Hilfe zur Selbsthilfe – DaF-Lehrer als Sprachlernberater | Deutschlehrer-Info | DW | 05.07.2018
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Hilfe zur Selbsthilfe – DaF-Lehrer als Sprachlernberater

Um gut lernen zu können, müssen Lernende ihre Ziele und Ressourcen kennenlernen und herausfinden, welche Strategien ihnen wirklich weiterhelfen. Wie können Lehrkräfte sie dabei unterstützen?

Manche Lernenden haben das Gefühl, dass sie in Deutsch oder einer anderen Fremdsprache nie zu Wort kommen, nicht verstanden werden oder keine Fortschritte machen. Andere können sich die Vokabeln nicht merken oder finden die Grammatik schwer. Wieder andere wünschen sich konkrete Tipps, wie sie zum Beispiel die Artikel lernen, mit Fehlern umgehen, die Umgangssprache lernen oder Kontakt zu einem deutschen Sprachpartner aufnehmen können. Und dann gibt es noch diejenigen, die einfach nur wissen wollen, in welchem Sprachkurs sie gut aufgehoben wären oder mit welchen Materialien sie ihr Lernziel besonders gut erreichen können. Aus den wissenschaftlichen Diskussionen über Tandem-Modelle, Selbstlernzentren und andere Formen des autonomen Lernens heraus sind seit den 1990er Jahren an Universitäten Konzepte für Sprachlernberatungen und ‑coachings entstanden. Ihr Ziel ist es, die Lernenden dabei zu unterstützen, sich mit solchen Schwierigkeiten und Fragen auseinanderzusetzen und eigene Lösungen zu finden.


Was dem einen hilft, bringt den anderen nicht weiter

Diese Konzepte orientieren sich an der klientenorientierten Beratung und geben den Lernern statt vorgefertigter Antworten oder Tipps strukturelle Hilfen zur Selbstreflektion an die Hand. „Natürlich fallen mir auf Anhieb Ratschläge ein, wie ein Lerner seinen Wortschatz erweitern kann. Aber beim Sprachenlernen spielen immer individuelle Faktoren eine Rolle, so dass die Tipps nicht bei jedem funktionieren würden. Also versuchen wir, im Gespräch mit den Lernern herauszufinden, welchen Stoff sie in welcher Zeit gelernt haben wollen, welche Ressourcen sie dafür einsetzen können, wie sie gerne lernen und welche Strategien ihnen bisher geholfen haben", erklärt Prof. Dr. Karin Kleppin vom Arbeitsbereich Sprachbildung und Mehrsprachigkeit derRuhr-Universität Bochum.


Ein Zettel mit Wörtern in verschiedenen Sprachen und Farben

Lernvorlieben sind unterschiedlich

Einige Sprachlernberater setzen Kompetenztests und andere Diagnoseinstrumenten ein, um festzustellen, wo ihr Gegenüber steht und ob das Ziel, das er sich vorgenommen hat, überhaupt realistisch ist. Wenn ein Lerner in der Sprachlernberatung feststellt, dass er Vokabeln gern isoliert mittels Karteikarten lernen, weist Karin Kleppin ihn zwar auf wissenschaftliche Erkenntnisse über Sprachlernprozesse hin, die zeigen, dass es hilfreicher sein kann, Wörter im Kontext zu lernen. Die Entscheidung, ob  er seine Strategie weiter anwenden oder Alternativen ausprobieren möchte, fällt der Lernende allerdings selbstverantwortlich.

Zuhören und unterstützen statt Lernziele verfolgen

Gerade in Zeiten von Smartphones und anderen digitalen Medien könnte Sprachlernberatung eine wichtige Rolle spielen: „Es ist ein ganzer Industriezweig entstanden, der Lern-Apps zur Verfügung stellt. Doch Technik allein kann keine Kommunikation ersetzen und viele Lerner benötigen Unterstützung, um die technischen Möglichkeiten gut nutzen zu können“, betont Dr. Bärbel Kühn, Vorsitzende des Bremer Sprachenrats. Bisher wird Sprachlernberatung an den Universitäten jedoch nur vereinzelt angeboten. Eine Finanzierung für Stellen im Bereich der Sprachlernberatung zu bekommen, ist nach wie vor schwierig. Häufig sind es Verwaltungsmitarbeiter oder auch Lehrkräfte, die diese Arbeit nebenbei erledigen. Nicht immer sind sie dafür allerdings ausreichend qualifiziert.

„Sprachlehrer bringen Wissen über Lernprozesse mit, die sie auch in der Beratung benötigen. Allerdings sind sie häufig in der Rolle eines Experten, der bestimmte curricular vorgegebene oder selbst entwickelte Lernziele verfolgt, anstatt aktiv zuzuhören, dem Lerner zu folgen und ihn beim Setzen realistischer Zeile und bei der Auswahl sinnvoller Strategien zu unterstützen", betont Dr. René M. Piedmont, der im Weiterbildungsprogramm der telc GmbH einen Lehrgang zum Zertifizierten Sprachlernberater anbietet. Eine besondere Herausforderung kann es sein, überhaupt erst einmal herauszufinden, welche Erwartungen ein Lerner an die Beratungssituation stellt.  Zumal in unterschiedlichen Kulturen auch unterschiedliche Vorstellungen dazu existieren, wie man lernt und was Lernerautonomie bedeuten kann.

Sich selbst hinterfragen

Lehrkräfte, die Sprachlernberatungen durchführen möchten, können inzwischen auf eine Fülle an Literatur zum Thema zurückgreifen. Wichtig ist allerdings, dass sie auch die eigenen Impulse in Beratungssituationen reflektieren und professionelle Gesprächstechniken anwenden. „Wer nicht die Möglichkeit hat, eine entsprechende Aus- oder Fortbildung zu absolvieren, kann mit Kollegen eine Lerngemeinschaft bilden. Gegenseitige Hospitationen in Beratungssituationen können dabei hilfreich sein", schlägt Dr. Constanze Saunders vom Arbeitskreis Sprachlernberatung Berlin-Brandenburg vor. Der Arbeitskreis ist Teil eines deutschlandweiten Netzwerks. Das  Ziel ist, ein entsprechendes Zertifikat für Sprachdozenten an Hochschulen zu entwickeln, das vielleicht auch als Fernstudienkurs absolviert werden kann.

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