Heckenschützen und Wasserpfeifen | Welt | DW | 13.09.2013
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Welt

Heckenschützen und Wasserpfeifen

Die Kämpfe in Syrien gehen weiter. Für viele Menschen dort gehört der Krieg zum Alltag, einige haben aber offenbar ein erstaunlich normales Leben. Freude und Leid können nur einen Straßenzug voneinander entfernt sein.

Blick durch ein Zielfernrohr auf Aleppo (Foto: Reuters)

Aleppo im Visier: Syrien zwischen Angst und Alltag

"Es gibt kein Problem hier", erzählt Nelly Najar am Telefon aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. "Ich komme gerade von der Arbeit, jetzt gehen wir aus. Irgendwo eine Shisha rauchen." Der Hinweis auf die Shisha, die Wasserpfeife, ist in vielen arabischen Ländern der Ausdruck absoluter Entspanntheit. Soll heißen, hier ist alles normal in Damaskus, kein Krieg, keine Schießereien, keine Gewalt auf den Straßen. Also nichts von dem, was die westlichen Medien tagtäglich über Damaskus berichten.

Das kann durchaus sein, sagt Ahmad Hissou, für Syrien zuständiger Redakteur der Deutschen Welle. Hissou ist einer von denen, die täglich mit Menschen in Syrien telefonieren oder mailen. Soweit das geht. Denn die Leitungen brechen immer wieder zusammen, manchmal kommt eine Verbindung zustande, manchmal nicht. Vor allem am Stadtrand von Damaskus und in Regionen, in denen die Rebellen besonders stark sind, fallen Telefon- und Handynetze, vor allem aber die Stromversorgung immer wieder aus, oft stunden-, manchmal tagelang.

50 Meter zwischen unterschiedlichen Welten

Ahmad Hissou kennt viele Geschichten aus Damaskus, die sich anders anhören als die Beschreibung von Nelly Najar. Geschichten von Bombenanschlägen, von Heckenschützen, von langen Schlangen vor Brotgeschäften und leeren Gemüsemärkten. Aber er kennt auch die Seite, die Nelly Najar beschreibt. "Das sind völlig unterschiedliche Welten", sagt er, "die sind oft nur 50 Meter auseinander."

(Foto: Reuters)

Damaskus Anfang September: Zeit für einen Spaziergang

Martin Glasenapp, der vor kurzem für die Hilfsorganisation Medico International durch Syrien reiste, bestätigt das: "Lebt man in Quartieren, die regierungsnah sind, wo die Mehrheit der Menschen auf Seiten der Regierung steht, dann kann man relativ ruhig leben." In diesen Vierteln, die von den Regierungssoldaten schwer gesichert seien, funktionierten auch die Schulen, die Behörden, die Krankenhäuser fast wie in normalen Zeiten. "Es gibt hier alles zu kaufen", erzählt auch Nelly Najar, "es ist nur viel teurer geworden, alles kostet heute dreimal so viel wie früher."

Flüchtlinge drängen in die sichereren Gebiete

Doch so ganz unbehelligt vom Krieg bleiben auch die wohlhabenden und gut gesicherten Stadtteile in Damaskus nicht. Denn aus allen Landesteilen drängen Flüchtlinge in diese Gegenden. "Die Hotels quellen über", beschreibt Martin Glasenapp von Medico International die Situation. "Es gibt viele Inlandsflüchtlinge in diesen Gebieten." Sechs der 23 Millionen Syrer sind auf der Flucht, nur ein Drittel davon ist bislang ins Ausland gegangen. Vier Millionen Syrer dagegen haben Schutz in relativ sicheren Zonen innerhalb des Landes gesucht.

Zum Beispiel in der Nachbarschaft von Nelly Najar. Vor ein paar Tagen fürchteten viele dort, dass ihnen die Nähe zur Regierung zum Verhängnis werden könnte. Das war, als es so aussah, als ob die USA jeden Moment die Regierungsgebäude in Damaskus bombardieren könnten. Die wohlhabenden Bürger saßen plötzlich im selben Boot wie die Flüchtlinge. Wer es sich leisten konnte, brachte seine Familie ins nahe Ausland. 30.000 Menschen aus den besseren Vierteln sollen allein nach Jordanien geflohen sein. Auch Nelly Najar hatte kurz an Flucht gedacht, sagt sie der Deutschen Welle. "Seit der Angriff verschoben wurde, geht es uns wieder besser."

Explosion in Raqqa Anfang August 2013 (Foto: AFP)

Ein Straßenzug in der Stadt Raqqa in Nordsyrien kurz nach einer Explosion Anfang August

Ständige Angst vor plötzlichen Anschlägen

Doch ein paar Straßen weiter sieht das schon wieder anders aus, sagt Martin Glasenapp: "Wer in den Vororten lebt, vor allem in den sunnitischen Vororten, den umkämpften Zonen, in denen tatsächlich Bürgerkrieg herrscht, der lebt in der permanenten Bedrohung, dass er bombardiert oder Opfer von Heckenschützen wird."

Nicht nur Damaskus, das ganze Land sei inzwischen ein Flickenteppich von Gebieten, die entweder von der Regierung oder von den Rebellen beschossen würden. Dazwischen gebe es durchaus größere Regionen, etwa an der Küste, in denen es relativ ruhig sei. Dort sei der Krieg vor allem als wirtschaftliche Verelendung zu spüren, als Arbeitslosigkeit und schlechte Versorgung: "Die Versorgungswege sind unterbrochen, zum Beispiel in der Ölproduktion, die im kurdischen Nordosten stattfindet", so Glasenapp. "Die Ölquellen sind in der Hand der kurdischen Milizen, aber die können kein Benzin produzieren, weil die zentralen Raffinierien an der Küste sind."

Polizei oder Religionspolizei

Für den Medico International-Mitarbeiter ist es erstaunlich, dass es bisher keine dramatischen Engpässe bei der Lebensmittelversorgung gibt. Er erklärt das vor allem mit den offenbar nach wie vor intakten Nachbarschaften: "Man versucht, gemeinsam Bäckereien zu betreiben und alles, was man zum täglichen Leben braucht zu organisieren." Doch es werde immer schwieriger: "Es gibt erste Fälle von Hunger, aber noch immer bemüht sich diese Gesellschaft, solidarisch zusammenzustehen."

Fleischer in Damaskus bei der Arbeit in seinem Laden (Foto: Martin Lejeune)

In der Altstadt von Damaskus bietet dieser Fleischer weiter seine Waren an

Je länger die Kämpfe dauern, desto schwieriger wird es für die Menschen in Syrien. Nicht nur, weil die Wirtschaft immer schwächer wird, sondern auch, weil die vorrückenden Rebellen immer stärker in den Einfluss ideologischer und radikalreligiöser Gruppen geraten. 40 Prozent der 100.000 bewaffneten Rebellen sollen inzwischen radikal-islamisch sein. Die Auswirkungen für die Bürger beschreibt Martin Glasenapp anhand einer Kleinstadt nahe der türkischen Grenze. In der 50.000-Einwohner-Stadt seien mehr als 150 verschiedene bewaffnete Rebelleneinheiten präsent: "Selbst die lokalen Bürgergruppen können keine Polizeieinheiten aufstellen, weil radikalreligiöse Gruppen eine Religionspolizei haben wollen."

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