Hier hilft der Arzt kostenlos | Deutschland | DW | 28.02.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Medizin für Migranten

Hier hilft der Arzt kostenlos

Ohne Krankenversicherung und gültigen Aufenthaltsstatus in Deutschland - für viele Migranten Alltag. Die "Malteser Migranten Medizin" in Duisburg will diesen Menschen helfen. Von Carsten Grün, Duisburg.

Klaus Pistor untersucht das kleine Mädchen Maria aus Rumänien (DW/C. Grün)

Arzt Pistor und Patientin Maria: "Glücklich, dass geholfen wird"

Maria hat etwas Angst. Die Zweijährige drängt sich an ihre Mutter. Der ältere Herr mit dem blauen Malteser-Polo-Shirt der Malteser ist ihr nicht ganz geheuer. Dabei will Klaus Pistor nur ihren Brustraum abhorchen - das Mädchen leidet an einer heftigen Erkältung. Lächelnd beugt sich der Arzt zu dem Kind herab und beruhigt das kleine Mädchen. Schließlich willigt Maria ein. Untersuchung überstanden.

Pistor gehört zum 15-köpfigen ehrenamtlichen Team der Malteser in Duisburg. Er ist einer von acht Ärzten, darunter allein, wie er, vier ehemalige Professoren. Der Rest des Teams sind Schwestern und Dolmetscher. Früher war Pistor Professor für Nierenheilkunde an den Universität Essen und Chefarzt in einem Krankenhaus in Moers. Jetzt arbeitet der 76-Jährige ehrenamtlich für den Malteser Hilfsdienst. Die Duisburger Praxis der Hilfsorganisation ist für das komplette Ruhrgebiet zuständig.

Projekt im Problemstadtteil Marxloh als Provisorium

Pistor betreut mit seinen Kollegen schon lange Migranten. Damit angefangen hat er im Duisburger Stadtteil Marxloh. Einmal in der Woche hielt er dort mit seinen Kollegen Sprechstunde, in die jedes Mal über 120 Patienten kamen. "Es wurde aber einfach zu eng und zu voll. Auch kräftemäßig war das nicht mehr zu schaffen. Da haben wir dann das großzügige Angebot der Malteser angenommen, hier in die Praxis zu gehen", berichtet Pistor. "Das Projekt im Problemstadtteil Marxloh war rein provisorisch. Eigentlich nur eine Notfallversorgung zwischen der Kirchenbank", ergänzt sein Kollege Günther Jacobi, der Urologe ist.

Stadtteil Duisburg-Marxloh (picture-alliance/dpa/R. Weihrauch)

Stadtteil Duisburg-Marxloh: "Die Armut springt dich an"

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband prägte einmal den Satz: "Die Armut springt dich an". Dies äußerte er bei einem Besuch seiner Geburtsstadt Oberhausen. Einige Kilometer weiter, in Duisburg, in der Praxis der "Malteser Migranten Medizin" weiß der Besucher, was Schneider gemeint hat. Die Menschen in der Praxis tragen alte abgelegte Kleidung, sehen verhärmt aus, die Kinder haben Joggingklamotten aus der Altkleidersammlung an. Keiner, der hier auf eine Behandlung wartenden Patienten hat eine Krankenversicherung. Die meisten stammen aus Rumänien und Bulgarien. Oft sind es Wanderarbeiter, die es irgendwann nach Duisburg verschlagen hat. Viele Leute sind auch einfach illegal in Deutschland. Behandelt werden sie trotzdem. Es geht um die Versorgung von Notleidenden.

Extreme Erkrankungsstadien

"Viele der Patienten, die zu uns kommen, sind kranker als in der normalen Hausarztpraxis", sagt der stellvertretende Geschäftsführer der Duisburger Malteser, Benjamin Schreiber. "Oft warten die Menschen zu lange und dann ist die Krankheit schon fortgeschritten".

Die Krankheitsbilder reichen von Infekten aller Art, über Herz-Kreislauf-Beschwerden bis hin chronische Krankheiten. "Oftmals wurden Patienten medikamentös zum Beispiel in Rumänien eingestellt und haben über mehrere Wochen die Medikamente nicht genommen. Entweder war kein Arzt erreichbar oder es fehlte das Geld", schilder Urologe Jacobi ein häufiges Problem.

Tropfen auf den heißen Stein

Die Versorgung dieser Menschen in einer Stadt wie Duisburg ist elementar. Die Kommune hat wenig Geld und bekommt immer mehr Arme dazu. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 17.000 Menschen in Duisburg ohne Krankenversicherung leben. Lob kommt daher von der Gesundheitsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens (Grüne). Das Angebot würde für die Menschen in Duisburg, aber auch darüber hinaus im Ruhrgebiet eine wichtige Versorgungslücke schließen.

Der stellvertretende Geschäftsführer der Malteser in Duisburg, Benjamin Schreiber, im Gespräch mit dem Schmerzmediziner Hans-Georg Nehen (DW/C. Grün)

Duisburgs stellvertretender Malteser-Geschäftsführer Schreiber (l.): "Auf Spenden angewiesen"

Bezuschusst wurde das Projekt vom Land allerdings lediglich mit einer Einmalzahlung von 60.000 Euro. Das reichte gerade, um die Praxis einzurichten. So stehen EKG-Geräte zur Verfügung und kleinere chirurgische Eingriffe können vorgenommen werden. Medikamente werden nur in absoluten Notfällen ausgegeben. Impfstoffe für die Kinder zum Beispiel werden von der klammen Stadt Duisburg aus Präventionsgründen zur Verfügung gestellt. "Wir sind auf Spenden angewiesen", sagt Maltesergeschäftsführer Schreiber.

Problematisch wird es, wenn ein Patient ins Krankenhaus muss. Da müssten die Malteser als einweisende Praxis eigentlich für die Kosten der Behandlung aufkommen. Viel versuchen die Ärzte daher über vorhandene Netzwerke mit anderen Medizinern aufzufangen.

Zusammenarbeit mit Clearingstellen

Die Duisburger Malteserpraxis - eine von 17 in ganz Deutschland - arbeitet auch eng mit sogenannten Clearingstellen zusammen. Dort können sich Patienten ohne Krankenversicherung beraten lassen, ob sie nicht doch einen Anspruch auf eine normale gesetzliche Krankenversicherung haben. Besonders Wanderarbeiter, die durch Europa gezogen sind oder für ausländische oder Zeitarbeitsfirmen gearbeitet haben, sind oftmals nicht krankenversichert, obwohl das ihnen eigentlich zustünde.

Für Klaus Pistor sind solche Fragen eher zweitrangig. Ihm geht es um die Patienten und er will mit seiner Arbeit auch seinen Teil zur Integration der Zuwanderer beitragen. "Wir hoffen, dass sie sich integrieren werden, dass sie in die Schule gehen und hier glückliche Menschen werden."

Marias Mutter jedenfalls ist glücklich. Sie sei froh, hierhin kommen zu können und dass ihrem Kind geholfen wird. Und auch die kleine Maria blickt nun wieder fröhlicher drein. Der Arztbesuch ist beendet.

Die Redaktion empfiehlt