Hinter dem Deich: Die Küste im Schatten des Klimawandels | Wissen & Umwelt | DW | 27.09.2018
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Leben unter dem Meeresspiegel

Hinter dem Deich: Die Küste im Schatten des Klimawandels

Große Teile der deutschen Nordseeküste liegen so tief, dass das angrenzende Meer für sie eine ständige Gefahr darstellt. Das gilt umso mehr in Zeiten steigender Temperaturen und Meeresspiegel.

Der Wind peitscht über die nordfriesische Insel Pellworm, treibt bedrohliche Wolken über den dunklen Himmel. Petra Feldkamp steht da und blickt in Richtung des hohen, grünen Deiches. Direkt dahinter tobt das Meer, nicht zu sehen, aber immer präsent. So nehmen viele Deutsche inzwischen auch den Klimawandel wahr. Die gnadenlose, monatelange Hitzewelle in diesem Sommer hat ihnen die Realitäten quasi eingebrannt.

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"Ich denke, wir nehmen sie alle wahr. Wenn du hier lebst, erkennst du die Lage, du fühlst sie", sagt Feldkamp, deren Familie seit Generationen auf der Insel lebt. "Aber das ist ein Ort der Ruhe, deshalb haben wir nicht wirklich Angst.”

Sie gibt zu, dass sie vor allem wegen des schützenden Deiches so ruhig ist, der erst kürzlich aufgeschüttet wurde und ohne den die Insel "ertrinken würde." Trotzdem, sagt sie, fühle sie sich "völlig sicher."

Ein Geländer führt ins Wasser an einem Strand an der Nordsee (DW/T. Walker)

Nicht nur die Orte hinter den Deichen sind durch den Meeresanstieg bedroht. Auch das Watt verändert sich

Für Thomas Langmaack von Schleswig-Holsteins Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) ist besorgniserregend, dass die Menschen sich in trügerischer Sicherheit wiegen.

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Nicht, dass er Freude daran hätte, seinen Mitbürgern Angst einzujagen. Doch als Leiter des Bereichs Wasserwirtschaft, Koordination, Bekämpfung von Meeresverschmutzung ist es sein Job, die Menschen und die Artenvielfalt entlang der Nord- und Ostseeküste seines Bundeslandes zu schützen.

Zu nah und doch zu bequem

Auf einer Fläche von 3900 Quadratkilometern leben die Menschen entlang der flachen Küste Schleswig-Holsteins. Zu Langmaacks Job gehört es, den Gemeinden, die am Wasser liegen, zu vermitteln, wie unberechenbar und manchmal erbarmungslos das Wasser ist, das sie umgibt. Es wird leicht vergessen, dass Teile dieses Gebiets ursprünglich einmal Meer waren, das mithilfe von Deichen erst trocken gelegt wurde.

"Die Menschen sind im Großen und Ganzen nachlässig geworden", sagt Langmaack. "Sie haben das verdrängt, weil es seit mehreren Jahrzehnten keine verheerende Sturmflut mehr gegeben hat." 

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Und weil der hunderte Kilometer lange Komplex aus Deichen eine schützende Mauer zwischen ihnen und der See bildet, sind sie in der Tat ja auch sicherer als je zuvor.

Naturraum Nordsee (DW/Tamsin Walker)

Ebbe und Flut - ein ständiges Kommen und Gehen an der Nordseeküste

"Aber auch der kann versagen", sagt LKN-Sprecher Hendrik Brunkhorst. "Wir müssen die Menschen auf die Gefahren aufmerksam machen."

Der Meeresspiegel ist zwischen 1940 und 2007 nur um 28 Zentimeter angestiegen. Das ist etwa genauso viel wie im vorigen Jahrhundert, wie Aufzeichnungen belegen. Trotzdem scheint es dringend nötig, die lokale Bevölkerung auf das Schlimmste vorzubereiten. Dass die Sorgen berechtigt sind, zeigte Wirbelsturm "Xaver",  der die Region 2013 heimgesucht hat. Zudem rechnen Klimaforscher damit, dass sowohl der Meeresspiegel, als auch der Wasserpegel bei Stürmen in den kommenden Jahrzehnten ansteigen wird.

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Planen für das Unbekannte

Neben ihren Bemühungen, die Bevölkerung zu sensibilisieren, hat die Behörde auch ihre Schutzanlagen mit sogenannten "KIimadeichen" verstärkt. Mit den früher von Hand gebauten Lehmdeichen, die vor etwa tausend Jahren erstmals entlang der norddeutschen Küsten entstanden, haben diese präzise geplanten, gigantischen, grünen Hänge nur noch wenig gemein. Sie sind so angelegt, dass sie die Wellen abhalten. Gleichzeitig kann man oben noch leicht eine weitere Schicht hinzufügen, falls der Wasserspiegel plötzlich viel schneller ansteigen sollte, als bislang vorausgesagt. 

"Wir müssen uns an der Zukunft orientieren", sagt Langmaack. "Wir haben einen Temperaturanstieg und in der Folge daraus auch bestimmt einen Anstieg des Meeresspiegels. Aber kein Mensch kann uns im Moment genau sagen, wie sich diese Kurve verändert. Das macht das Ganze so schwierig."

"Wir planen tatsächlich für die nächsten 100 Jahre", sagt er weiter.

Jannes Fröhlich, Nordlicht und Umweltwissenschaftler für den WWF Deutschland (DW/Tamsin Walker)

Der Ökologe Jannes Fröhlich ist selbst an der Nordseeküste aufgewachsen. Er will die einzigartige Landschaft erhalten.

Jannes Fröhlich vom WWF Deutschland fordert einen anderen Umgang mit dem zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels. Wo es möglich ist, soll seiner Meinung nach eine sogenannte Rückverlegung des Deiches durchgeführt werden - eine Strategie, die kontrovers diskutiert wird. Teile des Deiches würden dabei entfernt, damit sich das Meer gewisse Gebiete zurückerobern kann.

Naturschützer, Planer und Vertreter von Handel, Industrie und Tourismus in der Nordfriesischen Hafenstadt Husum hatten 2014 einen solchen Plan entwickelt, aber letztlich wurde er von der Bevölkerung abgelehnt.

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"Die Frage ist, wie viel man als Gesellschaft bereit ist abzugeben. Und das wird immer ein Verhandlungsprozess sein", sagt Fröhlich gegenüber der DW. "Aber es gibt keine nennenswerten Beispiele, wo man es ausprobiert hat, weil die gesellschaftliche Akzeptanz zu gering ist - oder weil die Mehrheit der Bevölkerung an der Küste die Dinge so lassen will, wie sie sind." Dieser Widerstand verstört Fröhlich. Er glaubt, dass eine ähnliche Strategie helfen könnte, das Wattenmeer der Nordsee zu retten.

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Dieses größte zusammenhängende Wattenmeer der Welt entstand über hunderte von Jahren durch Sturmfluten und kontinuierliche, natürliche Ablagerung von Meeres-Sedimenten. Die Gezeiten legen das Land zweimal am Tag frei. Millionen von Zugvögeln bekommen Zugang zu reichhaltiger Biomasse aus dem Meer. Die Vögel fressen sich Energiereserven an, die sie für ihre lange Reise brauchen.

Hier leben mehr als 1500 Arten wirbelloser Tiere, von denen 350 endemisch sind. Die Salzwiesen zwischen dem Meer und den Deichen bieten Nistplätze für verschiedene Vogelarten.

Wasservogelschwarm auf einer Sandbank in der Nordsee (WWF/H.-U. Rösner)

Das Wattenmeer ist Lebensraum für eine Vielzahl von Tierarten - von Wasservögeln bis hin zu Wirbellosen.

Das Biosphärenreservat ist seit langem geschützt, aber es gegen die Auswirkungen des Klimawandels zu schützen, wird wohl eine gigantisches Unterfangen. Wenn der Meeresspiegel zu schnell ansteigt, wird das Watt nicht genauso schnell "wachsen" können und am Ende dauerhaft unter Wasser bleiben.

Wie gravierend die Auswirkungen eines solchen Szenarios für Naturschutz, Kultur und Wirtschaft wären, thematisiert die vom Land Schleswig-Holstein ausgearbeitete "Strategie für das Wattenmeer 2100". Sie sieht Lösungen vor, wie das Aufschütten von Sediment im Meer, um das Wattenmeer vor dem Ertrinken zu retten.

Als Naturschützer ist Fröhlich eigentlich kein Freund davon, in die Natur einzugreifen. Aber ein Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels könnte Grund genug für eine Ausnahme sein.

"Ich denke wir unterschätzen, was da auf uns zukommt", sagt er. "Ich fürchte, dass große Teile dieses Gebiets verloren gehen werden - wirklich."

Und wenn das Gebiet verloren geht, wird höchstwahrscheinlich auch die Ruhe verloren gehen, die die Einheimischen so genießen.

 

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