Heidenheims Traum von der ganz großen Sensation | Sport | DW | 29.06.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Dorfklub will in die deutsche Eliteklasse

Heidenheims Traum von der ganz großen Sensation

Der 1. FC Heidenheim steht vor der Krönung seiner kuriosen Vereinsgeschichte: In der Relegation geht es gegen Werder Bremen um den Aufstieg in die Bundesliga. Einige Hauptakteure sind schon seit Amateurzeiten dabei.

Vor 26 Jahren begann eine Geschichte, die es so im deutschen Fußball nicht noch einmal gibt. Damals ahnte in Heidenheim, dem kleinen Städtchen in Baden-Württemberg, auf der schwäbischen Alb, wo die Menschen einen ganz eigenen Dialekt sprechen, wirklich niemand, was aus diesem Klub einmal werden könnte. Von der Provinz aus, nahe an der Grenze zu Bayern, begann dieser Breitensport-Verein einen Aufstieg, von dessen Ausmaß nicht einmal der entscheidende Mann selbst geträumt haben dürfte.

Holger Sanwald ist der Macher des Heidenheimer Erfolgs (picture-alliance/dpa/T. Weller)

Holger Sanwald ist der Macher des Heidenheimer Erfolgs

Damals wurde Holger Sanwald, der zuvor selbst für Heidenheim gekickt hatte, im zarten Alter von 27 Jahren Geschäftsführer. Von da an gab es eine echte Vision für den Klub - und der Aufschwung begann. Sanwald und viele Helfer formten aus einem Landesligisten eine Profimannschaft, die nun sogar an der Tür zur Bundesliga kratzt - mit viel Geduld, noch mehr Arbeit und einem breiten Netzwerk in der Region. "Das ist einfach nur surreal", sagte Sanwald nach einem 0:3 bei Arminia Bielefeld am 34. Spieltag der 2. Bundesliga, das dennoch ausreichte, um die Relegationsspiele zur deutschen Eliteklasse zu erreichen. Gegner wird am kommenden Donnerstag und dem nachfolgenden Montag (jeweils 20.30 Uhr) Werder Bremen sein.

"Manchmal reibt man sich schon die Augen, aber wir können unsere Entwicklung richtig einordnen und freuen uns daüber." So lässt sich Sanwald, mittlerweile Heidenheims Vorstandsvorsitzender, auf der Homepage des Klubs zitieren. Heidenheim, das nur rund 50.000 Einwohner hat, liegt in einer Region, in der der Mittelstand zu Hause ist. Einen Großsponsor gab es nie. Vielmehr engagieren sich viele kleinere Unternehmen beim  FCH. "Wir haben uns unsere momentane Situation über Jahre erarbeitet. Es gab immer Höhen und Tiefen und wir haben immer daran geglaubt, dass es weitergehen wird", sagt Sanwald.

Urgesteine im Verein: Vorstand, Trainer und Kapitän 

Und vor allem in den Jahren der Zweitligazugehörigkeit haben die Heidenheimer Auf- und Abschwünge mitgemacht. Seit 2014 kickt der FCH mittlerweile durchgehend in der 2. Liga. Noch vor zwei Jahren entging der Klub nur knapp dem Abstieg. In der Vorsaison schrammten die Heidenheimer dann nur knapp am Aufstiegs-Relegationsplatz vorbei. Spektakuläre Spiele gab es unter anderem im DFB-Pokal bei Duellen mit dem FC Bayern München (4:5 im Viertelfinale 2019), Eintracht Frankfurt (1:2 im Achtelfinale 2018) oder Hertha BSC (2:3 im Viertelfinale 2016).

Von den Amateuren bis in die Bundesliga?: Trainer Frank Schmidt (picture-alliance/dpa/T. Weller)

Von den Amateuren bis in die Bundesliga?: Trainer Frank Schmidt

Großen Anteil an der rasanten Entwicklung des Vereins hat der gebürtige Heidenheimer Frank Schmidt. Seit 13 Jahren trainiert der 46-Jährige nun schon die erste Mannschaft und führte sie von der Oberliga bis in die 2. Liga. Damals war er eigentlich nur für ein, zwei Spiele vorgesehen, erinnert er sich im Interview mit der ARD-Sportschau – und seine Frau sei anfangs alles andere als begeistert gewesen. Diese zwei Wochen dauern immer weiter an. Am Ende seiner ersten Saison als Cheftrainer stand sofort der Aufstieg in die Regionalliga. Zwei weitere Klassenwechsel sollten noch folgen. Damit ist Schmidt heute der dienstälteste Trainer im Profifußball. Für Sanwald steht deshalb auch fest: "Es gibt deshalb keinen geeigneteren Trainer für unseren FCH als Frank Schmidt."

Pure Identifikation

Auch deshalb wurde der Vertrag des ehemaligen Bundesligaprofis von Alemannia Aachen und Waldhof Mannheim schon Ende 2018 vorzeitig bis 2023 verlängert. "Der Weg, den wir in Heidenheim gemeinsam aus dem Amateurbereich bis in die 2. Bundesliga gegangen sind, ist etwas ganz Besonderes im Profigeschäft", sagte Schmidt damals. Seine Aufgabe bestehe darin, den Verein dauerhaft in der 2. Bundesliga zu etablieren. Vorstandschef Sanwald gab damals zu Protokoll: "Dieses klare und langfristige Bekenntnis zum FCH macht deutlich, wofür Frank Schmidt steht: Für Identifikation mit Heidenheim und unserer Region, Leidenschaft für seine Arbeit und einen unbändigen Ehrgeiz, der ihn immer wieder neu antreibt." 

Mark Schnatterer ist zum Kultspieler des 1. FC Heidenheim geworden
(picture-alliance/dpa/U. Deck)

Mark Schnatterer ist zum Kultspieler des 1. FC Heidenheim geworden

Fast so lange wie Schmidt ist Offensivspieler Marc Schnatterer dabei - und Schnatterer hat sich mittlerweile zu einer Kultfigur im Verein aber auch zu einem bundesweit geachteten Profi entwickelt. Der Mann mit der fast perfekten Schusstechnik kam 2008 noch zu Regionalligazeiten nach Heidenheim und trug mit seinen vielen Toren zu den Aufstiegen bis zuletzt in die 2. Liga maßgeblich bei. Schnatterer traf bis jetzt in 426 Pflichtspielen 122 Mal für seinen Klub und gab 123 Torvorlagen – auch gegen Werder Bremen hat er schon einmal - im DFB -Pokal - getroffen. Mittlerweile ist Schnatterer 34 Jahre alt, der Aufstieg wäre die Krönung für diesen selten vereinstreuen Spieler. Irgendwann wird aber wohl auch er in den Verein mit einer Aufgabe betraut werden - wie schon einige andere Heidenheimer Kicker vor ihm. Doch jetzt geht es erst einmal gegen die Bremer.  

"Ordentlich auf den Sack gekriegt"

Diese Saison wird den Heidenheimern in jedem Fall in besonderer Erinnerung bleiben. Es ist die erfolgreichste Spielzeit der Vereinsgeschichte  - und das in schwierigen Corona-Zeiten. Während andere Klubs in massive finanzielle Schieflage geraten sind, profitierte Heidenheim von einer sehr guten Transferperiode im Sommer 2019, als der Klub Spieler für rund zehn Millionen Euro verkaufen konnte. Nicht zuletzt mit diesen Einnahmen kauften die Heidenheimer Verantwortlichen der Stadt das Stadion, eine Multifunktionsarena, ab. Die Arena fasst 15.000 Zuschauer, es ist das zweitkleinste Stadion der 2. Liga. Eine Machbarkeitsstudie zum Ausbau auf 25.000 Plätze wurde vor dem Kauf erstellt.   

Die Euphorie ist natürlich groß. Die Heidenheimer sind stolz auf die abgelaufene Saison, in der man den großen Hamburger SV zweimal besiegen konnte. Die Niederlage gegen Aufsteiger Bielefeld trübte zuletzt die Laune. Konkurrent Bremen gelang zudem zum Saisonabschluss ein krachender 6:1-Kantersieg. "Manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man vor solch einem Relegations-Spiel, das ja neu ist für uns, noch mal richtig einen auf den Sack kriegt", sagte Trainer Schmidt. 

Heidenheims große Chance

Das zweitkleinste Stadion der 2.Liga: Heidenheims Voith-Arena (picture-alliance/dpa/onw-images
)

Das zweitkleinste Stadion der 2.Liga: Heidenheims Voith-Arena

Heidenheim und Bremen standen sich bereits vor nicht allzu langer Zeit schon einmal gegenüber: in der 2. Runde des DFB-Pokals im Oktober letzten Jahres. Damals setzte sich der Bundesligist mit 4:1 durch, nach rund 20 Minuten hatte Werder bereits mit 3:0 geführt. Ganz anders hatte es 2011 ausgesehen: Da hatte sich nämlich in der 1. Runde Heidenheim mit 2:1 gegen Bremen durchgesetzt.

Seit der Wiedereinführung der Relegation 2009 gab es nur drei Zweitligisten, die sich durchsetzen konnten: 1. FC Nürnberg, Fortuna Düsseldorf und 1. FC Union Berlin. Vielleicht kommt in diesem Jahr noch ein weiterer Name hinzu. Den Heidenheimern ist schließlich alles zuzutrauen. 

Die Redaktion empfiehlt