Hilfloser Mann in Essener Bank - Polizei hat jetzt die Namen der Kunden | Aktuell Deutschland | DW | 31.10.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Hilfloser Mann in Essener Bank - Polizei hat jetzt die Namen der Kunden

Es ist ein Fall, der fassungslos macht: Bankkunden ignorierten in Essen einen zusammengebrochenen Mann, später starb er. Nun hat die Polizei die Namen der Kunden - und ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung.

Aufnahme der Überwachungskamera in der Filiale (picture-alliance/dpa/Polizei Essen)

Aufnahme der Überwachungskamera in der Filiale

Nach der unterlassenen Hilfeleistung für einen hilflosen alten Mann in einer Essener Bankfiliale hat die Polizei die Namen und Wohnorte der in Frage kommenden Bankkunden erhalten. Das Kreditinstitut habe eine Liste derjenigen erstellt, mit deren Karten im betreffenden Zeitraum Geldgeschäfte erledigt wurden, sagte Polizeisprecher Christoph Wickhorst. Die Ermittler gehen davon aus, dass alle auf dem Video zu sehenden Personen - Männer ebenso wie Frauen - mit ihren eigenen Karten am Geldautomaten waren. Die vier sollen jetzt vernommen werden.

Der 82 Jahre alte Mann war am Feiertag 3. Oktober in Essen im Vorraum einer Bank zusammengebrochen. Eine Videoaufnahme zeigt, wie sich anschließend vier Kunden nicht um ihn kümmern und auch keine Hilfe rufen - sondern um ihn herum gehen oder über ihn hinweg steigen. Niemand beachtet den regungslos daliegenden Mann.

Erst der fünfte Kunde alarmierte 20 Minuten nach dem Zusammenbruch den Rettungsdienst. Der Mann kam nicht wieder zu Bewusstsein und starb einige Tage später.

Die Aufnahme der Überwachungskamera zeigt, wie jemand über den Mann hinwegsteigt (picture-alliance/dpa/Polizei Essen)

Die Aufnahme der Überwachungskamera zeigt, wie jemand über den Mann hinwegsteigt

Die Polizei ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung gegen die vier auf dem Video zu sehenden Menschen. Bei ihnen handele es sich um erwachsene Männer und Frauen. Darunter seien augenscheinlich junge Erwachsene Anfang 30 und ein Kunde, der etwa 60 Jahre alt sei, sagte der Sprecher.

Bis Montagmorgen hatte sich nach seinen Angaben noch niemand von sich aus bei der Polizei gemeldet. Der Sprecher wollte nicht ausschließen, dass auch noch gegen weitere Menschen ermittelt wird. Nachdem der fünfte Kunde den Rettungsdienst verständigt hatte, hatten sie den Vorraum betreten und sich dem Überwachungsvideo zufolge ebenfalls nicht um den hilflosen Mann gekümmert. Es ist allerdings unklar, ob sie in dem Moment bereits wussten, dass der Rettungsdienst schon verständigt war. Dann sei ihr Handeln straffrei, sagte der Sprecher.

"Es hätte euer Vater oder Opa sein können"

Der Fall schockierte die Öffentlichkeit. "Wie abgestumpft muss man sein, um hier nicht zu reagieren?", fragte jemand auf Twitter. «Jeder hat schließlich ein Handy!" Ein anderer schrieb: "Es hätte euer Vater oder Opa sein können."

Der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen "nachdenklich und betroffen zugleich". Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck fühlt sich durch den Vorfall in der Bank an die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter erinnert, in der erst der dritte Passant einem verletzten Gewaltopfer hilft. "Ich glaube ganz fest, dass ohne echte Barmherzigkeit keine Gesellschaft letztlich existieren kann", sagt der katholische Bischof der Deutschen Presse-Agentur. 

Für Arnold Plickert, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, ist das Verhalten der Bankkunden in dieser Form ein Einzelfall. Die Mentalität "Was kümmert mich das Leid der anderen?" sei der Polizei dagegen zur Genüge bekannt. Ein Beispiel dafür seien die Gaffer bei Unglücken, die die Arbeit der Rettungsdienste behinderten.

Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, geht noch weiter: "Natürlich kommt man im ersten Moment auf die Idee, das ist ein Einzelfall. Aber wenn, dann wären es ja schon mehrere Einzelfälle." Schließlich seien da gleich vier vorbeigegangen. Wendt konstatiert einen "kollektiven Empathieverlust in der Bevölkerung". Egoismus gehöre zum Zeitgeist.

stu/uh (dpa, presseportal.de)