Holocaust-Überlebender ″Sonny″: Die Eintracht ist mein Leben | Sport | DW | 24.01.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Holocaust-Überlebender "Sonny": Die Eintracht ist mein Leben

Helmut Sonneberg überlebt als Kind den Holocaust. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt Frankfurt verliebt er sich in einen Fußballklub. Seine Geschichte hilft nun Fans, die Erinnerung wach zu halten.

Es gibt nicht viele Eintracht-Frankfurt-Fans, die so bekannt sind wie Helmut "Sonny" Sonneberg. Der 88-Jährige geht seit Jahrzehnten zu Heim- und Auswärtsspielen, darunter auch dieses eine ganz besondere, bei dem der Verein 1959 die einzige deutsche Meisterschaft gewann.

Was bis vor kurzem noch nicht bekannt war, war Sonnys Lebensgeschichte. Eine Geschichte von Überleben und unruhigen Zeiten, die so persönlich ist, wie die Geschichte so vieler, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Es geht um einen Jungen, der in jungen Jahren Schrecklichstes erleben musste. Seine Liebe zum Fußball und zu seinem Lieblingsverein helfen ihm später sein Leben in seiner Heimatstadt wieder aufzubauen.

"Ich habe herausgefunden, dass ich Jude bin"

Sonny wurde 1931 in Frankfurt geboren. Während seine beiden leiblichen Eltern jüdisch waren, wurde der Partner seiner Mutter Ria christlich erzogen. Nachdem sie geheiratet hatten, konvertierte sie zum Christentum und ließ Sonny ebenfalls taufen. In einem Interview mit der DW erinnert sich Sonny daran, wie ein Nachbar Ria gesagt hatte, dass die Bekehrung zum Christentum beide vor Antisemitismus schützen würde, eine Vorstellung, die ihr Sohn jetzt als "wahnhaft" beschreibt.

Nachdem die Nazis 1933 an die Macht kommen und Sanktionen gegen Juden einführen, beginnt sich für Sonny alles zu ändern. "Ich verlor drei Dinge auf einmal: Mein Familienleben änderte sich, da ich keine Zeit mit meinem Vater verbringen durfte und meine Religion änderte sich. Als ich herausfand, dass ich Jude war wurde mein Nachname geändert, um meine Religion widerzuspiegeln."

Deutschland Novemberpogrome 1938 | Prinzregentenstraße (picture-alliance/akg-images)

Reichspogromnacht: auch in Berlin brannte die Synagoge an der Prinzregentenstraße völlig nieder

In der Nacht des 9. November 1938, der als "Reichskristallnacht" verbrämten Judenpogrome, realisiert der damals siebenjährige Sonny, dass etwas nicht stimmt. In dieser Nacht wurden viele Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte geplündert und Juden sowohl von SA-Männern als auch von Zivilisten brutal angegriffen.

Sonny, der in der Nähe der Frankfurter Synagoge wohnte, hat die Bilder dieser Nacht immer noch vor Augen. "Ich erinnere mich, dass ich dort stand und die Synagoge brennen sah", erzählt er. "Ich sah die Feuerwehr und die Polizei in der Nähe stehen und absolut nichts tun. Sie taten nichts. Ich wandte mich an meine Mutter und fragte, warum sie ihre Arbeit nicht tun. Sie fing an zu weinen und brachte mich nach Hause."

Ab 1935, als die Nazis die Nürnberger Rassengesetze verabschiedeten, wird Sonny offiziell als Jude eingestuft. Sein Stiefvater, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, gerät unter großen Druck, Ria zu verlassen, weil sie Jüdin ist, aber er weigert sich.

Begegnungen mit der Hitlerjugend

Als Kind erlebt Sonny, wie die Nazis Juden zwingen, den gelben Davidstern sichtbar zu tragen, unter Androhung drakonischer Strafen. Das Regime veranlasst die Schließung der örtlichen jüdischen Grundschule. Weil gleichzeitig jüdischen Kindern der Besuch deutscher Schulen verboten ist, wird Sonny in ein jüdisches Kinderheim verlegt. Der Antrag seiner Mutter, im Kinderheim als Köchin zu arbeiten, wird angenommen. Die Familie ist wieder zusammen, allerdings nur für kurze Zeit.

"Ich erinnere mich, dass ich neben einer Gruppe von Jugendlichen der Hitlerjugend die Straße entlang ging. Einer von ihnen sagte den anderen, dass sie uns schlagen und anspucken können, wenn sie wollen. Ich hörte, wie sie Lieder sangen: 'Wenn das Judenblut vom Messer spritzt'. Es war schrecklich. Und solche Dinge geschahen jeden Tag."

1943 wird das Kinderheim geräumt, die meisten jüdischen Kinder werden in den Tod geschickt. Sonny, zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt, hat Glück. Sein Stiefvater setzt sich bei der Gestapo für ihn ein. Durch seinen Status als Veteran des Ersten Weltkriegs hofft er auf ein Entgegenkommen. "Er schrie sie an: 'Ich habe für Deutschland meine Knochen hingehalten. Bitte nehmt mir den Bub nicht weg.", erzählt Sonny im DW-Interview lebhaft vom Einsatz seines Vaters.

Tatsächlich darf Sonny für einige Zeit in seiner Heimatstadt bleiben. Fortan aber verlässt er das Haus so gut wie nicht mehr, weil es gefährlich ist, mit einem gelben Stern herumzulaufen.

"Meine Eltern erlaubten mir einmal, ins Kino zu gehen. Es war dunkel, und ich hatte herausgefunden, wie ich meinen Gelben Stern teilweise hinter einer der Kurven auf meiner Jacke verstecken konnte. Er war aber immer noch so sichtbar, dass ich ihn den Polizisten hätte zeigen können, wenn jemand danach gefragt hätte", sagte Sonny mit einem Grinsen.

Abschiebung nach Theresienstadt

Anfang 1945, der Krieg ist schon in seiner letzten und blutigsten Phase, bekommen Ria und Sonny einen Brief. Die beiden sollen deportiert werden, "zum Arbeitsdienst ins Ausland", wie es in dem Schreiben heißt. Am 14. Februar beginnt für den damals 14-Jährigen eine Zugfahrt. Das Ziel: unbekannt.

"Es dauerte etwa fünf Tage, wir fuhren in einem Viehwaggon", erinnert sich Sonny. Der Zug endet in Theresienstadt, ein Ghetto auf dem von den Nazis besetzten tschechischen Gebiet. "Bei der Ankunft erinnere ich mich nur an Dunkelheit, bellende Hunde, laute Trillerpfeifen. Ich hatte Angst.”

Er beschreibt den harten Alltag im Ghetto und wie seine Mutter, die in der Küche arbeitete, Kartoffelschalen für ihn herausschmuggelte. Die von den deutschen Bewachern zugeteilten Essensrationen reichten für das Überleben kaum aus. Etwa 15.000 Kinder wurden während des Holocaust nach Theresienstadt und von dort aus weiter in Vernichtungslager deportiert. Sonny ist einer der wenigen Überlebenden. Seine bittere Erkenntnis: "Man sagt: die Zeit heilt alle Wunden. Aber Zeit heilt nicht alle Wunden."

Die Entdeckung der Eintracht

Frankfurt Helmut Sonneberg Eintracht Frankfurt Fan und Holocaustüberlebender (DW/T. Lemmer)

Auf dem Weg zum Finale 1959: Sonny im Käfer

Nach Kriegsende im Mai 1945 kehren Sonny und seine Mutter nach Frankfurt zurück. Nicht lange danach erfährt er durch Freunde, dass eine lokale Fußballmannschaft nach neuen Spielern sucht. Sonny beginnt in der Jugend von Eintracht Frankfurt zu spielen und schafft es schließlich bis in die zweite Mannschaft. Die Heimspiele der ersten Mannschaft verfolgt er im Stadion.

In den 1950er Jahren reist Sonny auch zu Auswärtsspielen. Sein denkwürdigster Moment: Der erste und einzige Ligatitel der Frankfurter Eintracht 1959. Sein Weg nach Berlin zum Finale gegen den Lokalrivalen Kickers Offenbach ist im Bild festgehalten. Ein Fotograf nimmt ihn auf, wie er auf einem VW-Käfer thronend sein schwarz-weißes Trikot präsentiert, auf das er die Ergebnisse aller Eintracht-Siege vor dem Endspiel geschrieben hatte.

In den vergangenen Jahren hat Sonny mit der Eintracht vieles erlebt: die Tiefpunkte des Abstiegs genauso wie den Pokalsieg 2018 und den Einzug ins Halbfinale der Europa League in der folgenden Saison. "Die Eintracht ist und bleibt mein Leben", erklärt Sonny seine tiefe Verbundenheit mit dem Klub und fügt hinzu, dass er gerne unter der Mittellinie auf dem eigenen Gelände des Vereins, dem Waldstadion, begraben wäre - eine Vorstellung, die ihm ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert.

Eintracht bis zum Ende

Sonny arbeitet nun mit dem Museum von Eintracht Frankfurt zusammen, um die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten, und erzählt seine Geschichte jedem, der zuhören möchte. Kürzlich begleitete er eine Gruppe von Eintracht-Fans, die Theresienstadt besuchte. Für ihn war es die erste Rückkehr an diesen Ort des Schreckens. "Es war sehr emotional. Ich musste öfter weinen", beschreibt er seine Erfahrung, "Ich habe alles sofort wieder erkannt. Auch wenn es dunkel war, als wir ankamen."

Frankfurt Helmut Sonneberg Eintracht Frankfurt Fan und Holocaustüberlebender (DW/T. Lemmer)

Spezial-Schal für lebenslange Mitglieder

Als er nach Hause zurückkehrte, erwartete ihn eine Überraschung. Peter Fischer, der Präsident von Eintracht Frankfurt stattete ihm einen Besuch ab und überreichte ihm eine Klubmitgliedschaft auf Lebenszeit. Auch dies brachte dem Holocaust-Überlebenden Tränen in die Augen, aber diesmal waren es Tränen der Freude. Während seines Interviews mit der DW trägt Sonny stolz einen Eintracht-Frankfurt-Schal, den ausschließlich lebenslange Mitglieder bekommen.

Sonnys Mitgliedschaft ist deshalb besonders, weil sie eine Vorgeschichte hat: Rudi Gramlich, ein Eintrachtspieler, der in den 1950er und 60er Jahren als Präsident des Klubs fungierte, war Mitglied der Totenkopf-Division der SS, einer Division, die für viele Kriegsverbrechen und Massenmorde an Juden während des Zweiten Weltkriegs verantwortlich war. Bis heute ist Gramlich Ehrenpräsident der Eintracht, doch 2018 kündigte der Klub an, seine NS-Vergangenheit zu untersuchen.

"Solange dieser Kriminelle unser Ehrenpräsident ist, kann ich nicht Mitglied werden", sagte Sonny, er habe es sich selbst versprochen. Bei seiner Mitgliederversammlung am Sonntag, den 26. Januar 2020 hat der Verein Gramlich die Ehrenpräsidentschaft posthum entzogen. Das ist ein Schritt, den Sonny und viele andere begrüßen. Er geht einher mit der Beobachtung deutscher Behörden, die in den letzten Jahren einen Anstieg der antisemitischen Kriminalität im Land verzeichnen. Es überrascht nicht, dass dieser beunruhigende Trend der Aufmerksamkeit dieses Holocaust-Überlebenden nicht entgangen ist.

"Was ich hier in letzter Zeit von jungen Juden gehört habe, erinnert mich an meine Kindheit", sagt Sonny.