft für die Umwelt. Fachleute haben da allerdings ihre Bedenken.

Uniper betreibt derzeit Kohlekraftwerke in Petershagen und Gelsenkirchen, in Staudiger bei Hanau, in Wilhelmshaven und Schkopau. Zusammen bringen es die fünf Meiler auf eine Leistung von mehr als 3.700 Megawatt. Datteln-4, das ganz in der Nähe von Dortmund im Bundesland Nordrhein-Westfalen liegt, ist für eine Leistung von nur 1.055 Megawatt ausgelegt.

"Marketing-Gag"

Das Argument von Uniper, die Gesamtleistung mitsamt ihrer schädlichen Emissionen werde doch reduziert, sieht allerdings nur auf dem Papier gut aus. Für Dirk Jansen, den Landeschef des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist der angebliche Austausch nicht mehr als ein guter Marketinggag. „Man muss in Rechnung stellen, dass Unipers aktive Kohlekraftwerke nicht ihre volle Kapazität ausnutzen", sagte Jansen der DW. „Im vergangenen Jahr dümpelte die Auslastung hier um die 25 Prozent herum, das entspricht einem durchschnittlichen Output von nur 919 Megawatt. Datteln-4 dagegen würde auf eine Nettokapazität von 1.055 kommen, und es ist mit einer hohen Auslastung zu rechnen." Dafür würden schon besondere Verträge unter anderem mit dem Großkunden Deutsche Bahn sorgen, so Jansen.

Braunkohlekraftwerk Niederaußem (picture-alliance/dpa/F. Gambarini)

Stromversorgung für Deutschland - bis 2038 ganz ohne Kohle

Nun kann man einwenden, dass die Schließung älterer Kohlekraftwerke von Uniper wahrscheinlich auch das Gas-Geschäft des Unternehmens befeuern würde. Bund-Chef Jansen wiederspricht da nicht, merkt aber an: „Uniper verspricht, gegebenenfalls einige Kohleanlagen auf Gas umzustellen. Aber, auch wenn Gas weniger CO² freigibt als Kohle", so Jansen im Gespräch mit DW, „heißt das ja nicht, dass es gar kein Kohlendioxid ausstößt. Das muss man in die Rechnung aufnehmen. Im Endergebnis wird es mehr schädliche Emissionen geben, wenn Datteln-4 kommt." 

Noch seien mehrere Klagen seiner Organisation vor Gericht nicht entschieden, so der Umweltaktivist vom BUND. Der geplante Start der Anlage in diesem Juni sei also alles andere als ausgemacht.

 „Es läuft ja schon an"

Armin Laschet, der Ministerpräsident des Bundeslandes, folgt den Argumenten von Uniper und streicht heraus, dass für Datteln-4 doch andere Steinkohlemeiler abgeschaltet würden. „Es läuft ja schon an, und es kommt", sagte Laschet am Donnerstag im Deutschlandfunk.  Nordrhein-Westfalen muss allerdings bei einem Ausstieg aus dem Projekt auch mit hohen Entschädigungszahlungen an Uniper rechnen.  

Deutschland Fotovoltaik Anlagen und Windkrafträder (picture-alliance/dpa/H. Ossinger)

Erneuerbare Energie legt zu - Fotovoltaik-Anlage und Windräder auf einem Hof am Niederrhein

Ganz abgesehen von der juristischen Seite des Problems Datteln-4 finden Umweltfachleute, das ganze Vorhaben laufe den Zeichen der Zeit zuwider. „Datteln-4 sollte überhaupt nicht ans Netz gehen", sagte etwa Claudia Kemfert der DW. Sie ist Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW. „Alte und ineffiziente Kohlekraftwerke sollten sofort abgeschaltet werden, und neue sollten nicht dazukommen", findet sie. "Die Bundesregierung braucht viel zu lang, um die nötigen Gesetze für den geplanten Ausstieg aus der Kohle vorzulegen – offenbar treiben Energieunternehmen die Regierung vor sich her und versuchen, hohe Entschädigungen für den Abschied von der Kohle herauszuschlagen."

Uniper selbst wird eher einsilbig, wenn es um die Verhandlungen mit der Regierung geht. Energiefachleute aber sind sich doch einig, dass es schon seine eigene Komik hat, aus der Energiegewinnung mit Kohle aussteigen zu wollen, indem man ein neues Kohlekraftwerk anwirft – und dann auch noch eins der größten in Europa.

 

 

 

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