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Politik

Eine Symbiose von Gewalt und Politik

9. Juli 2021

Der Mord an Haitis Präsident Jovenel Moïse ist der vorläufige Höhepunkt einer seit Jahren schwelenden Krise in dem Karibikstaat. Verantwortung dafür tragen Politik und Organisierte Kriminalität gleichermaßen.

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Haiti | Ermordung Präsident Jovenel Moise
Bild: Joseph Odelyn/AP Photo/picture alliance

Als "ein Land in Schockstarre" bezeichnete Richard Widmaier von Radio Métropole in Port-au-Prince Haiti nach dem Mord an Präsident Jovenel Moïse in seiner Nachrichtensendung. "Die Straßen der Hauptstadt sind wie leer gefegt", schilderte der Direktor des Senders der Deutschen Welle. Der Mord habe selbst die an Krisen und Gewalt gewöhnten Haitianer überrascht. "Wir rätseln alle, was dahinter stecken könnte: ob es ein Staatsstreich war und welche Rolle das Ausland spielte?", fasst der Politologe Roland Joseph die allgemeine Ratlosigkeit zusammen.

Haiti | Präsident Jovenel Moise Gedenken Opfer Erbebenkatatrophe 2019
Ein Mann mit vielen Feinden: Präsident Moïse beim Gedenken an die Erdbebenopfer in Haiti (2019)Bild: Dieu Nalio Chery/AP Photo/picture alliance

Moïse, ein politischer Außenseiter und neureicher, selbsterklärter Bananen-Exporteur, regierte den Karibikstaat seit vier Jahren. Er stand unter Beschuss wegen Korruptionsaffären, der Wirtschaftskrise, Corona, seinem zunehmend autoritären Regierungsstil und zuletzt wegen der ausufernden Gewalt im Land. Die Experten bezeichneten die Situation als "fragil". "Je länger die Ungewissheit dauert, desto größer ist die Gefahr von Unruhen und Plünderungen", so die seit Jahrzehnten in Haiti lebende deutsche Unternehmerin Anne-Rose Schön, die schon mehrere Staatsstreiche und Krisen erlebt hat.

Ein professionelles Mordkommando

Einig sind sich die Beobachter, dass ein professionelles Kommando für den Mord verantwortlich ist. "Um 20.30 Uhr bin ich vor dem Haus des Präsidenten vorbeigefahren und habe nur eine einzige Patrouille gesehen", schildert Widmaier. Üblicherweise umgibt sich Moïse mit einer ganzen Riege schwer bewaffneter Bodyguards. Nachbarn des Präsidenten hörten gegen ein Uhr morgens zunächst Schüsse, danach schwere Detonationen und ein einstündiges Gefecht mit Schnellfeuerwaffen. Dann war der Präsident tot und seine Frau Martine schwer verletzt - sie wurde am Mittwoch in den US-Bundesstaat Florida ausgeflogen. Von weiteren Opfern wurde zunächst nichts bekannt. Die Tochter der beiden, die sich offenbar in ihrem Zimmer verschanzt hatte, blieb Medienberichten zufolge unversehrt.

Haiti | Ermordung Präsident Jovenel Moise
In seiner Residenz überfallen und tödlich verletzt: Staatspräsident MoïseBild: Joseph Odelyn/AP Photo/picture alliance

Nach jüngsten Informationen waren 26 Kolumbianer und zwei US-Amerikaner haitianischer Herkunft an der Ermordung des Präsidenten beteiligt. Davon seien 15 Kolumbianer und die zwei US-Männer festgenommen worden, hieß es seitens der haitianischen Polizei. Drei weitere Kolumbianer wurden demnach getötet und weitere acht sind auf der Flucht.  Die kolumbianische Regierung kündigte ihre Kooperation an.

Schon früh am Donnerstagmorgen hatte Interims-Premierminister Claude Joseph erklärt, einige der Mörder hätten spanisch gesprochen. Es kursierten Sprachaufnahmen, denen zufolge sich die Männer gegenüber Moïses Leibwächtern als Kommando der US-Antidrogenbehörde (DEA) zu erkennen gaben. Diese wies jegliche Verwicklung in den Vorfall zurück. Die US-Regierung unterhielt enge Beziehungen zu Moïse.

Ein Präsident mit vielen Feinden

Unklar ist weiterhin das Motiv des Mordes. Der Präsident selbst hatte vor kurzem erklärt, korrupte Oligarchen trachteten ihm nach dem Leben, nannte aber keine Namen. Die bunt zusammengewürfelte Opposition demonstriert seit vier Jahren gegen ihn. Angefacht wurden die Proteste aus Venezuela. Die dortige sozialistische Regierung, die mit Millionenhilfen nach dem Erdbeben von 2010 ihren Einfluss in Haiti ausgebaut hatte, sah in dem US-freundlichen Moïse einen Verräter. Zuletzt brachte Moïse einflussreiche Senatoren gegen sich auf mit einem Vorschlag, die Verfassung zu ändern und den Senat abzuschaffen.

Journalist Widmaier hält einen politisch motivierten Staatsstreichs jedoch für fraglich. Die Opposition sei kalt erwischt worden und habe keinen Plan gehabt. Einen ungünstigeren Moment als diesen für eine institutionelle Nachfolge hätten die Attentäter jedenfalls kaum finden können: Seit mehr als einem Jahr existiert kein gewähltes Parlament mehr, der Oberste Richter ist unlängst an COVID-19 gestorben und Premierminister Joseph, der nach dem Mord die Zügel in die Hand genommen, war eigentlich schon zurückgetreten, sein designierter Nachfolgeraber noch nicht offiziell vereidigt.

Ein Land im Strudel von Gewalt und Mafia

Neben politischen Gegnern könnten auch kriminelle Banden hinter dem Mord stecken. Sie machen seit Jahresbeginn Port-au-Prince unsicher und bekriegen sich gegenseitig; UN-Mitarbeiter sprechen von einer "Stadtguerilla". Dem wichtigsten Bandenchef, Jimmy Chérizier alias Barbecue, wurden Verbindungen zum Präsidentenpalast nachgesagt -  unlängst drohte er mit der Machtübernahme. Seine Gegner sollen im Sold von Oppositionspolitikern stehen.

Haiti | Ermordung Präsident Jovenel Moise
Wer übernimmt die Nachfolge von Jovenel Moïse? Präsidentenpalast in Port-au-PrinceBild: Valerie AFP/Getty Images

Gewalt ist in Haiti ein Teil der Politik, schon die Diktatorenfamilie Duvalier unterhielt gefürchtete Todesschwadronen. In den vergangenen Wochen war der Bandenkrieg eskaliert - mehr als 150 Menschen starben alleine im Juni, rund 14.000 sind vor den Auseinandersetzungen geflohen. Möglicherweise seien die Banden außer Kontrolle geraten, mutmaßt Politikwissenschaftler Joseph: "Niemand konnte sich noch sicher fühlen."

Den Präsidenten hingerichtet

Die dritte Hypothese zu den Hinterleuten ist eine Abrechnung unter Mafiosi. Darauf deuten erste Ergebnisse der Autopsie hin, wonach Moïse mit gut einem Dutzend Kugeln hingerichtet wurde. Außerdem seien seine Hände und Arme gebrochen und seine Augen ausgekratzt worden, meldete der Sender Amérique Info unter Berufung auf den Friedensrichter Carl Henry Destin. "Moïse hatte viele Feinde", analysiert Widmaier. Darunter Unternehmer wie die Familie Vorbe, deren Energiebetrieb von der Regierung beschlagnahmt wurde. Auch andere Geschäftsleute der Oberschicht seien wegen Korruption und Unterschlagung ins Visier der Justiz geraten. Moïse selbst stand im Verdacht der Geldwäsche.

Joseph zeigte sich besorgt über das Abgleiten Haitis in einen Mafiastaat. "Diese Gewaltspirale muss endlich aufhören. Wir müssen lernen, unsere Konflikte friedlich zu lösen", fordert der Trainer am Karibischen Zentrum für Gewaltfreiheit und nachhaltige Entwicklung (CCNGD).