Hallensport in Corona-Zeiten: Achterbahnfahrt der Gefühle | Sport | DW | 19.10.2020
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Corona-Krise im Sport

Hallensport in Corona-Zeiten: Achterbahnfahrt der Gefühle

Während im deutschen Handball und Basketball der Spielbetrieb wieder aufgenommen worden ist, ruht der Puck im Eishockey weiterhin. Die Stimmung schwankt zwischen Frustration und Augen-zu-und-durch.

Die Haie zappeln im Netz der Corona-Krise - und sind damit nicht alleine. "Die Lage im Eishockey ist dramatisch, weil wir unser Geschäftsmodell, das vor allem auf Zuschauereinnahmen beruht, aktuell nicht umsetzen dürfen", sagt Philipp Walter, Geschäftsführer des Erstligisten Kölner Haie, der DW. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) hatte den ursprünglich für den 17. November geplanten Saisonbeginn abgeblasen. Die Klubs hoffen jetzt auf einen Start in der zweiten Dezemberhälfte. "Der Saisonstart war, Stand jetzt, nicht verantwortungsvoll hinzubekommen - so bitter die Entscheidung auch ist", sagt Walter. "Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erlauben es den meisten Vereinen nicht, jetzt loszulegen." 

Die DEL hatte Mitte März als erste deutsche Liga ihre Saison wegen der Corona-Pandemie abgebrochen, vor Beginn der Playoff-Spiele. Bis dahin hatten die Kölner Haie die treuesten Fans aller Klubs: 13.333 Besucher kamen im Schnitt - Platz eins in der Zuschauertabelle der DEL, Platz drei in Europa. 50 bis 60 Prozent des Klub-Etats werden normalerweise aus dem Ticketverkauf erwirtschaftet. Dieses Geld fehlt, mit weitreichenden Folgen für den Verein: "Wir haben eine großen Nachwuchsbereich, die 'Junghaie', dazu die größte Fraueneishockey-Abteilung Europas", sagt Geschäftsführer Walter. "Wenn wir keine Einnahmen haben, trifft es auch den Bereich des Stammvereins." Es habe zudem Folgen für die Nationalmannschaft, wenn die Profis nicht spielten. "Diese Botschaft scheint bei vielen noch nicht angekommen zu sein."

"Helden von Pyeongchang" in der zweiten Liga

Der Klub befindet sich in einem Kurzarbeit-Modell, mit reduzierten Trainingszeiten, "damit die Spieler wenigstens ihre Grundfitness halten", so Walter. Nationalspieler Moritz Müller heuerte mit Erlaubnis der Kölner als Gastspieler beim Zweitligisten Kassel Huskies an, um Wettkampfpraxis zu sammeln. Das ist kein Einzelfall. Mit DEL-Rekordtorschütze Patrick Reimer von den Nürnberg Ice Tigers und Felix Schütz von den Straubing Tigers ließen sich zwei weitere Silbermedaillengewinner der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang in die zweite Liga ausleihen. Die Etats dort sind niedriger, die ausbleibenden Einnahmen aus dem Ticketverkauf fallen weniger ins Gewicht.

Handball und Basketball: Spiele laufen, Sorgen bleiben

Im Gegensatz zum Eishockey wird in den anderen beiden großen deutschen Profi-Hallensportarten wieder gespielt. In der Handball-Bundesliga liegt bereits der vierte Spieltag hinter den Teams. Abhängig von den Corona-Infektionszahlen und den damit verbundenen Restriktionen variierten die Zuschauerzahlen am vergangenen Wochenende: zwischen 0, etwa bei Spielen in Nordrhein-Westfalen und Hessen, und 2400 beim prestigeträchtigen Nordderby zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt. "Wir sind froh über jeden Spieltag, der gespielt werden kann", hatte Uwe Schwenker bereits vor Wochenfrist der "ARD-Sportschau" gesagt. Die Sorgen der Klubs wegen der unsicheren Zukunft blieben jedoch bestehen, so Schwenker.

Handball Bundesliga THW Kiel vs SG Flensburg-Handewitt

Immerhin 2400 Handball-Fans (mit Gesichtsmasken) sahen am Sonntag den 29:21-Sieg von Kiel gegen Flensburg

Der Basketball-Pokalwettbewerb begann mit sieben "Geisterspielen". Die Partie von Titelverteidiger Alba Berlin bei den Löwen Braunschweig fiel wegen eines Corona-Falls in der Mannschaft der Berliner aus. Die Basketball-Bundesliga (BBL) soll wie geplant am 6. November beginnen. "Wir haben das Credo: Augen zu und durch. Wir müssen schauen, dass wir diese kommende Saison irgendwie überstehen", sagt Philipp Galewski, Geschäftsführer des Klubs Brose Bamberg.

Nach Angaben von BBL-Geschäftsführer Stefan Holz haben die Vereine "den Gürtel bereits enger geschnallt". Noch drohe zwar keine Insolvenz. "Aber man benötigt schon etwas mehr als 300 oder 500 Zuschauer, um in die Gewinnzone zu kommen", sagt Holz auf Nachfrage der DW. "Am Ende des Tages brauchen wir Zuschauereinnahmen. Und wenn wir sie nicht oder nur in begrenztem Maße haben, müssen die Staatshilfen fließen. Die bis zu 800.000 Euro pro Verein werden die Klubs benötigen, um über den Winter zu kommen." 

Hohe Corona-Zahlen überlagern alles

Das gilt in gleichem Maße für die Eishockeyklubs. Die Bundesregierung hatte Ende Juni insgesamt 200 Millionen Euro bereitgestellt, als Nothilfe für den deutschen Profisport - ohne erste und zweite Fußball-Bundesliga. "Ich spüre den politischen Willen, uns helfen zu wollen", sagt Haie-Geschäftsführer Walter. "Ich bin überzeugt, dass die Gesamtsumme ausreicht, um die ersten Ligen von Eishockey, Basketball und Handball über die Runden zu bringen. Aber es hakt bei der Umsetzung."

Basketball Pokal RASTA Vechta vs JobStairs GIESSEN 46ers

Die ersten Spiele der BBL-Pokalrunde wurden - wie hier in Vechta - vor leeren Rängen ausgetragen

Die aktuell stark steigende Zahl neuer Coronafälle in Deutschland erschwert die Diskussion mit den Verantwortlichen in der Politik. "Momentan ist es fast unmöglich, mit Entscheidern fachlich tiefgehende Gespräche zu führen, weil die Diskussion von den Infektionshöchstständen überlagert wird", beklagt Florian Kainzinger, ein Experte für Gesundheitsmanagement, der maßgeblich am Hygienekonzept der Basketball-Bundesliga beteiligt war. "Ich sehe zurzeit keine Bewegung beim Thema Zuschauer."

Keine Chance, sich zu bewähren

Diese Grundstimmung sorgt auch beim Kölner Eishockey-Macher Philipp Walter für Frust. "Ich habe noch keinen Politiker gehört, der gesagt hat, die Hygienekonzepte seien schlecht, und ein Besuch in unserer Arena sei ein Superspreader-Event", sagt der 46-Jährige. "Ich höre immer nur, dass einige Politiker es als 'falsches Signal' verstehen, Zuschauer bei Sportveranstaltungen zuzulassen, oder dass sie ein 'schlechtes Gefühl' dabei haben. Für uns als professionelle Veranstalter ist das frustrierend. Wir bekommen nicht die Chance, unser Geschäftsmodell umzusetzen und auch nicht die Chance, uns zu bewähren."

Deutschland Köln Philipp Walter

Haie-Geschäftsführer Philipp Walter will weiterkämpfen

Die Stimmung im Verein gleiche einer "Achterbahnfahrt" der Gefühle, sagt der Geschäftsführer der Kölner Haie. An Aufgeben denke jedoch niemand. "Wer im Eishockeysport arbeitet, ob Spieler oder Mitarbeiter, hat das Kämpferische in seiner DNA und kann allen Widerständen trotzen, sowohl auf als auch neben dem Eis. Nichtsdestotrotz kostet es viel Energie, den Kopf oben zu halten", sagt Walter. "Wir werden jetzt aber nicht die weiße Fahne hissen, sondern weiterkämpfen, um diesen Standort zu sichern: für Köln und das Eishockey."

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