„Hass-Predigt“ - Unfromme Gedanken zu Lukas 14,26-27 | Spurensuche | DW | 04.09.2019
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„Hass-Predigt“ - Unfromme Gedanken zu Lukas 14,26-27

Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau [...], ja sogar sein eigenes Leben hasst, kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. (Lk 14,26-27)

Deutschland Symbolbild Hass im Netz (picture-alliance/dpa/L. Schulze)

Die Seinen hassen… Eine Provokation, die es in sich hat.

„Ich hasse euch alle!“ Türe zu und weg. „Weg von dem allem hier!“

Den heißen Zornesausbruch pubertierender Jugendlicher kennen wohl die meisten Familien. „Ich hasse euch!“ ist Ausdruck der Rebellion gegen die Alten, gegen ihre Erwartungen und Normen, gegen den Alltag, den sie verkörpern.

„Hasst Vater und Mutter, eure engsten Vertrauten, ja sogar euch selbst, wenn ihr meine Schüler sein wollt!“ -  ein gefährlicher, verführerischer Satz, eine Forderung, die in ihrer Radikalität die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens angreift. Was bleibt, wenn der Hass zwischen Kindern und Eltern, zwischen Ehepartnern, oder der Selbsthass zum Dauerzustand wird? Zertrümmerte, ruinierte Leben.

Eine furchtbare Forderung, diese Worte, destruktiv und totalitär.

Jesus von Nazareth hat wohl so geredet. Solch eine skandalöse Äußerung bleibt haften, hält sich in der Erinnerung. Auch anderswo, bei Matthäus, klingt sie an, aber dort gleichsam gezähmt: Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert! (10,37). Welch ein Unterschied zwischen dem geforderten Hass und einem Mehr oder Weniger an Liebe!

Hass als die Bedingung für die Aufnahme in die Schule Jesu. Der Lehrer als Hass-Prediger. Da läuft es den Christenmenschen kalt über den Rücken. Das geht gar nicht: Ein Gefährder als Lehrmeister.

Wie umgehen mit so einem Satz, so einer Erinnerung. Die Übersetzungsvarianten in gängigen Bibelausgaben zeigen die Mühen, den „Hass“ in den Griff zu bekommen. Schon die Gemeinde des Lukas oder er selbst hat dieses böse Wort eingehegt mittels eines anderen Gedankens: Wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, kann nicht mein Jünger sein. Jetzt geht es um Gefolgschaft bis in den Tod, um die Bereitschaft, sich dem Hass einer gewalttätigen Welt auszuliefern wie der Lehrer selbst. Eine subtile Täter-Opfer-Umkehr.

Das Hassen scheint schwerer hinnehmbar zu sein als das Kreuz. Generationen haben mit dem Wort vom Kreuztragen die Mühen des Familien- und Alltagslebens durchgestanden: „Es ist schon ein Kreuz mit dem… und der…“. Das trägt und erträgt man als frommer Christenmensch in Jesu Nachfolge. Aber um Jesu willen zu hassen, scheint unerträglich und widersinnig.

Die Seinen hassen - Es gibt mir zu denken, dass Jesus der Überlieferung nach kein Familienmensch war, dass er sich nicht um die Erwartungen und Ansprüche seiner engsten Verwandten scherte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder… (vgl. Mk 3,31-33). Was wissen wir über seine Familie? Dass er ein uneheliches Kind war (Mt 1,18)? Dass ihn seine eigenen Angehörigen für verrückt erklärten (Mk 3,20-21)? Wie es sich darstellt, war das keine „heilige Familie“ in Nazareth oder wo auch immer: Für die Verwandten nicht und für Jesus wohl auch nicht (vgl. Mk 3,20-21). Seine „heilige Familie“ waren diejenigen, die er an sich ziehen und an sich binden konnte. Zöllner und Huren waren darunter, sagt man, stadtbekannte Sünder und entsprungene Ehefrauen. Und sein Vater? Im Himmel! Die Bindung an ihn war seine Entbindung von der Herkunftsfamilie. Die Bindung an ihn war seine Emanzipation aus dem konventionellen Leben, schaffte ihm Lebensraum und eine Form von Freiheit: Leben unter dem Himmel ohne Besitz und ohne Absicherung, volles Risiko im Vertrauen auf den „Papa“ dort oben.

Sicher ist das nur eine Facette im Jesusbild, das die frühesten Zeugnisse zeichnen. Aber es verwundert, wie wenig diese Facette ernst genommen wird. Wie oft (- Weihnachten kommt schneller als man denkt - ) wird die heilige Vater-Mutter-Kind-Familie beschworen, und niemand soll die Idylle stören. In kirchlichen Synoden und Lehrschreiben wird die heilige Vater-Mutter-Kind-Familie zur gleichsam göttlichen Norm stilisiert.

Nichts gegen Familien. Sie sind und bleiben für viele emotionaler Rückhalt und Kraftquelle ihr Leben lang. Für andere freilich können sie zum Verhängnis werden, dem nicht zu entkommen ist.

Wo aber in der Kirche und unter Christenmenschen die Vater-Mutter-Kind-Familie als die einzig heilige Form von Lebensgemeinschaften behauptet wird, und andere, wie immer geartete verbindliche Beziehungen abgewertet und ausgegrenzt werden, da fährt die „Hass-Predigt“ Jesu dazwischen: Im Blick auf den Vater im Himmel sind auch ganz andere Verhältnisse möglich, gewollt und geheiligt.

 

Zur Autorin:

Hildegard König Wort zum Sonntag Chemnitz NEU (Hildegard König)

Dr. theol. Hildegard König, apl. Professorin für Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie der TU Dresden. Lebt in Chemnitz.

 

 

 

 

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter