Hannover Messe: Industrie bangt und warnt | Wirtschaft | DW | 01.04.2019
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Hannover Messe

Hannover Messe: Industrie bangt und warnt

Auf der größten Industriemesse der Welt sollten künstliche Intelligenz, Digitalisierung und der Mobilfunkstandard 5G im Zentrum des Interesses stehen. Die deutschen Industrieverbände jedoch blasen mehrheitlich Trübsal.

"Fleißig heute", kommentiert Andreas Lapp, Vorstandschef der Lapp-Gruppe, das Bild, das sich ihm am Stand seines Unternehmens auf der Hannover Messe bietet. Dort sieht er nämlich gemeinsam mit einem ganzen Pulk von Journalisten, wie Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel an einem Kabel zieht.

Schweden ist das Gastland der Hannover Messe 2019. Ob Herr Löfven vorher gewusst hat, dass er sich hier gleich richtig schweißtreibend und altmodisch analog selbst ins Zeug werfen muss?

Die beiden Regierungschefs rollen das Kabel von einer hölzernen Trommel ab und helfen so, das digitale Herz (oder eher Hirn?) der Kabeltrommel zu demonstrieren: Die meldet nämlich einer Cloud, wieviel Kabel schon abgerollt wurde und wie viel noch zur Verfügung steht - so dass die Trommel schließlich selbst (!) Nachschub bestellen kann.

Eröffnungsfeier Hannover Messe 2019 Angela Merkel (picture-alliance/dpa/F. Gentsch)

Angela Merkel eröffnet die Messe. Ihre zversichtlichen Worte von Chancen und Möglichkeiten scheinen nicht überall gehört worden zu sein.

Das Kabel rollt, aber die Deutschen zagen

Dieses Bild demonstriert nicht nur, zu welchen Wunderleistungen ein einfaches, im Prinzip schon seit Jahrhunderten benutztes Teil aus Holz fähig sein kann, wenn es nur gelingt, es ans Internet anzuschließen. Das Bild zeigt auch: Selbst Regierungschefs geben alles, um für die schönen Seiten der digitalen Zukunft zu werben.

Was das Bild aber ausdrücklich nicht zeigt, ist die Verzagtheit der deutschen Industrie. Kein Unternehmer, kein Verbandsvertreter zwar, der nicht auch auf die riesigen Chancen der neuen Technologien verweist. Aber gleichzeitig kann man allen Ständen und in vielen Pressegesprächen und Publikationen sehen, hören und lesen, wie groß die Sorgen der deutschen Unternehmer sind.

Sorgen, weil man befürchtet, schon den Anschluss verpasst zu haben. Weil man Angst hat, die anderen (die USA und China vor allem) würden das Geschäft machen und die Deutschen müssten in die Röhre schauen. Angst, die EU-verdrossenen Briten würden uns mit ihrer Brexit-Show das Geschäft vermiesen. Angst vor der Politik in Washington und in Peking. Angst vor der Angst der anderen, Angst vor der Unfähigkeit oder der Unentschlossenheit der deutschen Politik.

Die anderen sind besser!

Da ist zum Beispiel der VDI, der Verein Deutscher Ingenieure. Der veröffentlichte am Eröffnungstag der Messe eine Umfrage, der zufolge nur 14 Prozent der befragten Vereinsmitglieder der Ansicht seien, bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz (KI) sei Deutschland in einer "führenden Rolle". Dort sehen 61 Prozent eher China oder die USA (sogar 67 Prozent). 60 Prozent sprechen Deutschland die Kompetenz in Sachen KI grundsätzlich ab.

Verbandspräsident Volker Kefer sieht jetzt aber nicht die Ingenieure in der Pflicht, sondern die Gesellschaft - in ihrer Personifikation als Steuerzahler - und die Politik selbst natürlich: "Wir wissen immer noch nicht, wie hoch die Fördermittel denn nun tatsächlich sein werden beziehungsweise aus welchen Töpfen sie kommen und vor allem, wohin sie konkret fließen sollen."

Die anderen sind schuld!

Auch der Verband der Elektrotechnik (VDE) hat zur Messe eine Umfrage zu KI in Deutschland publiziert. Das Ergebnis unterscheidet sich kaum von der VDI-Umfrage. Auch hier wird die Kompetenz in den USA und in China vermutet, keinesfalls aber in Deutschland.

Das Besondere hier: Der VDE befragte auch Hochschulen der Elektro- und Informationstechnik. Die beklagen einen Fachkräftemangel (67 Prozent) sowie mangelndes Knowhow hierzulande und knappe Budgets.

Der Schluss, den VDE-Präsident Ansgar Hinz zieht, passt wieder ganz ins Bild: Nicht wir selbst sind Schuld, sondern die anderen, in diesem Falle die Industrie. "Das Grundproblem ist," so Hinz, "dass sich die deutsche Industrie lange auf ihrem Status Quo ausgeruht und damit den Anschluss an die USA und China verpasst hat, die die Digitalisierung auf allen Ebenen vorantreiben."

Und dann die Briten erst!

Da will auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nicht fehlen und reiht sich ein in die Phalanx der Mahner, Warner und Sorgenträger. Verbandspräsident Dieter Kempf dreht sogar ein ganz großes Rad und lässt an der Berliner Politik kein gutes Haar: "Die Große Koalition gibt unser aller Geld falsch aus." Statt "gefährliche Alleingänge" in der Klimapolitik zu finanzieren ("im nationalen Alleingang schlicht nicht zu stemmen") müsse die Politik einen "Investitionsturbo" starten, um der Digitalisierung in Deutschland aufzuhelfen.

Hannover Industriemesse 2019 Aufbau (picture-alliance/dpa/C. Gateau)

Ein Mann schüttelt einem Roboter die ... Hand? Wie auch immer, es ist doch schön, wenn aus Mensch und Maschine Freunde werden.

Chancen für die deutsche Industrie sieht Kempf gar nicht mehr, da müsse man froh sein, nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden: "Wir erwarten gerade noch eine Schwarze Null." Wachstum? Fehlanzeige. Oder wenn, dann nur noch homöopathisch gering: "nur noch ein Plus von 1,5 Prozent." Und dann der Brexit! Fiele der hart aus, dann würde der BDI seine BIP-Prognose auf "nur noch 0,7 Prozent" korrigieren müssen.

Die Woche ist ja noch lang …

Darin wird Kempf vom Präsidenten des Ifo-Institutes, Clemens Fuest, unterstützt, der für den Fall eines "No-Deal-Brexit" ganz schwarz sieht: "Das könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt." Dann würde aus einem schwachen Wachstum der deutschen Wirtschaft ein leichtes Schrumpfen werden. Ökonom Fuest fasst das ebenso knapp wie kompetent so zusammen: "Das würde man dann eine Rezession nennen."

Trotz aller Unkenrufe von Unternehmen und Verbänden - für den Besucher stehen weiterhin die Möglichkeiten und Chancen von Künstlicher Intelligenz, der Digitalisierung oder der Industrie 4.0 im Mittelpunkt. Und vielleicht gibt es in den nächsten Tagen ja auch einmal eine Äußerung eines deutschen Verbandes, die nach Zuversicht klingt. Die Messe dauert noch bis zum 5. April.

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