Grünflächen-Streit in Jekaterinburg eskaliert | Europa | DW | 16.05.2019
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Russland

Grünflächen-Streit in Jekaterinburg eskaliert

Seit Tagen demonstrieren tausende Russen in Jekaterinburg gegen die Bebauung einer Grünfläche. Dass es bei dem Bau um eine Kirche geht, macht die Sache kompliziert. Jetzt hat sich sogar Präsident Putin zu Wort gemeldet.

Russland Jekaterinburg - Proteste gegen geplantes Protest gegen Kirchenbau (Getty Images/AFP/A. Vladykin)

Demonstranten protestieren gegen den Bau der Kirche - und reißen dabei Absperrzäune nieder

Der Konflikt schwelt seit vielen Monaten. In dieser Woche ist er offen ausgebrochen. Befürworter und Gegner des Baus einer russisch-orthodoxen Kirche in Jekaterinburgs Innenstadt stehen einander unversöhnlich gegenüber. Es kommt immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Dutzende von Anwohnern, die den Bau des Gotteshauses im zentralen Park der 1,5 Millionen Stadt verhindern wollen, sind in den letzten Tagen festgenommen worden. 

"Protest gegen herrschende Eliten"

Gegner des Baus argumentieren, dass es in der Innenstadt zu wenig Grünflächen gebe. "Und jetzt sollen diese noch kleiner werden", meint Anna Baltina, eine der Organisatoren der Proteste. Wobei sie betont, dass sie nicht gegen die Kirche sei. Sie ist, wie viele andere Anwohner, dagegen, dass überhaupt etwas an diesem "wunderbaren Ort am See" gebaut wird. Sie verlangt von der Stadt ein Referendum durchzuführen: für und gegen den Bau. "Doch die Regierenden hören nicht auf uns", beklagt die 39-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Natürlich muss mit allen Anwohnern der Stadt ein Platz gefunden werden, wo die Kirche gebaut werden soll." Es gäbe entsprechende Ideen. Doch inzwischen vertraue die eine Seite nicht mehr der anderen. Verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen werde Zeit brauchen. 

Russland Jekaterinburg - Proteste gegen geplantes Protest gegen Kirchenbau (Getty Images/AFP/A. Vladykin)

Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften

Sie stimmt dem Politologen Alexander Pirogov zu, dass es nicht nur um den Bau der Kirche gehe. "Für viele Bürger ist dies auch ein Anlass gegen die herrschenden Eliten zu protestieren", sagt der Jekaterinburger Wissenschaftler im Gespräch mit der DW. Viele Menschen seien unzufrieden. Schließlich würde sich mit dem Bau der Kirche ihre Lebensqualität verschlechtern. Jekaterinburg habe ohnehin zu wenig Grünflächen. Was aber am schwersten wiege: Die lokale Regierung ignoriere die Ansichten der Anwohner. "Sie tut noch nicht einmal so, als ob sie den Dialog mit den Menschen führen will", sagt Pirogov. Die Regierung sei unfähig, einen Dialog mit ihren Bürgern zu führen. "Die Kirche ist zur Geisel dieser Situation geworden." 

Mehr Befürworter als Gegner?

"Es gibt keinen idealen Ort, um die Kirche zu bauen", sagt der russisch-orthodoxe Priester Vater Maxim Minjajlo aus Jekaterinburg im Gespräch mit der DW. Der Ort für den Bau des Gotteshauses hätten die Architekten und die Stadt ausgewählt. Von einem Referendum unter den 1,5 Millionen Bürgern hält er wenig. "Es gibt Umfragen unter den Bewohnern der Millionenmetropole, die belegen, dass 20 Prozent der Bürger gegen und doppelt so viele für den Bau der Kirche seien."

Russland Jekaterinburg - Proteste gegen geplantes Protest gegen Kirchenbau (Getty Images/AFP/A. Vladykin)

Viele Demonstranten äußern ihren Unmut aber auch friedlich - mit dem Licht ihrer Handys

Jedes mal ein Referendum durchzuführen, wenn es um Bauvorhaben in Jekaterinburg gehe, wäre auf Dauer teuer und wenig effektiv, meint er. Bevor die Entscheidung zum Bau der Kirche getroffen wurde, habe es öffentliche Anhörungen gegeben, bei denen Befürworter und Gegner zu Wort gekommen seien, sagt Vater Maxim Minjajlo. Richtig sei, dass in den vergangenen Tagen 1500 Anwohner gegen die Errichtung des Gotteshauses demonstriert hätten. Gleichzeitig seien zum Bittgottesdienst zugunsten des Baus der Kirche über 8000 Gläubige gekommen, erklärt er. 

Schwere Geschichte der Kirchen in der UdSSR

Seit dem Untergang der Sowjetunion bemüht sich die russisch-orthodoxe Kirche darum, zumindest einen Teil jener Kirchen wieder aufzubauen, die von den Kommunisten zerstört wurden. 1914 gab es im zaristischen Russland 81.000 religiöse Gebäude, darunter Kirchen, Kapellen, Klöster. Davon sind 1987, wenige Jahre vor dem Untergang der UdSSR, 6900 übrig geblieben. Die meisten Gotteshäuser wurden zerstört, viele zweckentfremdet als Ställe, Lagerhallen, Wohnbaracken oder Parkgaragen. Aus einigen Klöstern machten die Kommunisten Gefängnisse. 

Russland | Jekaterinburg (Getty Images/AFP/J. Guerrero)

Jekaterinburg: Millionenstadt mit wenig Grün

Gleichzeitig wurden historisch gewachsene Städte wie Jekaterinburg umgebaut, gewachsene Strukturen zerstört. Jekaterinburg entwickelte sich - wie andere Metropolen im Ural - zur Industriestadt, beheimatete vor allem die Schwerindustrie. Die Bevölkerungszahl wuchs rasant. Die Kommunisten brachten die Menschen in so genannten Satellitenstädten unter, Plattenbauten, die bald verwahrlosten. Die einstige Schönheit der Stadt wurde den Bedürfnissen der Planwirtschaft und Schwerindustrie sowie der angestrebten "klassenlosen Gesellschaft" untergeordnet. Die Folge: Grünflächen verschwanden zu einem großen Teil aus der Innenstadt Jekaterinburgs.

Putin möchte Befragung

Inzwischen hat sich sogar Präsident Wladimir Putin zu den Auseinandersetzungen geäußert. "Die Kirche soll die Menschen zusammenbringen und nicht teilen", sagte er russischen Medien. Er sprach sich für eine Befragung aus. Wenn die Mehrheit der Anwohner gegen den Bau sei, könne die Kirche an einem anderen Ort gebaut werden, so Putin. Damit widersprach der Kreml der lokalen Regierung in Jekaterinburg. Diese hatte bislang zu verstehen gegeben, dass das Gotteshaus gebaut würde - unabhängig von den Protesten. Nachdem sich Präsident Putin zu dem Streit über den Kirchbau geäußert hat, ist nunmehr völlig offen, wie die Auseinandersetzung enden wird.