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Größer, teurer, sportlicher - wie der eSport wächst

Niklas Potthoff
26. August 2019

Der eSport gewinnt jährlich zahlreiche Spieler und Zuschauer. Alles wird professioneller. Auch die Bedeutung der Sportsimulationen nimmt zu, wie FIFA-Weltmeister Mohammed Harkous am eigenen Leib auf der Gamescom spürt.

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Deutschland Computerspielemesse Gamescom 2019 in Köln
Bild: Getty Images/L. Schulze

Mohammed Harkous, alias "MoAuba", kann sich kaum frei bewegen. Zumindest nicht auf der Gamescom. Die weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele lockt inzwischen über 350.000 Besucher in die Kölner Messehallen. Jedes Jahr werden es mehr. Viele von ihnen erkennen Harkous, halten ihn an, bitten um Selfies. Er ist ein Star des Events: Vor ein paar Tagen hat sich der 22-jährige in London zum Weltmeistertitel gespielt - in der Sportsimulation FIFA. Harkous ist professioneller eSportler - und spielt für die eSport-Abteilung des SV Werder Bremen.

"MoAuba" gewinnt eSports-FIFA-WM in London (picture-alliance/dpa/Imaginechina/D. Zhenjie)
Mohamed "MoAuba" Harkous nach dem Gewinn der eSports-FIFA-WM in London.Bild: picture-alliance/dpa/Getty Images/FIFA/L. Walker

Immer mehr Fußballvereine haben sich in den letzten Jahren schließlich eine eigene Abteilung für den eSport zugelegt - und nehmen damit Teil an der zunehmenden Professionalisierung des eSports. Als Vorreiter gilt dabei immer noch der FC Schalke 04. Einer der wenigen Sportvereine, der seine eSport-Aktivitäten nicht nur auf Sportsimulationen beschränkt. Die Königsblauen betreiben auch ein Team für das populäre Spiel League of Legends (LoL). Während sich die erste LoL-Mannschaft in Berlin auf den Auftakt der European-Championship-Playoffs vorbereitet, ist eine Nachwuchsmannschaft auf der Gamescom vertreten: die "FC Schalke 04 Academy". Es ist das erste Jahr, dass der Verein sich im Nachwuchsbereich versucht.

Deutschland Computerspielemesse Gamescom 2019 in Köln
Besucher der Gamescom probieren die neueste Version des beliebten "League of Legends"-Spiels aus.Bild: Getty Images/L. Schulze

"Wir sind da natürlich noch in den Anfängen", sagt Tim Reichert. Er ist der "Chief Gaming Officer" des Vereins. Der ehemalige Fußballprofi ist seit über zwanzig Jahren auch im eSport-Business aktiv. 1997 gründete er zusammen mit seinen Brüdern die Organisation SK Gaming, eine der ältesten und erfolgreichsten eSport-Organisationen der Welt. Zusammen mit hochrangigen Politikern hat Reichert als Vertretung des FC Schalke 04 in diesem Jahr die Gamescom eröffnet. Eine derart prominente Rolle hatte noch kein traditioneller Sportverein bei der Messe gespielt.

Tausende in den Hallen, Millionen über Streams

Für die größten Events sorgen Spiele wie der Taktik-Shooter Counter-Strike oder Titel wie Dota und LoL. Die Sportsimulationen, allen voran FIFA und Pro Evolution Soccer, versuchen aufzuholen: "FIFA hat sich extrem gemacht in den letzten Jahren, vor allem weil die Fußballvereine da sind. Ich würde mich freuen, wenn FIFA auch mal große Hallen vollkriegt", sagt Weltmeister Harkous. Die Zahlen geben ihm Recht: 47 Millionen Menschen haben in Online-Streams die Finals des FIFA eWorld Cup in London verfolgt und damit 18 Millionen mehr als im Vorjahr. Über die gesamte Saison hinweg waren es nach Angaben der FIFA mehr als 140 Millionen Zuschauer. Doch noch ist es ein Stück bis zu den Platzhirschen unter den Games: Allein beim WM-Finale von League of Legends 2018 schätzten die eSport-Charts die Zuschauerzahlen auf über 70 Millionen weltweit. Immer mehr Vereine bauen immer professionellere Strukturen auf, immer mehr überwiegend junge Menschen verfolgen das Geschehen.

Gamescom 2018 Köln
Wer zur Gamescom geht, muss schon am Eingang Geduld mitbringen.Bild: picture-alliance/dpa Themendienst/H. Kaiser

Auch auf der Gamescom schauen sich viele Besucher vor Ort die Events der verschiedenen Spieltitel an. Selbst im populären Landwirtschaftssimulator 19, bei dem Spieler einen Bauernhof verwalten, treten Spieler auf der Messe gegeneinander an, ansonsten warten Meisterschaftsentscheidungen bei Counter-Strike oder LoL. Ein Sponsor verteilt aufblasbare Klatschstäbe auf den Sitzen, damit die Zuschauer ihr Team anfeuern können. Auf einer Bühne platzieren sich die Spieler der Teams vor den Bildschirmen. Kommentatoren analysieren die Spielzüge der Teams, besonders gelungene Aktionen werden mit Applaus des Publikums honoriert.

Die richtige Ernährung und der Faktor Schlaf

In diesem Jahr ist auch eine große deutsche Krankenkasse als Gesundheitspartner auf der Gamescom. Man betont die Bedeutung der körperlichen Fitness, der richtigen Ernährung. Auch für die Spieler hat sich viel geändert. "Es wird von Jahr zu Jahr professioneller", sagt Reichert. "Themen wie gesunde Ernährung, die Bedeutung von Schlaf und eine ausgewogene Work-Life-Balance", würden immer wichtiger für die Spieler.

Doch vieles ist derzeit noch in Bewegung. FIFA-Weltmeister Harkous beobachtet die körperlichen Auswirkungen des eSports bei sich selbst: "Wenn ich drei Tage lang bei der WM spiele nehme ich sechs Kilo ab, obwohl ich viel esse. Ich weiß nicht, warum. Das kann mir auch keiner erklären." Er ist gespannt darauf, welche Aspekte für die Vorbereitung der Spieler wichtig werden könnten: "Das ist eine Marktlücke. Ich glaube viele sind da gerade dran."

Immer höhere Preisgelder

Eine durchdachte Vorbereitung kann sich für die Spieler extrem lohnen. Die Verträge bei den Vereinen werden gut honoriert - und mit der immer höheren Aufmerksamkeit für bestimmte Spieltitel gehen auch immer höhere Preisgelder einher. Harkous WM-Titel brachte ihm rund 250.000 Dollar ein. Ein kleiner Betrag im Vergleich zu dem, was bei den ganz großen Games der Szene zu gewinnen ist. Erst am Wochenende kam es zur Entscheidung in der Weltmeisterschaft für Dota: Bei "The International" in Shanghai wurde die Rekordsumme von 30,7 Millionen Euro Preisgeld ausgeschüttet. Das europäische Team OG verteidigte seinen Titel und gewann 14 Millionen Euro.

DOTA-WM in Shanghai (picture-alliance/dpa/Getty Images/FIFA/L. Walker)
Das Team "OG" feiert in Shanghai die Titelverteidigung bei der Dota-WM.Bild: picture-alliance/dpa/Imaginechina/D. Zhenjie

Bei einem Sport, der begeistert, und der viele Zuschauer anziehe, werde immer viel Geld fließen, sagt Schalkes eSport-Chef Reichert. Er denkt, dass sich in den nächsten Jahren weitere Sportvereine verstärkt dem eSport widmen werden: "Je größer der eSport wird, desto unausweichlicher wird es für Sportvereine. Vor allem für die, die sich das Thema Internationalisierung und Markenerweiterung auf die Fahne schreiben." Beim FC Schalke 04 gehen sie auch dort voran. Das LoL-Team kam vor wenigen Tagen erst von seiner ersten Asienreise zurück. Die größten Märkte für den eSport sind nach wie vor China und Südkorea.

"MoAuba" vor ungeklärter Zukunft

Mohammed Harkous hat auf der Messe viele Termine. Er testet die neue FIFA-Version, die bald erscheint, trifft sich mit wichtigen Figuren der Szene und bestreitet ein Showmatch - zwei ausgewählte Gegner aus dem Publikum dürfen sich mit dem Weltmeister an der Konsole messen. Danach gibt es Selfies für die Fans. Vor wenigen Tagen hat Harkous auf seinen sozialen Kanälen den Fans mitgeteilt, dass er seinen Vertrag bei Werder Bremen nicht verlängern wird. Wohin er wechselt, will er auf der Messe nicht beantworten. Mit immer mehr Mannschaften, die in den Markt einsteigen wollen, dürfte es an Angeboten nicht mangeln.