Halstenberg löst die Schockstarre der DFB-Elf | Sport | DW | 09.09.2019
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EM-Qualifikation

Halstenberg löst die Schockstarre der DFB-Elf

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft macht einen großen Schritt Richtung EM 2020. Erst der Treffer von Marcel Halstenberg sorgt dafür, dass die DFB-Elf gegen Nordirland spät die Orientierung findet.

Es wird sicher ein unvergesslicher Abend bleiben für Marcel Halstenberg. Nicht nur weil er mit seinem Treffer zum 1:0 gegen Nordirland in seinem zweiten Pflichtspiel für die Nationalmannschaft seinen ersten Treffer für das DFB-Team erzielte. Vielmehr erlöste er mit seinem sehenswerten Erfolgserlebnis per Direktabnahme (48. Minute) sein gesamtes Team aus einer Art Schockstarre. "Das hat so ein bisschen die Dose geöffnet", sagte Halstenberg.

Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hatte eine erste Hälfte gezeigt, die bei allen Beteiligten viele Fragen hinterlassen dürfte. Es war erstaunlich, wie wenig Gegenwehr die deutsche Mannschaft dem Gegner bot.

Die jüngste EM-Qualifikations-Niederlage gegen die Niederlande (2:4) in Hamburg hatte bei der Mannschaft eine deutlich sichtbare Verunsicherung hinterlassen. Offensivspieler Marco Reus sagte: "Die Niederlage gegen die Niederlande mussten wir erst einmal verarbeiten." Mindestens eine Hälfte lang hat dieser Prozess bei der deutschen Mannschaft angedauert.

Kaum Gegenwehr

Der DFB-Elf fehlte gegen die Nordiren in jedem Mannschaftsteil eine Souveränität, die sie aufgrund ihrer personellen Besetzung gegenüber den wacker kämpfenden, aber technisch limitierten Gegner eigentlich hätte vorweisen müssen. Es war erstaunlich, wie leicht sich im Angriff Timo Werner, Serge Gnabry oder auch Marco Reus die Bälle haben abjagen lassen. Auch die deutsche Abwehrkette um Niklas Süle, Matthias Ginter, Lukas Klostermann und Halstenberg wackelte immer wieder bedenklich.

Joshua Kimmich (r.) in Aktion gegen Nordirland (Reuters/J. Sibley)

Joshua Kimmich (r.) in Aktion gegen Nordirland

Doch die größten Sorgen dürfte Löw die zentrale Mittelfeldachse um Toni Kroos und Joshua Kimmich machen. Beide gelten beim Bundestrainer als gesetzt, sind die Säulen in seinen Planungen. Doch wie schon gegen die deutlich stärkeren Niederländer agierten die beiden zentralen Figuren des deutschen Spiels so fahrig, ungenau und uninspiriert, als wüssten sie nicht so recht, welche Aufgaben jeder von ihnen genau hatte.

Haarsträubende Ballverluste

Beide versuchten sich immer wieder im Spielaufbau, waren dabei aber so oft fehleranfällig im Kurzpassspiel, dass sie den Gegner immer wieder mustergültig bedienten und Kroos sogar eine der größten Torchance der Nordiren für Conor Washington einleitete.

Die Spielkontrolle hatten sie nie an sich reißen können, Pässe in die Spitze landeten zumeist beim Gegner, statt bei den schnellen deutschen Spitzen. Vielmehr fielen beide dadurch auf, dass sie sich immer wieder haarsträubende Ballverluste im Umschaltspiel leisteten und vor allem ihre defensiven Mitspieler damit immer wieder in Schwierigkeiten brachten.

Die Erlösung der deutschen Mannschaft nach dem 2:0-Erfolg, den Serge Gnabry (93.) kurz vor dem Ende herstellte, war greifbar. "Wir waren schon unter Druck nach der Niederlage gegen Holland. Wir mussten dann schon ein paar Widerstände überwinden", sagte Löw: "Von der Raumaufteilung waren wir nicht gut strukturiert."  Er lächelte dabei, aber diese Gefühlsregung wirkte eher gequält. Mit dem Sieg konnte Löw zufrieden sein, das Zustandekommen dürfte ihm noch so manche Stunde beschäftigen.  

Serge Gnabry (M.) erzielt das 2:0 für die deutsche Mannschaft (Reuters/J. Sibley)

Serge Gnabry (2.v.r.) erzielt das 2:0 für die deutsche Mannschaft

Rollen grenzen sich nicht klar ab

Womöglich ist es von dieser jungen Mannschaft noch zu viel verlangt, dass sie innerhalb von drei Tagen von überwiegender Defensive auf dominantes Spiel wechseln soll und muss. Allerdings sollen Kroos und Kimmich diejenigen sein, die die taktische Vorgehensweise des Bundestrainers auf dem Feld in die richtigen Bahnen lenken. Derzeit tragen beide aber vielfach zur Verunsicherung des gesamten Teams bei - auch weil sie ihre Rollen nicht klar voneinander abgrenzen.

Immerhin hatte Löws Team eine bessere zweite Hälfte gezeigt und am Ende unter widrigen Umständen drei Punkte zur Tabellenführung in der Qualifikationsgruppe einsammeln können. Doch die Erkenntnis des Abends dürfte für den Bundestrainer sein, dass er aufgrund des Ergebnisses erst einmal in Ruhe weiter arbeiten, an der Abstimmung feilen und seine Ideen seinem Team nahe bringen kann.

Denn die deutsche Mannschaft ist noch weit von dem entfernt, was sich Löw vorstellt. Das war ihm an diesem Spätsommerabend in Belfast deutlich ins Gesicht geschrieben.

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