Hautkontakt-Doping: Kaum Sicherheit für Sportler | Wissen & Umwelt | DW | 30.07.2021
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Wissen & Umwelt

Hautkontakt-Doping: Kaum Sicherheit für Sportler

Schon ein kurzer Körperkontakt könnte zu einem positiven Dopingtest führen - vor dem Hintergrund der Spiele in Tokio erschreckend. Selbst die involvierten Forscher hatten mit diesen Ergebnissen nicht gerechnet.

Zwei der Olympioniken von Team Great Britain schütteln sich bei der Medaillen-Zeremonie die Hand

Kann Athleten schon ein Handschlag zum Verhängnis werden?

Für eine Weile sah es nicht so aus, als würde es noch dazu kommen, aber trotz aller Hindernisse sind die Olympischen Spiele in Tokio tatsächlich in vollem Gange.

Die Sportstätten sind zwar größtenteils leer und auch das Leben im Olympischen Dorf wird dank der Corona-Einschränkungen anders aussehen als in vorangegangenen Jahren, aber eines ist gleichgeblieben: Noch immer treten bei Olympia die besten Athleten der Welt gegeneinander an. Und damit ist, wie alle zwei Jahre bei der größten Sportveranstaltung der Welt, auch Doping wieder Thema.

Um sicherzugehen, dass alles fair zugeht, steht die Internationale Test-Agentur (ITA) nach eigener Aussage dem "umfangreichsten Anti-Doping-Programm" vor, "das jemals bei Olympischen Spielen umgesetzt wurde". Die ITA steht ihrerseits unter Aufsicht der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). 

Athleten, die leistungssteigernde Substanzen nehmen, sollen keine Chance haben. Dafür ist die ITA mit einem Team aus 24 Managern und 250 Dopingkontrolleuren in Tokio im Einsatz. Sie werden während der gesamten Spiele vorraussichtlich etwa 5000 Urin- und Blutproben von rund 11.000 Olympioniken nehmen, "zielgerichtet und unangekündigt".

Ein positiver Test kann dazu führen, dass Athleten jahrelang für ihren Sport gesperrt werden, und Medaillen zurückgeben müssen, die sie in dem Turnier, bei dem sie positiv getestet wurden, gewonnen haben. So soll Fairness garantiert werden.

Aber was, wenn der betroffene Sportler oder die betroffene Sportlerin nie absichtlich gedopt haben?

Video ansehen 02:23

Olympia: Drastischer Corona-Anstieg in Japan

Doping durch Handschlag?

Das Doping-Recherche-Team der ARD hat in einer neuen Dokumentation gezeigt, dass bestimmte Doping-Mittel über einen kurzen Hautkontakt übertragen werden können. In "Geheimsache Doping - Schuldig" des Teams um den Investigativjournalisten Hajo Seppelt ist zu sehen, dass schon ein kurzer Handschlag ausreicht.

In Kooperation mit der Sporthochschule Köln und dem Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Köln wurde 12 Männern zwischen 18 und 40 Jahren eine kleine Menge verschiedener Anabolika auf die Haut aufgetragen. In den Urinproben aller Probanden konnten hinterher illegale Substanzen festgestellt werden.

"Das hätte ich nicht erwartet"

"Als das Thema zuerst an uns herangetragen wurde, dachte ich 'Das könnte das ein oder andere Mal klappen'", sagte Seppelt, der aktuell aus Tokio berichtet, der DW. "Aber als dann alle Probanden positiv waren, war das eine Überraschung. Die Zahl und die Deutlichkeit haben mich sehr nachdenklich gemacht."

Die verbotenen Substanzen konnten noch in Urinproben nachgewiesen werden, die Probanden bis zu 15 Tage nachdem der Stoff auf ihre Haut aufgetragen wurde, abgegeben hatten. Das schockierte selbst Experten.

"Das hätte ich in der Form nicht erwartet, gerade die Tatsache, wie lange [die Dopingmittel] noch nachweisbar waren", sagte Dr. Martin Jübner, der forensische Toxikologe, der für das Institut für Rechtsmedizin das Experiment leitete, im DW-Interview.

Video ansehen 03:03

"Saftige Strafe, aber keine Abschreckung"

Bloß nicht andere auf dumme Gedanken bringen

Welche Dopingmittel genau auf die Haut der Probanden aufgetragen wurden, dazu möchten sich die Beteiligten nicht äußern. Die Studie befinde sich aktuell noch im langwierigen peer-review-Prozess, bei dem unabhängige Forschende die Ergebnisse überprüfen, sagt Jübner. Bis zur wissenschaftlichen Veröffentlichung werde es noch einige Monate dauern.

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, aus dem sich Seppelt, Jübner und Co mit detaillierten Informationen zurückhalten: Sie wollen nicht, dass böswillig Gesinnte ihre Arbeit als Anleitung dafür nutzen, wie sie unliebsame Konkurrenten dopen könnten.

Diese Vorsicht kommt nicht von ungefähr. In der Vergangenheit gab es immer mal wieder Fälle, in denen die Karrieren von Sportlern ein jähes Ende fanden, weil ihre Dopingtests positiv ausfielen - sie aber darauf beharrten, dass sie sabotiert wurden. Und das geschah bereits zu Zeiten, als man noch dachte, Dopingmittel müssten unbemerkt in Essen, Wasser oder Zahnpasta gemischt werden. Jetzt scheint schon ein einfaches Händeschütteln oder Schulterklopfen genug zu sein.

Schwimmerin bei den Olympischen Spielen in Tokio

Im Namen der Fairness: Nach einem positiven Dopingtest kann die Sport-Karriere schnell enden.

Die Umkehr der Beweislast

Experten sagen, dass die Ergebnisse des Kölner Experiments möglicherweise zu Änderungen in der Doping-Rechtsprechung vor Sportgerichten führen könnten. Bisher gilt in Doping-Verdachtsfällen die Umkehr der Beweislast, nicht wie im Strafrecht die Unschuldsvermutung.

Das heißt: Wenn der Dopingtest eines Sportlers oder einer Sportlerin positiv ausfällt, wird automatisch angenommen, dass er oder sie die verbotene Substanz auch tatsächlich zu sich genommen hat, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Wenn die Athleten behaupten, sie seien unschuldig, liegt es an ihnen, das zu beweisen.  

Die Umkehr der Beweislast, so heißt es auf der Website der WADA, bedeute, dass jeder Sportler für die Substanzen, die in seinem Körper gefunden werden, verantwortlich ist, "ob der Athlet nun absichtlich oder unabsichtlich eine verbotene Substanz zu sich genommen hat, nachlässig war oder anderweitig Schuld trägt, oder nicht."

Mit anderen Worten: eine gedopte Sportlerin bleibt eine gedopte Sportlerin, ob sie sich aktiv einen Vorteil verschaffen wollte oder nicht. Der Wettkampf sei eben unfair abgelaufen. Zu beweisen, dass zweifelsfrei ein Sabotageakt vorlag, ist schon heute ein extrem schwieriger Prozess, der nicht oft von Erfolg gekrönt ist. 

Braucht es ein neues System?

Wenn es nicht mehr braucht, als eine sekundenschnelle Berührung, um einen positiven Dopingtest herbeizuführen, können Sportler und Sportlerinnen dann noch in die Pflicht genommen werden, ihre Unschuld zu beweisen? Rückblickend herauszufinden, welcher eine flüchtige Handschlag möglicherweise für das Dopingmittel im eigenen Körper verantwortlich war, ist praktisch unmöglich. 

Deshalb, sagt Jübner, müsse man die Untersuchung der Tests anpassen. "Es gab auch schon vorher Überlegungen, wie man anhand der gefundenen Abbauprodukte in der Probe sehen kann, auf welchem Wege [die Doping-Substanz] aufgenommen wurde", erklärt der Toxikologe. "Das ist ein Weg, den man jetzt zwingend einschlagen muss."

Die ARD-Doku könnte dazu führen, dass mehr öffentlicher Druck auf die WADA und auf internationale Sportgerichte aufgebaut wird, die Rechtsprechung in Dopingfällen genau unter die Lupe zu nehmen. Dass es tatsächlich zu Änderungen kommt, ist aber noch längst nicht gesagt.

Schon 2020 veröffentlichte ein Team italienischer Forschender eine Studie, in der sie festgestellt hatten, dass ein bestimmtes Dopingmittel über die Haut aufgetragen zu einem positiven Test führen konnte. Folgen hatte das keine. 

Video ansehen 42:31

Olympia in Japan: Spiele um jeden Preis?

 

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