Großer Sprung des kleinen Nimmersatt | Sport | DW | 04.09.2013
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Sport

Großer Sprung des kleinen Nimmersatt

Markus Rehm ist unbestritten der beste Weitspringer der Welt - mit Prothese. Der Paralympics-Sieger und Weltmeister hat einen Fabelweltrekord aufgestellt und träumt schon vom nächsten großen Coup.

18. Oktober 1968: Der US-Amerikaner Bob Beamon springt bei den Olympischen Spielen 8,90 weit. In Mexikos Höhenluft verbessert der erst 22jährige die alte Bestmarke um 55 Zentimeter. Knapp 45 Jahre später überrascht eine ähnliche Leistung die Sportwelt: Am 24. Juli 2013 schafft der oberschenkelamputierte Weitspringer Markus Rehm aus Leverkusen 7,95 Meter. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behindertensportler in Lyon in Frankreich verbessert er damit den eigenen Weltrekord um sage und schreibe 41 Zentimeter.

"Ich war einfach sprachlos", räumt der 24jährige heute ein. Doch während Bob Beamon - geradezu geschockt von seiner Traumweite - nie wieder an die legendären 8,90 Meter herankam, fühlt sich Markus Rehm keineswegs am Ende der Fahnenstange. Für 2014 hat der 1,85-Meter-Mann ein neues Ziel. "Die Acht vor dem Komma!", sagt Rehm und fügt verschmitzt hinzu: "Ich bin eben ein kleiner Nimmersatt."

Der Unfall, der alles änderte

Schon in jungen Jahren zeigte Rehm als Wassersportler großen Ehrgeiz - bis zu seinem Unfall. 2003 fuhr der damals 14-Jährige auf dem Main bei Bad Kissingen Wakeboard. Nach einem Fehler bei einem Sprung stürzte er ins Wasser und wurde - völlig schuldlos - von einem Motorboot überfahren. Rehms rechter Unterschenkel geriet in die Schiffsschraube und musste amputiert werden. Es folgte eine schwere Zeit im Krankenhaus. Verwandte und Freunde schickten Rehm Sportvideos ins Krankenhaus, um ihn aufzumuntern: "Da habe ich gesagt: Ja, das möchte ich wieder machen, Wakeboard fahren, Sport treiben."

Über den Sport zum Beruf

Markus Rehm (l.) erklärt Bundeskanzlerin Merkel Prothesen-Technik. Foto: dpa

Markus Rehm (l.) erklärt Bundeskanzlerin Merkel Prothesen-Technik

Dank seiner Prothese konnte er sein Leben als Sport-Allrounder fortsetzen: Er ging wieder snowboarden, wurde deutscher Wakeboard-Vizemeister. Rehm klettert. Und er ist ein vorzüglicher Sprinter. Als Rehm über seinen künftigen Beruf nachdachte, regten ihn seine eigenen Prothesen an. Weil er anfangs einen großen Prothesenverschleiß hatte, verbrachte der Sportler viele Stunden beim Orthopädietechniker. Der, so Rehm, habe ihn eines Tages gefragt, ob er nicht mal ein Praktikum bei ihm machen wolle? Gesagt, getan. Rehm absolvierte eine komplette Ausbildung. 2009 schloss er die Gesellenprüfung ab - als Landesbester. Kurz vor den Paralympics 2012 in London bestand er die Prüfung zum Orthopädietechnik-Meister. "Es ist spannend, den ganzen Menschen zu sehen", sagt Rehm. "Ich hole ihn quasi am Krankenhaus ab und versuche, ihm nach einem Schicksalsschlag wieder auf die Beine zu helfen." In einem Gesundheitszentrum nahe Köln berät er Prothesenträger, meist Nicht-Sportler, die auf der Suche nach der besten Alltagsprothese sind.

Ziel: Acht Meter

Dank seiner Halbtagsstelle kann Rehm sehr viel Zeit ins Training investieren. Für 2014 hat er sich den ersten Acht-Meter-Sprung eines Behindertensportlers vorgenommen. Nur fünf Zentimeter weiter als bisher, das sollte doch gehen. Andererseits müsste wieder sehr viel zusammenpassen - wie beim Weltrekord in Lyon: Angenehme Wärme, leichter Rückenwind, Rehm traf den Absprungbalken perfekt und verschenkte nichts. Rehm ist ein Sympathieträger, nicht erst seit den Paralympics 2012, als er in London mit der Weltrekordweite von 7,35 Meter Gold gewann. Viele würden ihm gönnen, jetzt die Traumgrenze von acht Metern zu überwinden.

Einer von Rehms Sprüngen bei den Paralaympics 2012 in London. Foto: dpa-pa

Markus Rehm bei den Paralaympics 2012 in London

Start bei den Meisterschaften des DLV?

Genauso wichtig nimmt der Ausnahmespringer ein zweites Ziel: Rehm will im nächsten Jahr als erster deutscher Behindertensportler bei den Meisterschaften der Nicht-Behinderten starten. Die Besten mit zwei gesunden Beinen im Wettkampf mit einem Prothesenspringer? "Ich muss zugeben, das ist schwer zu vergleichen", sagt Rehm. Die Öffentlichkeit mache sich falsche Vorstellungen von den vermeintlichen Wunder-Prothesen: "Man holt nie mehr heraus, als man herein steckt. Da sind keine Motoren integriert."

Alte Diskussion neu geführt

Grundsätzlich begrüßt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Rehms Wunsch, bei den Deutschen Meisterschaften zu starten. Allerdings möchte DLV-Präsident Clemens Prokop vorher prüfen lassen, inwieweit das Springen mit Karbonprothesen möglicherweise doch Vorteile bringt. Davon hänge ab, ob der Prothesenspringer getrennt von den anderen Weitspringern gewertet werde oder offiziell im Feld teilnehmen dürfe. Im Grunde wiederholt sich damit die Diskussion, die vor fünf Jahren im Falle des Paralympics-Stars Oscar Pistorius geführt worden war.

Der Südafrikaner hatte bei den Olympischen Spielen 2008 im 400-Meter-Lauf starten wollen. Zunächst kam der Kölner Biomechanik-Professor Gert-Peter Brüggemann in einem Gutachten zu dem Schluss, dass Pistorius‘ Karbonstelzen ihm einen Vorteil verschafften. Doch wenig später gab der Internationale Sportgerichtshof (CAS) Pistorius grünes Licht für den Start bei Meisterschaften der Nicht-Behinderten, weil die Vorteile seiner Prothesen nicht eindeutig erwiesen seien.

Rehm kennt die Argumente beider Seiten. Er hofft auf lebhafte Debatten über Inklusion auch im Sport, würde jedoch für sein Startrecht keinen Prozess führen: "Man muss sich zusammensetzen und eine passende Lösung finden. Mir geht es letztlich um den Wettkampf - mit den besten Weitspringern."

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