Hilft die Plasma-Therapie wirklich bei COVID-19? | Wissen & Umwelt | DW | 24.08.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Wissen & Umwelt

Hilft die Plasma-Therapie wirklich bei COVID-19?

US-Präsident Trump bezeichnet die jetzt zugelassene Plasma-Therapie als "historischen Durchbruch". Forschende und Mediziner bezweifeln dagegen deren Wirksamkeit.

Unmittelbar vor dem Nominierungsparteitag der Republikaner verkündete US-Präsident Trump einen "historischen Durchbruch": Die jetzt per Sondergenehmigung für Notsituationen zugelassene Plasma-Therapie zeige eine "unglaubliche Erfolgsrate" und werde "zahllose Leben retten". Der Termin ist bewusst gewählt, denn Donald Trump steht auch in den eigenen Reihen wegen seines Corona-Krisenmanagements unter Druck.  

Allerdings sind die bisherigen Erfahrungen mit der Plasma-Therapie bei Corona-Patienten eher ernüchternd und entsprechend haben viele Forschende und Mediziner Zweifel, ob die vergleichsweise aufwändige Therapiemethode auch tatschächlich effektiv ist.

Pressekonferenz von US-Präsident Donald Trump zur Plasmatherapie

Politik und Wissenschaft bewerten die Wirksamkeit der Plasmatherapie unterschiedlich

Selbst die US-Arzneimittelaufsichtsbehörde FDA sieht nur einen "potenziellen Nutzen" der Plasma-Therapie, der immerhin größer sei als die bekannten Nebenwirkungen. Bis verlässlichere Daten aus klinischen Studien vorliegen, sollte die Plasma-Therapie nicht als neuer Standard für die Behandlung von COVID-19-Patienten betrachtet werden, heißt es im FDA-Begleitschreiben zu der Dringlichkeitsanordnung.

Was ist eine Plasma-Therapie?

Seit Beginn der Corona-Pandemie galt die Plasma-Therapie als ein Hoffnungsträger, denn die Idee ist bestechend einfach: Haben Patienten eine COVID-19-Infektion überstanden, dann enthält ihr Blutserum eine Vielzahl unterschiedlichster Antikörper, die das Coronavirus effektiv bekämpfen können.

Werden die aus dem Serum isolierten und gereinigten Antikörper einem anderen Coronapatienten injiziert, so erhält er eine "passive Immunisierung". Im eigentlichen Sinne ist dies keine Impfung, da die Antikörper nicht vom Körper selbst produziert wurden. 

Doch der Vorteil ist klar: Der Körper muss bei einer Infektion nicht erst mühsam und zeitraubend selber Antikörper bilden, sondern bekommt direkt geeignete Antikörper, die den Erreger sofort bekämpfen können. Allerdings hält eine passive Immunisierung nur wenige Wochen bis Monate an, es entsteht also keine bleibende Immunität gegen den Erreger.

Auch in den USA längst im Einsatz - unter Auflagen

Diese bereits 1890 vom deutschen Immunologen Emil von Behring eingeführte passive Immunisierung kommt in der Corona-Krise auch in den USA bereits zum Einsatz. Laut FDA haben bereits rund 70.000 COVID-19-Patienten im Rahmen einer klinischen Sondergenehmigung Blutplasma erhalten, allerdings nur unter strengen Auflagen: nur im Rahmen von klinischen Tests und nur bei einem dramatisch schlechten Gesundheitszustand.

Kolumbianische Proben mit Rekonvaleszentplasma gegen COVID-19

Trotz nicht nachgewiesener Wirksamkeit ist die Plasma-Therapie in vielen Ländern ein Hoffnungsträger

Der Erfolg ist umstritten: Laut US-Gesundheitsminister Alex Azar hätten die mit Plasma behandelten Patienten eine im Vergleich um 35 Prozent erhöhte Überlebensrate. Durch die jetzige Zulassung per Notfallverordnung könnten künftig mehr Patienten eine Plasma-Therapie bekommen.

Allerdings fehlt nicht nur ausreichend Plasma, es gibt vor allem kaum nachweisbare Erfolge, die den Einsatz der aufwendigen Therapie rechtfertigen würden. Auch deshalb hat die FDA die Plasma-Therapie nicht vollständig genehmigt.

Erwartungen enttäuscht

Die FDA-Vorbehalte gegenüber der Plasma-Therapie resultieren unter anderem aus der äußerst dünnen Datenlage, die keine verlässlichen Angaben über die Wirksamkeit zulässt. 

Eine US-Studie vom 10. August 2020, erschienen im American Journal of Pathology, zeigt zwar, dass eine Plasma-Therapie in der Früh­phase der COVID-19-Erkrankung erfolgreich sein kann. Allerdings konnte die Studie nicht abschließend klären, ob dies mit der Plasma-Therapie zusammenhängt oder ob die Patienten auch ohne passive Immunisierung ausreichend eigene Antiköper gebildet haben.

Erfolge bei Schwerkranken zeigte aucheine der wenigen randomisierten Studien aus dem chinesischen Wuhan. Untersucht wurden zwischen dem 14. Februar und dem 1. April insgesamt 103 schwerkranke COVID-19-Patienten. Das mittlere Alter betrug 70 Jahre. 52 Patienten davon erhielten neben Beatmung und Intensivversorgung eine Plasma-Therapie.

Bei 51,9 Prozent der Patienten (27 von 52) zeigte sich nach der Plasma-Therapie eine klinische Verbesserung im Vergleich zu 43,1 Prozent in der Kontrollgruppe. Dort zeigten 22 von 51 Patienten eine klinische Verbesserung.

Krankenschwester hat eine Blutspende in der Hand

Statistisch signifikante Unterschiede durch eine Plasmatherapie konnten bislang nicht nachgewiesen werden

Das ist zwar erfreulich, aber ein statistisch signifikanter Unterschied ist hier nicht zu erkennen. Ähnliches gilt für die 28-Tages-Mortalität (15,7 Prozent mit Plasma-Therapie, 24 Prozent ohne). Für aussagekräftigere Ergebnisse hätten mehr Patienten über einen längeren Zeitraum hinweg untersucht werden müssen, räumten die chinesischen Wissenschaftler ein.

Und in den Niederlanden wurde eine randomisierte Studie zur Plasma-Therapie sogar vorzeitig abgebrochen, weil 79 Prozent der untersuchten Patienten bereits genauso viele Titer wie die Plasmaspender gebildet hatten. Der Titer ist ein Maß für die Anzahl bestimmter Antikörper im Blut. 

Weitere Untersuchungen notwendig

Angesichts der dünnen Datenlage und der noch nicht nachgewiesenen Effektivität hat sich die Plasma-Therapie bei COVID-19 aus medizinischer Sicht also bislang noch nicht als "mächtige Therapie" erwiesen, die "zahllose Leben retten wird", wie US-Präsident Trump es jetzt dargestellt hat. 

Unklar ist dabei nicht nur, ob die Plasma-Therapie den COVID-19-Patienten überhaupt hilft. Auch die Nebenwirkungen sind bislang noch nicht umfassend erforscht, denn durch die Verabreichung von Fremdserum kann sich der Zustand des Patienten auch dramatisch verschlechtern, wenn es zu einer immunologischen Reaktion kommt. 

Ob die Plasma-Therapie tatsächlich einen wirksamen Beitrag bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie leisten kann, wird sich zeigen. Klarheit können letztlich nur weitere randomisierte Studien mit ausreichend großen Patienten- und Kontrollgruppen bringen.