Hochwasser in Venedig: Salze bedrohen Gemälde und Fresken | Wissen & Umwelt | DW | 14.11.2019
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Interview

Hochwasser in Venedig: Salze bedrohen Gemälde und Fresken

Eine Gefahr für Venedigs Wandgemälde und Fresken sind Salze, die bei Hochwasser auskristallisieren. Damit fachgerecht umzugehen erfordert gute Planung, sagt der Dresdner Restaurator Sven Taubert.

Der Eingangsbereich zum Markusdom ist überflutet

Fresken, wie hier im Markusdom, können auch durch aufsteigende Feuchtigkeit noch angegriffen werden

Deutsche Welle: Herr Taubert, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen als sie die Bilder des Hochwassers in Venedig gesehen haben?

Sven Taubert: Zunächst hält man ja Hochwasser in Venedig für fast normal. Aber wir müssen zwischen dem normalen und dem besonderen oder extremen Hochwasser unterscheiden.

In Venedig ist Hochwasser ein Dauereffekt, und wenn es dann nochmal getoppt wird, dann vermittelt das jemandem wie mir - der mit Kunstgut- und Denkmalschutz zu tun hat - ein mulmiges Gefühl, denn es ist ein weiterer Schub in die Gebäude hinein, in ihre Ausstattungen. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass sich klimatisch etwas eher zum Schlechteren entwickelt.

Man hofft dann, dass so etwas nicht noch öfter und in kürzeren Abständen passiert. Präventiv ist ein Kunstgutschutz vor Hochwasser kaum möglich und auch sofortiges Eingreifen, etwa bewegliches Kunstgut von dem Ort wegzutragen, ist schwierig. Immobile, baugebundene Kunstwerke - so etwa farbige Fresken - lassen sich im Hochwasserfall kaum schützen. 

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Das letzte so große Hochwasser war 1966, also vor 53 Jahren. Dennoch gibt es in Venedig immer wieder kleinere Hochwasser. Können die Menschen deshalb damit besser umgehen?

Es gibt generell einen erhöhten Feuchtepegel in den Gebäuden. Die Holzpfähle verfaulen nicht so schnell, solange sie von der Luft abgeschlossen im Wasser stehen.

Damit hatte man schon zur Erbauungszeit gerechnet. Aber das Feuchteniveau im Mauerwerk ist durch den kapillaren Sog auch höher. Über lange Zeit stellt sich die Feuchtigkeit auf einen gewissen Pegel ein. Wenn aber der Druck von unten immer höher wird und die Hochwasserereignisse immer öfter kommen, dann müssen wir damit rechnen, dass es zu immer größeren Schäden kommt. Es werden dann Bereiche von der Feuchtigkeit betroffen, die es bisher nicht waren. 

Was passiert dann in den Gebäuden?

Die permanenten Feuchteschübe mobilisieren im Mauerwerk leicht lösliche bauschädliche Salze. Die werden dann an Stellen getrieben, wo sie eigentlich nicht hingehören. Dort konzentrieren sie sich und kristallisieren aus. Die Salze bauen einen Kristallisationsdruck auf, der mit Volumenzunahme verbunden ist und zu Materialzermürbung führen kann.

Das gilt sowohl für Natursteine wie Sand- oder Kalkstein als auch für Ziegelsteine, Terrakotten, Mörtel oder Putze. In Venedig gibt es ja besonders hochwertige Bemalungen, die bis in die Renaissance zurückgehen. Um deren Verlust trauern wir dann ganz besonders.

Wodurch gehen die Gemälde kaputt?

Die Salzlösungen füllen die Porenräume aus, die sich im Mauerwerk befinden. Und wenn die Wände dann trocknen - was eigentlich ein positiver Prozess ist - sind die Salze dann dort in konzentrierter Form vorhanden. Wenn sie auskristallisieren, kommt es gleichzeitig zu einer Volumenvergrößerung.

Je nach Salzgemisch kann diese bis zu 300 Prozent betragen. Dann führt der dadurch entstehende Kristallisationsdruck zu mikroskopisch kleinen Sprengungen. Das passiert über längere Zeiträume hinweg im Kleinen. An der Oberfläche kann man das dann in Form von Mürbzonen sehen und auch spüren.

Die mineralischen Bestandteile der Natursteine oder des Mörtels rieseln herunter: Kalk, Sand, Kies und Staub. Farbschichten sind davon gleichermaßen betroffen. Sie sind nur Bruchteile eines Millimeters stark. Man kann sich das oft gar nicht vorstellen: Es ist eine sehr verletzbare dünne Haut, die aber als Wand- oder Dekorationsmalerei eine grandiose Wirkung entfaltet. 

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Sind Fresken dann überhaupt zu retten?

Wenn die Zermürbung noch nicht soweit fortgeschritten ist, dass Putz und Farbe wirklich von der Wand fallen - oder schon gefallen sind, dann kann man noch eingreifen. Konservatoren können Armierungsschichten reversiblen Bindemitteln und Seidenpapieren auf die Oberflächen aufkleben. Dieses spezielle Japanpapier wird in kleinen, pflasterartigen Stücken aufgebracht und hält die Malerei erst einmal am Ort.

Sind die Oberflächen gesichert, kann man dann an die darunterliegenden Mürbzonen gelangen und über Kanülen zur Stabilisierung wieder Festigungsmittel zuführen. Diese binden dann wieder die Putze. Das sind alles sehr spezielle Prozesse und Methoden und sehr abhängig vom Einzelfall. Ein Problem ist, dass man auch die darin eingelagerten Salze mitfestigt. Darauf müssen Konservatorinnen und Konservatoren dann fallabhängig eingehen.

Kommen auch Kunststoffe beim Festigen der Putze und Mörtel zum Einsatz?

Sicher, das ist eine von mehreren Möglichkeiten. Es sind dann meist sehr dünne niedrigprozentige Lösungen. Darin spielt die vernetzung der Kunststoffmoleküle eine wichtige Rolle. Sie bilden kleine Brücken und Filme im Porenraum und stabilisieren so das mineralische Gefüge. Es wird punktuell als Dispersion oder Lösung eingesetzt. 

Acryl- und Epoxidharze ebenso wie Kieselgele kommen verstärkt in der Steinkonservierung zum Einsatz - etwa bei der Bauwerksabdichtung gegen aufsteigendes Wasser oder der Materialfestigung. Da sind ganz unterschiedliche Materialien und Technologien im Einsatz - durchaus auch mit unterschiedlichem Erfolg. 

So kann ein neuer Stoff zwar wunschgemäß eine Festigung herbeiführen, aber es kann auch zu einer Überfestigung kommen. Dann löst sich der behandelte Bereich möglicherweise durch Schalenbildung vom nicht behandelten Bereich ab. Diese Schäden können auch erst nach Jahren oder Jahrzehnten sichtbar werden. 

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Zisterzienserinnenkloster St. Marienthal von Innen

Sven Taubert ist nach einem Neiße-Hochwasser an der Restaurierung des Zisterzienserinnenklosters St. Marienthal beteiligt

Lassen sich denn Fresken auch komplett retten - also Abbauen und an einen sicheren Ort "verpflanzen", weit weg vom Wasser? Man könnte sie ja durch eine Kopie ersetzen, bei der es nicht so schlimm ist, wenn sie mal unter Wasser steht.

Die Translozierung, also Abnahme und Umsetzung von Wandmalerei, ist ein riesiges Diskussionsfeld. Als Prozess ist sie problematisch, weil man eine ganze Reihe wichtiger Entscheidungen fällen und begründen muss: So zum Beispiel, ob man nur das oberste Malschicht-Paket ohne Putz abnimmt oder die Malschicht mit der Putzschicht oder sogar einen ganzen Wandbereich zusammen mit Putz und Farbe versetzt. 

Die Translozierung bedeutet immer Stress und Verlust für das Kunstwerk. An irgendwelchen Stellen muss man Abschnitte bzw. handhabbare Segmente bilden und die  Wandmalerei bei einer Abnahme aufsägen. Man bekommt nie ein ganzes Bild von mehreren Quadratmetern Fläche in Gänze von der Wand genommen. Die Abwägung ist zu treffen zwischen dem Schadensrisiko für den "Patienten" Wandmalerei bei einer Abnahme und ihrer sonstigen "Überlebenschance" für den Fall, dass man nichts tut. 

Je höherwertiger die Wandmalerei umso kritischer wird man da auch hinschauen und die Diskussion führen müssen, zumal auch nicht unerhebliche Kosten damit verbunden sind. Trotzdem sind Translozionen definitiv eine Option, wenn etwa in Venedig der Hochwasserzyklus zukünftig dichter und heftiger ausfällt.

Was kann man denn noch tun, um Fresken zu schützen, die immer wieder überflutet werden?

Bemalte Wandflächen, die öfter Flutungen bei Hochwasserereignissen ausgesetzt sind, werden über kurz oder lang untergehen. Es sei denn, man entfernt sie aus dem Gefährdungsbereich - Stichwort Translozierung - oder sichert ihren Standort durch geeignete Objektschutzmaßnahmen – z. B. mobile Hochwasserschotts für Tür- und Fensteröffnungen.

Geht es um Soforthilfe bei selteneren Flutereignissen, hilft unter anderem die Arbeit mit Kompressenmaterial. Damit kann man erreichen, dass die gelösten Salze aus dem Mauerwerk nicht an der Bildoberfläche auskristallisieren, sondern erst in den Kompressen - oftmals Zellulosematerial -, das die Feuchtigkeit aufnimmt. Wir verlegen also die Verdunstungsoberfläche und den Kristallisationspunkt nach außen – weg vom Wandgemälde.

Dann kann man hinterher mit den Kompressen auch die bauschädlichen Salze abnehmen und so die Mauerwerksbelastung mindern. Wir haben diese Methode recht erfolgreich nach Hochwasserereignissen eingesetzt.

Ganz wichtig für eine erfolgreiche Restaurierung ist das Bewusstsein für die bauchemischen, bauphysikalischen und bauklimatischen Prozesse. Daraus muss man dann einen Therapievorschlag ableiten der genau auf die jeweilige Situation eingeht, würde ein Mediziner sagen.

Das Interview führte Fabian Schmidt.

Sven Taubert ist Diplom Restaurator und Sprecher der Fachgruppe Wandmalerei und Architekturoberflächen des Verbandes der Restauratoren. Er widmet sich seit fünfzehn Jahren vorwiegend der Restaurierungsplanung bei Baudenkmälern und war in den letzten neun Jahren intensiv mit Flutschadensbeseitigung in dem Zisterzienserkloster Sankt Marienthal an der Neiße beschäftigt. 

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