Großbritannien beschuldigt Putin nach Gift-Attentat persönlich | Aktuell Welt | DW | 16.03.2018
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Diplomatische Krise

Großbritannien beschuldigt Putin nach Gift-Attentat persönlich

Nach dem Giftanschlag auf einen Ex-Spion nimmt der britische Außenminister Boris Johnson nun Russlands Präsidenten Wladimir Putin direkt ins Visier. Die Konfrontation zwischen London und Moskau verschärft sich.

Großbritannien Außenminister Boris Johnson (Getty Images/T. Akmen-WPA)

Sucht den Schuldigen ganz oben: Londons Chefdiplomat Johnson (hier im Battle-of-Britain-Bunker in Uxbridge)

Die Entscheidung für die Tat sei "höchstwahrscheinlich" vom russischen Präsidenten Wladimir Putin selbst getroffen worden, sagte Johnson. Der Zorn Londons richte sich gegen den Kreml, nicht gegen das russische Volk, sagte Johnson im britischen Uxbridge.

Johnson kündigte derweil in einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an, internationalen Fachleuten eine Untersuchung des bei dem Anschlag eingesetzten Nervengifts ermöglichen zu wollen. Polizei und Regierung würden daran arbeiten, der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) "die Möglichkeit zu geben, unsere Analyse von unabhängiger Seite zu überprüfen", schrieb Johnson.

Wut in Moskau

Der Kreml reagierte prompt und wies die Vorwürfe zurück. "Jeder Verweis oder eine Erwähnung unseres Präsidenten in diesem Zusammenhang ist nichts anderes als eine schockierende und unverzeihliche Verletzung der diplomatischen Anstandsregeln", sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow der Agentur Tass zufolge. Russland habe "auf verschiedenen Ebenen mehrfach erwähnt", dass das Land "nichts mit dieser Geschichte zu tun" habe, so Peskow weiter.

Russland hat derweil selber Ermittlungen wegen der "versuchten Ermordung" der Tochter des ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal aufgenommen. Die Untersuchung sei am Freitag eröffnet worden, teilte das russische Ermittlungskomitee in Moskau mit. 

Lawrow will Opfer befragen lassen

Außenminister Sergej Lawrow hatte zuvor erklärt, er hoffe auf eine Aussage des Opfers Skripal. "Warum fragen wir nicht einfach den Betroffenen selbst, wenn es ihm hoffentlich besser geht?", sagte Lawrow in Astana. "Wahrscheinlich kann er am ehesten Aufschluss über vieles geben, was an jenem Tag passiert ist, als die Tragödie geschah." Die Ärzte rechnen allerdings nicht damit, dass Skripals Zustand sich verbessern wird.

Sergei Wiktorowitsch Lawrow (Getty Images/AFP/J. Makovec)

Russlands Außenminister Sergej Lawrow weist alle Vorwürfe zurück

Die britische Regierung hatte nach dem Attentat auf Skripal und dessen Tochter unter anderem die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten angeordnet. Lawrow erklärte nun, dass Moskau auch britische Diplomaten ausweisen werde. Details nannte Lawrow zunächst nicht. Der Kreml merkte jedoch an, dass dies noch vor der Präsidentenwahl am Sonntag geschehen könne. Es könne jeden Moment soweit sein, sagte Peskow.

Mit demonstrativer Geschlossenheit hatten sich Deutschland, Frankreich und die USA  am Donnerstag hinter Großbritannien gestellt. Am Freitag sicherte zudem der australische Premierminister Malcolm Turnbull der britischen Premierministerin Theresa May in einem Telefonat seinen Rückhalt zu, wie die britische Regierung mitteilte.

Auch die NATO hat nach eigenen Angaben keine Zweifel daran, dass Moskau für den Nervengift-Anschlag verantwortlich ist. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte trotzdem vor einer Isolierung Russlands. "Wir wollen keinen neuen Kalten Krieg, wir wollen keinen neuen Rüstungswettlauf", sagte Stoltenberg dem britischen Sender BBC. "Russland ist unser Nachbar, deswegen müssen wir uns weiter für verbesserte Beziehungen zu Russland einsetzen." Stoltenberg wiederholte allerdings auch, dass er nicht an den Schlussfolgerungen der britischen Regierung in dem Fall zweifle. 

Mazedonien NATO Generalsekretär Jens Stoltenberg in Skopje (picture-alliance/abaca/AA/A. Fazlagikj)

NATO Generalsekretär Jens Stoltenberg

Der Chef der oppositionellen Labour-Partei in Großbritannien, Jeremy Corbyn, warnte dagegen vor einer vorschnellen Verurteilung Russlands. Auch mafiaähnliche Banden in Russland könnten für die Tat verantwortlich sein, sagte er in Interviews. Ein "neuer Kalter Krieg" müsse verhindert werden. Für seine Äußerungen wurde Corbyn auch in der eigenen Partei kritisiert.

Kein deutscher WM-Boykott

Trotz der Kluft zu Moskau lehnt die neue Bundesregierung nach eigenem Bekunden einen Boykott der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM im Sommer in Russland ab. Davon halte sie nichts, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es gehe jetzt um eine rasche Aufklärung des Anschlages - sie hoffe, dass sich Russland an dieser Aufklärung beteilige. Merkel würdigte ausdrücklich, dass die britische Regierung dazu das verwendete Gift zur Verfügung stelle. Großbritannien hatte seinerseits angekündigt, dass Regierungsvertreter und Mitglieder des Königshauses nicht zur Fußball-WM reisen werden.

Gift im Koffer versteckt?

Skripal (66) und seine Tochter Yulia (33) kämpfen seit mehr als zwei Wochen in einer Klinik um ihr Leben. Sie waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Stadt Salisbury entdeckt worden. Nach britischen Angaben wurden sie Opfer des Nervengifts Nowitschok, das in der Sowjetunion entwickelt worden war.

Das für den Anschlag auf Skripal verwendete Nervengift könnte nach einem Medienbericht im Koffer von dessen Tochter versteckt gewesen sein. Davon gingen Geheimdienstkreise aus, berichtete die britische Zeitung "The Daily Telegraph" ohne eindeutige Quelle. Die extrem gefährliche Substanz Nowitschok sei bei einem Aufenthalt von Yulia Skripal in Moskau heimlich in ihrem Koffer deponiert worden - in einem Kleidungsstück, einem Kosmetikprodukt oder einem Geschenk. Als die Tochter anschließend den Vater in England besucht habe, könnte sie das Gift dem Bericht zufolge unwissentlich freigesetzt haben.

cgn/jj (afp, dpa)