Hitzesommer: tote Fische, verschwundene Flüsse | Wissen & Umwelt | DW | 08.08.2018
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Klimawandel

Hitzesommer: tote Fische, verschwundene Flüsse

Tonnenweise werden in diesen Tagen tote Fische aus Seen und Flüssen gezogen. Sie haben den Belastungen durch Trockenheit und Hitze nicht standgehalten. Die globale Erwärmung wird die Lebensräume der Fische verändern.

Keine 30 Kilometer lang ist die Dreisam, trotzdem sind die Freiburger stolz auf ihren Fluss, der sich mitten durch die Stadt zieht, der den Menschen nach der Schneeschmelze viel Wasser in das begradigte Flussbett spült und im Sommer Abkühlung bringt.

In diesen Wochen ist das Gewässer allerdings zur begehbaren Steinwüste mutiert. Der örtliche Angelsportverein hat vorsorglich Fische herausgenommen und in anderen Gewässern ausgesetzt. Auch Peter Rudolph ist ständig einsatzbereit. "Wir messen regelmäßig die Wassertemperaturen der Gewässer", sagt der Freiburger Gewässerbiologe. Bei großer Trockenheit und prekären Temperaturanstiegen informiert er die Behörden. Und dann rückt er mit Kollegen und elektronischen Keschern aus. Die Kathode, also der Minuspol, schwimmt im Wasser, die Anode - der Pluspol - ist am Fangnetz des Fischers befestigt.

Freiburg - Dürre im Flussbett der Dreisam (picture-alliance/ROPI/A. Pisacreta)

Die Dreisam ist ausgedunstet - von dem Fluss sind Wasserinseln übrig geblieben, die Fische darin gefangen

Wird der Kescher ins Wasser geführt, schließt sich der Stromkreis, die Fische werden durch einen Leitstrom an das Netz geführt und gleichzeitig betäubt. Mit dieser Methode können große Mengen Fische entnommen und an anderen Stellen wieder ausgesetzt werden - ohne dass die Tiere Schaden nehmen. "Wir müssen kontinuierlich Wassertemperatur und den Sauerstoffgehalt messen. Wenn man die ersten toten Fische sieht, ist es zur Rettung des Bestandes eigentlich schon zu spät. Dann muss man die Sache der Natur überlassen", erklärt Fischereiökologe Rudolph. 

Kontrolle und rechtzeitiges Handeln notwendig

Im Rhein, der nur wenige Kilometer an Freiburg vorbeifließt, stellt sich die Lage dramatischer dar, wenn auch der Fluss breiter und mit mehr Wasser gefüllt ist. Tonnenweise starben hier die Fische, besonders auf der Schweizer Seite des Rheins. Das dauerhaft warme Wasser von bis zu 28 Grad ließ den Sauerstoffgehalt absinken. Dazu ungünstige Windverhältnisse und niedrige Wasserpegel setzen besonders Äschen und Forellen unter Dauerstress. Sie kollabieren, verenden und müssen letztendlich in Tierverwertungsanlagen entsorgt werden.

Ist der Klimawandel schuld an der Hitzewelle?

Im Kanton Zürich sind ganze Kolonnen rund um die Uhr mit der Abfischung von 150 Bächen beschäftigt, um die evakuierten Fische in kälteren Gewässerbereichen auszusetzen. "Wir können das Sterben der Fische nicht mehr verhindern, bloß die Zahl der überlebenden erhöhen", gab Samuel Gründler vom Schweizerischen Fischereiverband, der Züricher Zeitung NZZ zu Protokoll. 

Schweiz Deutschland Fischsterben im Rhein (picture-alliance/dpa/M. Duchene)

27 Grad Wassertemperatur - zu hoch für Forellen: Ein Angler fischt mit einem Netz tote Fische aus dem Rhein

Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) hat als Tagesmittelwert für den Oberrhein 27,2 Grad ermittelt. Entscheidender sei jedoch die Dauer kontinuierlich warmer Tagen über 25 Grad Wassertemperatur. Diese liegen laut BfG aktuell bei 15.

Klimawandel verändert Fischpopulation

In viele Seen pumpten Feuerwehr und Technisches Hilfswerk (THW) Millionen Liter Wasser zur Sauerstoffanreicherung. Aus einem Stausee bei Ellwangen in Baden-Württemberg zogen Helfer dennoch 20 Tonnen Fischkadaver.

Angesichts des Massenexitus werden Erinnerungen wach an den bis dato Jahrhundertsommer 2003. Damals verendeten 50.000 Fische allein im Rhein und nahezu die gesamte Äschenpopulation. 

Die Äsche kommt kommt in Mittelgebirgsregionen vor und brauchen klares, kühles Wasser wie die Forellen. "Das sind typische Bergbachbewohner und eher kälteadaptiert", begründet Peter Rudolph das Sterben der Art. Karpfen, Döbel und Brasssen seien robuster und tolerierten die niedrigere Sauerstoffkonzentration besser, haben bei fortschreitendem Klimawandel auch größere Chancen zu bestehen. Auch invasive Arten, wie der aus Asien eingeführte Blaubandbärbling und der Sonnenbarsch, der ursprünglich in den USA beheimatet war, werden dem Klimawandel standhalten, glaubt Rudolph.

Wurden 2003 noch höhere Temperaturen gemessen, macht diesen Sommer die Trockenheit den Fischen zu schaffen. "Hitze und fehlender Niederschlag bilden eine verhängnisvolle Kombi", hält Gewässer-Experte Rudolph fest. Bei Niedrigständen sind die Fische der vollen Sonneneinstrahlung ausgesetzt und finden keine schützenden Unterstände, denn in Deutschland sind viele Ufer gehölzfrei, so dass Gewässerrandlagen keine Beschattung bieten.

Schweiz Fischsterben im Rhein (picture-alliance/KEYSTONE/M. Duchene)

Ein Grad wärmer kann schon zum Tod führen. Äschen bevorzugen Temperaturen um 23 Grad. Der Rhein ist im Mittel mehr als vier Grad wärmer

Und die Auen sind mit Siedlungen und Industriegebieten zugebaut oder werden von der Landwirtschaft genutzt. "Das Wasser braucht mehr Platz und mehr Bäume an den Rändern", fordert Peter Rudolph und plädiert für die Renaturierung. "Die Wurzeln würden Schatten spenden, unterirdische Wurzeln, die ins Wasser ragen, könnten Deckung bieten. Aber das Problem ist: Wer kommt für Kompensationszahlungen auf, wenn Eigentümer der Uferbereiche Land abtreten müssten?" 

Die Lobby von Agrarindustrie, Schifffahrt, Verkehr und Bergbau sei zu mächtig, bemängeln Umweltverbände wie der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), obwohl die EU im Rahmen der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) seit Jahren Druck auf Deutschland ausübt. Die WRRL schreibt ein weitgehend natürliches Vorkommen von Pflanzen und Fischen in den Gewässern vor, die Durchgängigkeit von Bächen und Flüssen für alle Lebewesen und naturnahe, naturbelassene Uferzonen.

Seen im Klimastress

Doch auch Seen sind aus dem ökologischen Gleichgewicht geraten, weil die Sonne das Wasser auf bis zu 30 Grad Celsius erwärmt hat. Licht und Wärme fördern das Wachstum von Algen und Pflanzen. Besonders tückisch ist die Vermehrung von Blaualgen, die Giftstoffe produzieren und auch auch ins Trinkwasser gelangen können. Der Wind schafft es hingegen nicht, die Wasserschichten zu durchmischen. Folglich gelangt der Sauerstoff aus der Luft nicht in tiefere Wasserlagen. Fehlt dort der Sauerstoff, schwimmen die Fische an die wärmere Wasseroberfläche. Dort beschleunigt sich ihr Kreislauf, sie müssen mehr fressen - das führt zu Stress. 

Rita Adrian vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) untersucht Langzeit- und Klimafolgen in Seen. Die Professorin sagt, auch Starkregen nach einer Trockenperiode habe fatale Folgen, da verschiedene Stoffe in die Gewässer einspült werden. Fische können dann sterben, da Bakterien die Gewässereinträge abbauen und dazu Sauerstoff brauchen, der den Fischen fehlt. 

Neuhausen - Fischesterben am Rhein (picture-alliance/Keystone/M. Duchene)

Japsen nach Sauerstoff - Fische schwimmen an die Oberfläche

Seit den 1970er Jahren dokumentieren die IGB-Forscher am Müggelsee bei Berlin mit einer Messstation Seen im Klimawandel - Langzeitstudie des IGB. Der Temperaturanstieg in den letzten Jahrzehnten sei mit 0,34 Grad pro Jahrzehnt alarmierend, da die kürzere Eisdauer im Winter und indirekte Effekte wie veränderte Licht- und Sauerstoffverhältnisse sowie Düngung durch die Landwirtschaft großen Einfluss auf das Ökosystem See haben können.

Forderungen nach Maßnahmen gegen den Klimawandel

Die Autoren der Studie halten langfristige Klimafolgenforschung für unabdingbar, um auf den Grundlagen der Beobachtungen Anpassungsstrategien zu entwickeln.

Und Umweltverbände schlagen einmal mehr Alarm: Der WWF Deutschland und Germanwatch haben gemeinsam die Bundesregierung ermahnt, endlich Maßnahmen gegen die Erderhitzung und den anhaltenden Treibhausgas-Ausstoß zu ergreifen. Der Naturschutzbund Deutschland NABU fordert eine zügige Neuausrichtung in der Agrar-, Klima- und Naturschutzpolitik.

Bundesregierung: Renaturierung langfristiges Ziel 

Auf Anfrage hat das Bundesumweltministerium (BMU) mitgeteilt, dass es die langfristige Aufgabe von Bund und Ländern sei, möglichst viele Gewässer und Uferbereiche zu renaturieren. "Klimaanpassungsmaßnahmen zielen hauptsächlich auf die Stärkung der natürlichen Ökosysteme, um die Widerstandsfähigkeit der Gewässer gegenüber Klimaänderungen zu erhöhen. Natürliche Gewässer bieten Lebewesen in Stresssituationen Rückzugsmöglichkeiten", heißt es in der Stellungnahme. Und weiter: "Gewässer mit langsamen Fließgeschwindigkeiten und längeren beruhigten Bereichen wie Altarmen mildern Hochwässer ab. Außerdem lassen durchlässige Gewässersohlen einen besseren Austausch zwischen Oberflächen- und Grundwasser zu. Dies wiederum kann die negativen Folgen von Trockenperioden abpuffern."

Für Maßnahmen zur Reduzierung der Wärmebelastungen aus Kühlwasserableitungen oder erhöhter Umgebungstemperatur seien die Länder zuständig. Vor allem an den großen Flüssen und Strömen seien Maßnahmen zur Verringerung oder optimierten Steuerung von Wärmeeinleitungen geplant, beispielsweise durch den Neubau von Kühlanlagen. Deutschland will damit die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie umsetzen.

 

 

 

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