Großbritanniens Gerichtsmediziner der Meere | Wissen & Umwelt | DW | 26.09.2018
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Wissen & Umwelt

Großbritanniens Gerichtsmediziner der Meere

Eine Obduktion bei verendeten Walen, Delfinen und Schweinswalen kann Aufschluss darüber geben, was in den Meeren der Welt passiert. Welche Rolle spielen Schadstoffe?

Der Tote ist zwischen einem und vier Jahren alt. Er liegt auf einem Metalltisch in einem kleinen, weiß gekachelten Mehrzwecklabor im Londoner Zoo. Er weist keine äußerlichen Verletzungen auf, was nahelegt, dass der Tod nicht gewaltsam herbeigeführt wurde. Eine erste Untersuchung deutet darauf hin, dass er unterernährt war, aber kürzlich noch Nahrung zu sich genommen hatte.

Das ist nicht der Anfang eines düster-surrealen nordischen Krimis, sondern stammt aus Aufzeichnungen über einen Gewöhnlichen Schweinswal - den häufigsten Vertreter der Familie der Wale im Vereinigten Königreich - der leblos an der Küste von Wales gefunden wurde.

Der tote Meeressäuger wird gerade im Rahmen des Cetacean Strandings Investigation Programme (CSIP) untersucht. Das von der britischen Regierung finanzierte Programm unter Verantwortung der Zoologischen Gesellschaft von London (ZSL) wurde 1990 gegründet.

Mithilfe eines Netzwerks von Partnerorganisationen und Freiwilligen werden Strandungen von Meeressäugern, Schildkröten und Riesenhaien entlang der Tausende Kilometer langen Küste des Landes erfasst.

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Durch die regelmäßige Obduktion etlicher Tiere erhoffen sich Forscher, in diesem Fall die Biologen Rob Deaville und Matt Perkins, Hinweise auf die Anzahl und Verteilung von Meeressäugern sowie auf Schadstoffe und andere Faktoren, die die Gesundheit der Tiere beeinflusst haben.

Großbritannien Delphin-Autopsie (Greg Norman)

Viele der Werkzeuge, die die Forscher verwenden, sind viel alltäglicher als das, was man in der US-Krimiserie sieht.

"Aus einer Strandung pro Jahr lernt man nicht viel. Aber bei 15.000 Strandungen, 4000 Obduktionen, da entsteht ein ganzes Archiv von Informationen, das auch international bedeutsam ist", sagt Deaville über die ungefähre Zahl der Untersuchungen seit CSIP ins Leben gerufen wurde. "Ein einzelnes Tier fügt sich in einen größeren Kontext."

'Hauptgeschäft'

Bei der Abkürzung CSIP und der umfassenden wissenschaftlichen Arbeit, die die Gruppe leistet, drängt sich das Hashtag CSIoftheSea ("CSIderSee") geradezu auf. Aber die Werkzeuge, die sie verwendet, sind weniger hoch entwickelt als die, die in den beliebten US-Krimiserien zu sehen sind.

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"Es gibt auch teurere", sagt Deaville, während er eine Gartenschere über dem leblosen Schweinswal hin- und herschwingt, "aber die hier sind mehr als ausreichend für den Job."

Der Schweinswal wurde erst kürzlich aus dem Tiefkühler geholt und sein überwältigender Gestank füllt den kleinen Raum, in dem auch ein Skalpell, eine Eisensäge und der bedrohlich wirkende "Brain Bucket" ("Gehirn-Eimer") auf ihren Einsatz warten.

Für Deaville und Perkins ist das Alltag. Zusammengenommen arbeiten sie seit mehr als 25 Jahren bei der ZSL und haben mehr als 1000 Obduktionen im Labor oder, im Fall von großen Meeressäugern, vor Ort durchgeführt.

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Global Ideas, Wale (CSIP-ZSL)

Bei größeren Tieren, wie diesem Finnwal, arbeiten die Forscher am Strand statt im Labor.

Aber fast die Hälfte der durchschnittlich 600 bis 700 Strandungen, die jährlich im Vereinigten Königreich registriert werden, entfallen auf die kleineren Schweinswale. Daher nennt Deaville die Gewöhnlichen Schweinswale auch das "Hauptgeschäft" von CSIP.

"In vielerlei Hinsicht sind sie wie die Kanarienvögel in der Kohlemine, die uns Auskunft darüber geben, was im Wasser passiert", erklärt er. Die Tiere sind also eine Art Frühwarnsystem.

Nicola Hodgins, Leiterin des Forschungsbereichs bei der TierschutzorganisationWhale and Dolphin Conservation (WDC), sagt, CSIP biete "eine der wenigen Möglichkeiten," wirklich etwas über Wale, Delphine und Schweinswale zu lernen.

"Man kann sich ein Bild machen, möglicherweise die Lebensgeschichte rekonstruieren. Man kann das Alter bestimmen, ob die Tiere fortpflanzungsfähig waren und und wie viele Schadstoffe sie aufgenommen haben. Wir lernen so viel durch dieses Programm", sagt sie.

Warum und wer

Trotz allem ist es nicht immer möglich zu ermitteln, warum ein Tier gestrandet ist. Das Phänomen an sich gibt es schon seit Menschengedenken.

"Wenn Tiere stranden, wollen die Leute immer wissen 'warum' und sie wollen wissen, wer schuld daran war, aber es gibt nicht immer einen Schuldigen", sagt Deaville.

Großbritannien Delphin-Autopsie (Greg Norman)

Nicht immer ist klar erkennbar woran ein Meeressäuger gestorben ist, trotzdem hilft jede Obduktion dabei, mehr über die Tiere zu lernen.

"Es wäre schön, sagen zu können: 'Dieser Schweinswal ist gestorben, weil er von einem Boot gerammt wurde, und dieser ist an Altersschwäche gestorben'", sagt auch Hodgins. "Manchmal kann man es einfach nicht erkennen. Das Tier sieht vielleicht völlig gesund aus. Ein Bild ergibt sich daher erst mit der Zeit."

Anfang 2016 wurden einige Küstenstreifen in England, den Niederlanden und Deutschland zu regelrechten Walfriedhöfen, als 30 riesige junge Pottwale dort strandeten.

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Eine so große Zahl von Tieren einer Art, die in der Nordsee eigentlich nicht verbreitet ist, war höchst ungewöhnlich. Untersuchungen und Obduktionen wurden durchgeführt und man fand große Mengen Plastik und Müll in den Mägen der Wale.

"Die Belastung der Tiere durch Plastik, Meeresmüll oder Schadstoffe hat uns wirklich überrascht", sagt Ursula Siebert, die Leiterin des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) an der Universität Hannover. Ihr Team hatte die Pottwale in Deutschland untersucht.

"Wir konnten keine Verletzungen damit in Zusammenhang bringen, die für die Tiere hätten tödlich sein können, aber es wurde als Warnung verstanden, denn es zeigte, wie viel Meeresmüll die Tiere auf der Suche nach Nahrung oder einfach beim Herumschwimmen aufnehmen."

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Ein neuerer und ebenfalls rätselhafter Fall war die Entdeckung von 58 toten Walen, in erster Linie Cuvier-Schnabelwale, an der Westküste von Schottland und Irland.

Zahlen des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) zeigen, dass in den letzten vier Wochen mehr Tiere dieser scheuen tief-tauchenden Walart gestrandet sind, als im gesamten letzten Jahrzehnt.

"Wir haben etwa sechs oder sieben der gestrandeten Wale untersucht", sagt Hodgins. Die meisten hätten ausgesehen, wie ein großer Haufen Walfischspeck und seien kaum als Wale erkennbar gewesen - abgesehen vom Geruch.

"Es ist äußerst ungewöhnlich, dass so viele Tiere stranden. Das ist einfach nicht normal. Irgendwas ist da draußen im Meer passiert, wir müssen nur herausbekommen was."

Keine eindeutige Diagnose

Zurück zu dem jungen Schweinswal im Labor, der inzwischen in mehrere blutige Teile zersägt worden ist. Es mag ein grausiger Anblick sein, aber langsam ergeben sich Auffälligkeiten in seinen drei Mägen und seiner Lunge.

Letztere hebt Deaville hoch und stellt fest, dass der linke Lungenflügel pinkfarben, der rechte aber viel dunkler ist, ähnlich der Farbe einer menschlichen Leber. Das ist ein Anzeichen für eine Hypostase, bei der das Blut nach unten in den Lungenflügel durchgesickert ist, während der gestrandete Schweinswal auf seiner rechten Seite liegend starb.

Durch weitere Tests entdeckten die Forscher einen Pilzbefall der Lunge: Das junge Männchen könnte einfach an einer Infektion gestorben sein. Aber auch wenn nicht restlos geklärt werden kann, woran es gestorben ist, wird seine Geschichte trotzdem zur großen Geschichte der Meere beitragen.

 

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