Heuer: ″Das war ein großer Jubel!″ | Wissen & Umwelt | DW | 09.10.2013
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Wissen & Umwelt

Heuer: "Das war ein großer Jubel!"

Am CERN wiesen Forscher das Higgs-Teilchen nach. Den Nobelpreis aber bekamen die Vordenker - Higgs und Englert. Darüber sei man aber nicht enttäuscht, versichert CERN-Chef Heuer im DW-Gespräch.

CERN Director General Rolf Heuer (Foto: FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images)

CERN Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer: Anfang eines neuen Kapitels der Teilchenphysik

Deutsche Welle: Herr Heuer, herrschte am Dienstag große Freude im CERN?

Rolf-Dieter Heuer: Sicher, klar! Das ist großer Grund zum Jubeln, wenn diese jahrelange Arbeit dann auch gewürdigt wird, sowohl für die Theoretiker als auch für die experimentellen Physiker. Das war ein großer Jubel, wir sind alle sehr begeistert.

Haben Sie nicht erwartet, dass auch ein CERN-Wissenschaftler mit einbezogen wird?

Ach, es ist sehr schwierig, einen CERN-Wissenschaftler herauszuheben. Das sind sehr große Experimente, sehr viele Forscher sind beteiligt. Dazu kommt noch der Teilchenbeschleuniger, da steckt auch sehr viel Überlegung, sehr viel Intelligenz, sehr viel Ingenieurkunst darin.

Finden Sie es nicht trotzdem etwas schade, dass niemand am CERN mit dem Nobelpreis bedacht wurde?

Nein, so will ich nicht ausdrücken. Da es extrem schwierig ist, eine einzelne Person herauszuheben, finde ich es viel besser, niemanden herauszuheben. Ich bin über die Begründung des Preises sehr glücklich: Da wird klar erwähnt, dass das Teilchen durch die beiden großen Experimente ATLAS und CMS am Beschleuniger LHC vom CERN entdeckt wurde. Implizit sind wir also sehr stark beteiligt. Wir haben die Grundlagen für diese Preisverleihung mitgeschaffen, und auch das befriedigt - wirklich!

Hätten Englert und Higgs auch ohne die Experimente am LHC den Nobelpreis gewonnen?

Ich bezweifle das. Sie müssen irgendwelche Erkenntnisse haben, dass eine Theorie, die aufgestellt wurde, überprüft werden kann. Sie müssen irgendeine experimentelle Substanz an die Theorie bringen. Nur für eine Theorie ist sehr schwierig, einen Preis zu vergeben.

Peter Higgs und Francois Englert (Foto: REUTERS/Denis Balibouse/Files)

Nobelpreisträger Francois Englert (l.) und Peter Higgs

Knapp 50 Jahre hat es gebraucht, die Theorie vom Higgs-Teilchen experimentell zu bestätigen. Ist das eine vergleichsweise lange Zeit?

Einerseits ist das sehr lang, andererseits aber relativ kurz. Es ist lang, weil das Teilchen sehr schwer nachweisbar ist. Man braucht ein sehr gutes Supermikroskop und hochspezifische und hochtechnologisierte Nachweisgeräte bei einem sehr großen Beschleuniger, den man zuerst bauen musste. Es ging allerdings auch sehr schnell, weil sowohl der Beschleuniger als auch die Nachweisgeräte in den letzten drei Jahren hervorragend funktioniert haben. Dadurch ist es sehr viel schneller gegangen, das Teilchen aufzuspüren, als wir alle dachten, und auch als ich selbst gedacht hätte. Insofern war ich sehr positiv überrascht, dass es so hervorragend funktioniert hat.

Was kann man denn mit dem Higgs-Teilchen machen? Gibt es irgendeine praktische Anwendung?

Wenn ich das heute schon wüsste, wäre ich ein reicher Mann! Ich habe keine Ahnung. Aber bei der Grundlagenforschung braucht man langen Atem. Ich bin mir sicher: Irgendwann wird man etwas davon verwenden können.

Das Rohr des Teilchenbeschleunigers LHC am CERN (Foto: Fabian Schmidt/ DW)

Der Teilchenbeschleuniger LHC in Genf

Aber wenn man derzeit noch keine Idee hat, was man mit dem Higgs-Teilchen machen kann - lohnen sich die teuren Experimente am CERN dann?

Aber sicher doch! Es lohnt sich immer, neue Grenzen auszuloten. Neuland zu erkunden sind generelle menschliche Bedürfnisse. Wenn wir das nicht machen würden, dann wären wir keine Menschen mehr. Jede Forschung, jede neue Erkenntnis bringt uns voran. Anschließend kann man irgendetwas davon im täglichen Leben benutzen. Denken Sie an die Entdeckung der Antimaterie. Vor gut über 80 Jahren wurde das Positron entdeckt, und seit 40 Jahren benutzt man die Positronen-Emissions-Tomographie in Krankenhäusern.Oder schauen Sie sich die Relativitätstheorie von Einstein an: Die ist heute in jedem GPS-Gerät drin.

Jetzt, wo das Higgs-Teilchen nachgewiesen wurde und der Nobelpreis für Physik an Higgs und Englert vergeben wurde, werden Ihnen da die Finanzmittel für den teuren Teilchenbeschleuniger gekürzt?

Das hoffe ich nicht! Die Entdeckung des Higgsteilchen ist der Anfang eines neuen Kapitels im Buch der Teilchenphysik. Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an. Ich glaube, der Nobelpreis ist einerseits eine Wertschätzung aus Stockholm an die Teilchenphysik, andererseits ein Ansporn für die Wissenschaftler und Ingenieure hier- und hoffentlich auch für die Geldgeber, dass sie uns weiterhin unterstützen.

Herr Heuer, wir danken fürs Gespräch!

Das Interview führte Mu Cui.

Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer ist Physiker mit Schwerpunkt Antimaterie. Seit 2009 ist er Generaldirektor der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) in Genf.

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