Hertha BSC - Identitätskrise? Welche Identitätskrise? | Sport | DW | 01.11.2019
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Hauptstadt-Duell

Hertha BSC - Identitätskrise? Welche Identitätskrise?

Hertha trifft in der Bundesliga erstmals auf den lokalen Rivalen Union. Mit neuer finanzieller Unterstützung und dem derzeitigen "Berlin-Boom" ist es für die Hertha der perfekte Zeitpunkt für einen Neuanfang.

In dieser Saison ist es der Aufsteiger Union Berlin, der überwiegend für Schlagzeilen in der Hauptstadt sorgt. Doch wenn man einen Spaziergang durch die Stadtteile Charlottenburg, Moabit, Gesundbrunnen oder Wedding macht, ist nicht viel von Union zu sehen. Laternenpfähle und Straßenschilder sind mit blau-weißen Ultra-Aufklebern verziert - hier ist Hertha-Gebiet.

Während Union seine erste Spielzeit in Deutschlands höchster Spielklasse genießt, war Hertha 1963 Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga und die "Alte Dame" hat seither bereits alles erlebt. Nach neun Spielen in dieser Saison rangiert Hertha im gewohnten Niemandsland der Tabelle.

Nach einem vielversprechenden Unentschieden am ersten Spieltag bei Bayern München, folgten vier Niederlagen in der Liga. Am vergangenen Mittwoch benötigte das Team von Trainer Ante Covic im DFB-Pokalspiel gegen Dynamo Dresden gar ein Elfmeterschießen, um das Ticket für das Achtelfinale zu buchen.

Das spricht nicht gerade für eine Top-Form vor dem ersten Bundesliga-Derby gegen den Lokalrivalen Union, dessen Aufstieg in die Bundesliga Herthas Identitäts-Kampf erneut in den Fokus gerückt hat.

Identitätskrise?

"Ich denke, dass es bei Hertha eine Art Identitätskrise gibt", gibt Dan, ein Hertha-BSC-Dauerkarteninhaber, zu. "Berlin hat sich in den letzten 15 Jahren sehr verändert und ich denke, der Klub versucht immer noch herauszufinden, was seine Identität ist und wie seine Position innerhalb Berlins ist."

An Versuchen in dieser Hinsicht mangelt es nicht. Allerdings hat Hertha in den letzten Jahren eher mit einer Reihe von Marketingkampagnen für Aufmerksamkeit gesorgt als mit Fußball.

"A Berlin Start-Up since 1892", lautete ein Slogan, der sich auf den jungen Berliner Unternehmergeist bezieht. "We try, we fail, we win," war eine andere Idee, die den Mut des Klubs ausdrückt neue Ideen auszuprobieren. 

Der Slogan "In Berlin kann man sein was man will - sogar ein Hertha-Fan" klang jedoch wie eine Bestätigung, dass der Verein noch einige Arbeit vor sich hat, und die Versuche der Internationalisierung und Digitalisierung passen mit der Hardcore-Unterstützung seitens einiger Anhänger nicht immer gut zusammen.

Ausflugsdampfer Hertha (Foto: picture-alliance/ZB/K. Schindler)

Hertha: der Dampfer, nach dem Berlins größter Klub benannt ist

"Die Welt verändert sich und wir wollen sie aktiv mitgestalten", erklärt Marcus Jung, Leiter Medien und Kommunikation bei Hertha. "Es ist nur menschlich anfangs Vorbehalte gegenüber Veränderungen zu haben.Deshalb ist es wichtig, dass wir alle, die sich mit Hertha verbunden fühlen, mitnehmen. Vielleicht haben wir das in der Vergangenheit nicht immer perfekt gemacht, aber es bleibt unser Ziel."

Dem, im Juli 1892 als einer der ersten deutschen Fußballklubs gegründete Hertha Berliner Sportverein fehlt es sicherlich nicht an Tradition und Geschichte. Benannt nach einem Dampfschiff, auf dem einer der Gründer des Klubs, Fritz Lindner, einst unterwegs war, war Hertha BSC vor dem zweiten Weltkrieg eine Fußball-Macht. Der Klub gewann 1930 und 1931 den Meistertitel und belegte in den 1920er Jahren viermal den zweiten Platz.

Nach dem Krieg befand sich der Fußball-Klub in West-Berlin, aber trotz des Wettbewerbs in der Bundesliga erwies sich ihre geographische Lage in einer vierzig Jahre lang geteilten Stadt als problematisch. Noch heute, während sich Deutschland auf den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer vorbereitet, hat keines der dreißig führenden Unternehmen des Landes seinen Sitz in der Hauptstadt. Und Deutschland ist das einzige Land in Westeuropa, in dem die Hauptstadt nicht das Wirtschaftswachstum fördert. Das war ein Problem für Berlin - und für Hertha.

Hohe Ambitionen

Bis jetzt, denn der deutsche Geschäftsmann Lars Windhorst und seine Investmentfirma Tennor Holdings haben in diesem Sommer 37,5 Prozent der Profifußballabteilung des Vereins für 125 Millionen Euro gekauft. Bis zum Saisonende soll eine weitere Tranche in Höhe von 100 Millionen Euro folgen, denn Windhorst will Hertha als Champions-League-Verein in Europa etablieren.

Investor Lars Windhorst im Porträt (Foto: picture-alliance/Breuel/J. Reetz)

Lars Windhorst - der Mann hinter dem Geld

"Auf einen Schlag schwimmt Hertha im Geld", wie es die Süddeutsche Zeitung formulierte. Prompt wurde Stürmer Dodi Lukebakio aus Watford für einen Vereinsrekord von 20 Millionen Euro verpflichtet. "Die Zukunft gehört Berlin" ist der neueste offizielle Slogan des Vereins, und dieser scheint Potenzial zu haben.

Aber die veränderte Situation scheint für die Hertha etwas überraschend gekommen zu sein. Nur ein paar Monate zuvor hatte sich der Verein von Cheftrainer Pal Dardai getrennt und ihn durch Ante Covic, den bisherigen Coach von Herthas Zweitvertretung, ersetzt. Offiziell entsprach die Beförderung von innen heraus der DNA des Klubs, denn der 44-jährige in Berlin geborene Kroate ist seit 1991 in verschiedenen Rollen bei Hertha beschäftigt und war auch schon als Spieler dabei.

Das Olympiastadion

Eines der größten Probleme ist allerdings das Olympiastadion. Seit 1963 trägt der Verein hier die Heimspiele aus, doch die Verantwortlichen würden das gerne ändern und umziehen. "Das Olympiastadion ist viel zu groß", sagte Sportdirektor Michael Preetz in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Und der 52-Jährige hat Recht, denn durchschnittlich besuchen rund 40.000 Zuschauer die Heimspiele des Berliner Klubs. In das Olympiastadion passen aber 75.000 Menschen. In der Bundesliga können nur Bayern München oder Borussia Dortmund zuverlässig solch große Stadien füllen, nicht aber Hertha BSC.

Da das Stadion aber unter Denkmalschutz steht, kann die berühmte blaue Laufbahn nicht entfernt werden, die Zuschauer werden somit auch weiterhin weit weg vom eigentlichen Geschehen sitzen müssen. Nur ein Umzug würde das eben ändern - doch wohin?

Olympiastadion in Berlin Hertha BSC Berlin (Imago/Preusser)

Zu groß für Hertha BSC - das Olympiastadion ist bei Bundesligaspielen fast nie voll besetzt

"Mit unseren Fans würden wir in einem richtigen Fußballstadion ohne Laufbahn eine großartige Atmosphäre haben", sagt Hertha-Fan Dan. "Doch immer wenn ich die Zeitung aufschlage, lese ich von einer anderen Idee für einen Standort unseres neuen Stadions." Eine zeitnahe und vor allem zufriedenstellende Lösung ist also erstmal nicht in Sicht.

Union ist ein Segen für Hertha

Vielleicht würden Preetz, Covic und Dan ein Stadion wie das an der "Alten Försterei" bevorzugen. Dort trägt Stadt-Rivale Union seine Spiele aus. Auch an diesem Wochenende, wenn es zum ersten Bundesliga-Duell zwischen den beiden Berliner Klubs kommt.

Tatsächlich könnte der Aufstieg von Union Berlin in die Eliteliga einige von Herthas Problemen erleichtern. Denn mit der Atmosphäre, dem fanfreundlichen Ruf und der besonderen Identität dürfte Union für einen willkommenden Schub in der Hauptstadt sorgen. "Es ist ein Segen für Hertha", sagt Uwe Bremer, Journalist der Berliner Morgenpost im DW-Interview. "Es bedeutet, dass der Fußball im Allgemeinen in Berlin an Bedeutung gewonnen hat."

Ob Hertha diesen Schub aber nutzen kann, wird sich nicht an diesem Samstag entscheiden, auch wenn - vor den Augen der Weltöffentlichkeit - rund 2000 Auswärtsfans nach Köpenick reisen werden. "Berlin ist einzigartig und die Stadt erlebt derzeit einen unglaublichen Boom", sagt Marcus Jung und hofft: "Berlin ist auf einer Erfolgswelle und hat eine goldene Zukunft vor sich. Und das Gleiche gilt auch für Hertha."

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