Guez, Houellebecq, Eribon: Franzosen als Welterklärer der Deutschen | Bücher | DW | 17.08.2018
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Bücher

Guez, Houellebecq, Eribon: Franzosen als Welterklärer der Deutschen

Rechtsruck, Islamisierung, Digitalisierung. Es sind französische Autoren, die derzeit die scharfen Gesellschaftsanalysen abliefern. Neu im Reigen ist Olivier Guez und sein Buch "Das Verschwinden von Josef Mengele".

Olivier Guez französischer Journalist und Schriftsteller (picture-alliance/NurPhoto/M. Stoupak)

Olivier Guez wurde für sein Buch mit dem Literaturpreis "Prix Renaudot" ausgezeichnet

Was für ein Buch, was für ein düsteres Thema. Der französische Schriftsteller Olivier Guez hat sich drei Jahre lang mit den Recherchen zu seinem Faktenroman "Das Verschwinden von Josef Mengele" beschäftigt. Er hat dafür Spurensuche betrieben in Argentinien und in Paraguay, er ist nach Brasilien und nach Günzburg in Bayern gereist. Josef Mengele war - wie unzählige andere Nazi-Größen nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 - nach jahrelangem Versteck 1949 in die Neue Welt geflohen.

Guez rekonstruiert das Leben des berüchtigten Nazi-Arztes, der in Auschwitz unvorstellbar brutale Menschenversuche durchführte und für seine Morde nie belangt wurde. Von dieser Geschichte eines Unverbesserlichen, eines Ewiggestrigen, der im Exil auf andere Nazi-Schergen trifft und sich mühelos eine neue Existenz aufbaut, zum Teil mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland, erzählt Guez. Dafür schlägt er einen beinahe schockierend nüchternen Tonfall an und schreibt in einer schnörkellosen Sprache, wie man sie sich für eine solche Geschichte nicht passender vorstellen könnte.

Josef Mengele – ein Nazi lebenslang

Der Roman ist ein Faustkampf mit einem eiskalten Monster, das auch in Lateinamerika nicht zur Einsicht kommt, dem es gelingt, unbeobachtet durch die Maschen der Justiz zu rutschen. Und er ist dabei kein Einzelfall.

Josef Mengele - Die Jagd nach einem Nazi-Verbrecher (Java)

Der KZ-Arzt Josef Mengele

Guez' Roman ist die Biographie eines perversen Schlächters, der als 32-Jähriger auf eigenen Wunsch nach Auschwitz kommt, um dort seine Experimente durchzuführen. "Das Verschwinden von Josef Mengele" ist aber auch ein Buch, das von der Gegenwart erzählt. Denn gerade jetzt, wo Grundfeste des Zusammenlebens in Europa ins Wanken geraten, zeigt es, wie anfällig der Mensch ist, wie verführbar und nachlässig, wenn es darum geht, moralisch standhaft zu bleiben. So ein hellsichtiges Buch ist in Deutschland derzeit eher selten zu finden.

Wohl auch wegen dieses Mangels an charismatischen Welterklärern läuft der Import französischer Gesellschaftsanalysen auf Hochtouren. Nicht nur im Fußball, auch in der Literatur haben die Franzosen den Deutschen den Rang abgelaufen. Vive la France.

Bestsellerautoren: Houellebecq, Eribon, Louis

Die Texte des provokativen Superstars der französischen Szene, Michel Houellebecq, sind so begehrt, dass sie ausschließlich von deutschen Regisseuren verfilmt oder, wie etwa in Hamburg, im stets ausverkauften Haus als Theaterstück auf die Bühne gebracht werden. Im Schauspielhaus der Hansestadt sahen mehr als 70.000 Fans den Schauspieler Edgar Selge in der Rolle des flatterhaften Frauenhelden und Endzeitpropheten Francois, der sich von den Vorzügen des Islams locken lässt.

Schriftsteller Michel Houellebecq (picture alliance/dpa/epa/H. Ortuno)

In Frankreich umstritten, hierzulande verehrt: Michel Houellebecq

Die Autofiktion "Rückkehr nach Reims" des Soziologen Didier Eribon ist eine autobiographische Reise in die Kindheit in einem Armen-Vorort der nordfranzösischen Stadt. Eribon versucht in seinem Erfolgstext herauszufinden, warum ehemals Linke jetzt Front National wählen. "Rückkehr nach Reims" verkauft sich in Deutschland nicht nur in Buchform blendend. Lesungen sprengen normale Saalgrößen und finden in großen Arenen statt, die Inszenierung von "Rückkehr nach Reims" durch Theaterregisseur Thomas Ostermeier wurde beim Theaterfestival in Manchester uraufgeführt.

Theater holen Franzosen auf die Bühne

Seitdem läuft auch dieses Stück nicht nur an der Berliner Schaubühne, sondern auch in anderen Städten von Bielefeld bis Kiel. Auch das Kölner Schauspielhaus scharrt mit den Hufen und will das Buch in der nächsten Spielzeit auf die Bühne bringen. Chefdramaturgin Beate Heine sieht darin ein Schlüsselwerk zum Verständnis der gesellschaftlichen Gegenwart. "Frankreich hat durch die 'Dynastie Le Pen' schon viel länger Erfahrung mit dem Rechtsruck als wir", sagt sie. "Und das ist vielleicht auch ein Grund dafür, dass wir rüberschauen und gucken, wie analysieren die Franzosen diese Entwicklung eigentlich."

Suche nach Antworten in Frankreich

Didier Eribon verkörpert für die Deutschen eine Art "seherischen Deuter", und er scheint für viele eine perfekte Projektionsfläche zu sein, sehr zum Erstaunen der Franzosen. Der an der Universität Sorbonne lehrende deutsche Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte kann über den Erfolg Eribons in Deutschland nur den Kopf schütteln. "Wir wundern uns sehr", sagt er auf die Frage, wie Frankreich den Erfolg des Soziologen wahrnimmt.

Didier Eribon französischer Autor und Soziologie (picture-alliance/dpa/U. Baumgarten)

Auch Didier Eribon ist in Deutschland sehr erfolgreich

Und er erzählt von einer Sitzung, in der er mit einer Gruppe von Übersetzern, Universitätsleuten und Verlegern drüber nachgedacht habe, wie man französische Bücher in Deutschland unterstützen könne. "Irgendwann ist der Name Eribon und 'Rückkehr nach Reims' gefallen und alle verdrehten die Augen. Damit war der Fall schnell erledigt", sagt er. "Das ist eben eine von diesen Verschiebungen, die wir im Deutschfranzösischen andauernd haben." 

Interkulturelle Missverständnisse?

Ein anderes Beispiel für so eine "Verschiebung" sieht Ritte in der Begeisterung der Deutschen für den Provokateur Michel Houellebecq. Seinen Romanen, wie zuletzt "Unterwerfung", attestieren sie geradezu prophetische Qualitäten. Die Geschichte von der Islamisierung der französischen Gesellschaft im Jahr 2022 fand sogar so viel Zuspruch, dass der TV-Sender ARD das Stück unlängst mit Spielszenen versetzt zur besten Sendezeit ausstrahlte.

Theaterstück Unterwerfung von Michel Houellebecq (picture-alliance/dpa/M. Scholz)

Edgar Selge wurde 2016 für seine Darstellung in "Unterwerfung" zum Schauspieler des Jahres gewählt

Houellebecq und die Deutschen? Jürgen Ritte versteht die Welt nicht mehr. In seiner französischen Wahlheimat gelte der Autor als schwierig und bestenfalls als Skandalnudel. "Der Islam ist die blödeste Religion, die ich kenne. Wenn Sie das als deutscher Autor öffentlich sagen würden, dann ist Schluss", sagt er. In Frankreich habe sich Houellebecq mit seinem Verhalten sehr geschadet. "Die Franzosen halten ihn für einen Spinner, der vielleicht ein bisschen zu viel trinkt."

Unzählige weitere Beispiele ließen sich anführen. Der 26-jährige Schriftsteller Édouard Louis, übrigens ein Ziehkind von Eribon, ist gerade überraschend Ehrenprofessor an der Freien Universität Berlin geworden. Seine autobiographischen Bücher "Das Ende von Eddy" und "Im Herzen der Gewalt", beide 2014 und 2017 auf Französisch und gleich darauf auf Deutsch erschienen, haben sich zu Geheimtipps entwickelt. Inzwischen sind auch sie als Theaterstücke auf deutschen Bühnen landauf landab gefragt. Virginie Despentes ist mit ihrer Roman-Trilogie "Vernon Subutex" die nächste angesagte französische Autorin, auf die sich alle stürzen werden. Nicht nur das Schauspielhaus Köln kann es kaum erwarten, die Geschichte des arbeitslosen Plattenverkäufers Vernon Subutex zu theatralisieren.

Bildergalerie Buchcover

Französische Bestseller

Die französischen Intellektuellen haben schon eine Revolution angezettelt

Welche Erklärung hat unsere Begeisterung für die französischen Intellektuellen? Frankreich gilt den Deutschen als "Patrie des Intellectuels", als Vaterland der Intellektuellen. Schließlich haben einst die Schriftsteller Voltaire, Diderot und Rousseau mit ihren kritischen Texten die Aufklärung gebracht. Ihr politisches Engagement hat sogar eine Revolution und das Ende der Monarchie herbeigeführt. Für die Deutschen sind sie Helden, deren Nimbus bis heute die Grande Nation umflort. Frankreich sei uns ein "ferner Spiegel, in dem wir unsere eigene Geschichte stärker konturiert, aber zugleich etwas ungefährlicher sehen", sagt Jürgen Ritte. Denn: "Es geht ja nicht um uns selbst."

Die Deutschen scheinen jedenfalls den großen Trend zur Gesellschaftsanalyse verschlafen zu haben und suchen jetzt jenseits des Rheins nach Antworten. Dabei erliegen wir zwar einigen kulturellen Missverständnissen und verklären manch eines der französischen Werke - doch das sollte uns nicht davon abhalten, so erhellende und notwendige Bücher wie "Das Verschwinden des Josef Mengele" zu lesen.

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