Hat sich Brasilien bei historischer Erdöl-Auktion verschätzt? | Wirtschaft | DW | 08.11.2019
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Wirtschaft

Hat sich Brasilien bei historischer Erdöl-Auktion verschätzt?

Null Konkurrenz, lediglich zwei von vier Ölfeldern versteigert, Einnahmen von knapp 70 statt der erwarteten 106 Milliarden Real. Die "Mega-Auktion des Pré-Sal" enttäuschte. Aus Rio Thomas Milz.

Präsident Jair Bolsonaro bemühte sich, keine Frustration aufkommen zu lassen. "Es wurde weniger als erwartet, und deswegen gibt es natürlich weniger Geld für uns", kommentierte er die zur Wochenmitte abgehaltene Auktion. "Aber das wichtigste Ölfeld wurde verkauft, so dass es meiner Ansicht nach ein Erfolg war. Das Geld ist herzlich willkommen."

Es geht um Förderlizenzen im sogenannten Pré-Sal. Das ist eine in mehreren Kilometern Tiefe unter dem Atlantikboden liegenden Schicht. Das Ausmaß ist gigantisch. Das Ölvorkommen erstreckt sich über 800 Kilometer Länge. Wochenlang hatte man sich in der Hauptstadt Brasília darum gestritten, wer welchen Anteil am erwarteten Verkaufserlös erhalten wird.

Das Ergebnis frustriert nun die Gouverneure, Bürgermeister und die Hüter der Staatskassen. Denn die 27 Bundesstaaten dürfen sich statt der erwarteten 2,4 Milliarden Euro nun nur noch umgerechnet 1,2 Milliarden Euro teilen. Auf denselben Wert zusammengeschrumpft ist die Summe, Städte und Gemeinden erhalten.

Brasilien Rio de Janeiro Petrobras Öl Auktion (picture-alliance/AP Photo/L. Correa)

Ein Vertreter der Petroleo Brasileiro SA gibt das Gebot der Ölgesellschaft ab

Der Bund erhält umgerechnet 5,3 Milliarden Euro statt elf Milliarden, und der Bundesstaat Rio de Janeiro, vor dessen Küste die Felder liegen, hatte umgerechnet mehr als 500 Millionen Euro erwartet, bekommt nun aber nur knapp 240 Millionen Euro.

Petrobas mit dem dicksten Stück

Der halbstaatliche Ölriese Petrobras, der die Vorkommen erschlossen hat, erhält das dickste Stück: fast acht Milliarden Euro als Entschädigung für die nötigen Vertragsänderungen über die Förderung in den versteigerten Ölfeldern.

Trotzdem sieht José Eduardo Vinhaes Gerk die Auktion als Erfolg an. Er ist der Präsident der Pré-Sal Petróleo, einem staatlichen Unternehmen, das dem Bergbau- und Energieministerium unterstellt ist. "Obwohl nicht alle Felder versteigert wurden, was ja weltweit normal ist bei Öl-Auktionen, halte ich das Ergebnis für einen Erfolg. Wir haben praktisch 70 Prozent des erwarteten Ergebnisses eingefahren und zudem garantiert, dass die Investitionen in den Feldern Búzios und Itapu weitergehen."

Brasilien Sao Paolo Petrobras Zentrale

Firmenschild an der Petrobras-Zentrale in Sao Paulo

Das Ölfeld Búzios im Santos-Becken, etwa 300 Kilometer vor der gleichnamigen Küstenstadt südlich von Rio gelegen, wurde für den Mindestpreis von 68,194 Milliarden Real (ca. 15 Milliarden Euro) versteigert. Das einzige Gebot stammte von einem Konsortium, in dem Petrobras 90 Prozent der Anteile hält, während die beiden chinesischen Unternehmen CNODC Brasil und CNOOC Petroleum jeweils 5 Prozent haben. Das Ölfeld Itapu im selben Becken erhielt ebenfalls nur ein Gebot und wurde für 1,766 Milliarden Real (ca. 400 Millionen Euro) an Petrobras versteigert. Für die Ölfelder Atapu und Sépia des Santos-Beckens interessierte sich niemand.

Keine großen internationalen Anbieter

Die großen internationalen Player des Ölmarktes, die sich zu der Auktion angemeldet hatten, blieben stumm. BP (Großbritannien) und Total (Frankreich) hatten sich bereits im Vorfeld der Auktion zurückgezogen. Die US-Unternehmen Chevron und ExxonMobil, die deutsche Wintershall Dea, die portugiesische Petrogal, Kolumbiens Ecopetrol, Norwegens Equinor, Petronas aus Malaysia, QPI aus Katar sowie Shell (GB-NL) boten nicht mit.

"Die Multis sind nicht eingestiegen, weil sie es nicht für ein gutes Geschäft hielten", sagt der Ökonom Edmar Luiz Fagundes de Almeida von der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ). "Die von der Regierung verlangten Preise waren zu hoch, was dazu führte, dass es wirtschaftlich nicht interessant war. Die Strategie der Regierung hat nicht funktioniert, sie hat einfach zu viel gefordert."

Die Energieexpertin Fernanda Delgado von der Denkfabrik "Fundação Getúlio Vargas" (FGV) in Rio sieht das Ergebniss der Auktion jedoch positiv. "Es war ein gutes Ergebnis, insgesamt 70 Milliarden Real sind ein substanzieller Betrag. Und es handelt sich um Ölfelder, die ein großes Förderpotenzial und günstige geologische Bedingungen haben", so die Expertin. Allerdings seien die Erwartungen größer gewesen. So habe man auf einen größeren Appetit der chinesischen Unternehmen gehofft.

Delgado glaubt, dass die im Raum stehenden hohen Entschädigungen für Petrobras die Investoren vertrieben haben. Der brasilianische Konzern hätte von den Gewinnern der Auktion für bereits in den Feldern getätigte Investitionen entschädigt werden müssen.

Falsche Strategie für die leeren Kassen?

Nach Ansicht von Fagundes hat die brasilianische Regierung eine falsche Strategie gewählt. "Hätte man die Mindestgebote heruntergesetzt, hätte man automatisch mehr Interessenten angelockt", die sich bei der Auktion womöglich einen Bieterwettbewerb geliefert hätten, was unter dem Strich zu höheren Einnahmen hätte führen können.

Aber die Regierung, und besonders Wirtschaftsminister Paulo Guedes, hätten wohl eher auf das Füllen der momentan leeren Staatskassen geschielt als auf höhere Gewinne in der Zukunft, glaubt Fagundes. "Es wurde klar, dass die kurzfristige Agenda die Strategie für die Auktion vorgegeben hat. Und die hat nicht funktioniert." 

Ein genereller Vertrauensverlust in den brasilianischen Ölmarkt oder die Regierung ließe sich daraus jedoch nicht ableiten. "Das war eine Fehleinschätzung hinsichtlich dieser speziellen Ölfelder." Denn eine Auktion im Oktober, bei der es um das Ölfeld Libra ging, das ebenfalls im Santos-Becken liegt, sei ein Erfolg gewesen, "sowohl was die Einnahmen wie auch die Konkurrenzsituation angeht", so Fagundes. 

Von Platz 10 auf Platz 5

Auch die Langzeitziele des brasilianischen Ölsektors sieht er nicht in Gefahr. Bis 2030 soll die aktuelle Produktion von drei Millionen Fass pro Tag auf 7,5 Millionen steigen. Dann dürften statt der derzeit 106 Plattformen bis zu 170 aktiv sein. Brasilien würde damit von derzeit Platz zehn der weltweit größten Ölförderer in die Top 5 aufsteigen.

Und selbst wenn die Welt immer stärker auf erneuerbare Energien setzt, glaubt der Ökonom Fagundes daran, dass brasilianisches Öl über die nächsten Jahrzehnte weiter global gefragt sein wird. Aus den 1,2 Millionen Fass, die Brasilien derzeit pro Tag exportiert, könnten deshalb bis 2030 bis zu vier oder fünf Millionen Fass werden, so die Schätzungen der brasilianischen Ölindustrie.

"Diese Erwartung, die Produktion zu verdoppeln, bleibt bestehen. Dabei hängt das jetzt nicht mehr von der Regierung ab, sondern von den Investitionen der in Brasilien tätigen Unternehmen. Denn die Ölfelder wurden bereits zugeteilt, und das meiste Öl ist ja auch schon gefunden worden", so Fagundes. Erwartet werden 400.000 neue Arbeitsplätze und Investitionen von über 220 Millionen Euro bis 2030.

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