Goethe-Medaille für Juri Andruchowytsch | Bücher | DW | 27.08.2016
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Goethe-Medaille für Juri Andruchowytsch

In der Ukraine ist Juri Andruchowytsch einer der populärsten Schriftsteller. Bekannt wurde er durch sein Engagement bei den Maidan-Protesten. Im DW-Interview erzählt er, was für Bilder davon geblieben sind.

DW: Herr Andruchowytsch, Sie waren vor zwei Jahren unter den Demonstranten, die damals auf dem Maidan für eine Annäherung an die Europäische Union demonstriert haben. Wenn Sie heute an diese Zeit zurückdenken und daran, wie es heute in der Ukraine aussieht, was denken Sie? Ist das ein Gefühl von Stolz oder eher Enttäuschung?

Juri Andruchowytsch: Für mich persönlich ist es eher das Erste. Ich bedaure meine Teilnahme nicht, weder für diesen ganzen politischen Prozess, noch für diese Zeit. Das war eine Revolution der Würde. Und das war vor allem ein Zeichen, dass die Werte, die als Basis der Europäischen Gemeinschaft bereit gestellt wurden, immer noch lebendig sind. Diese Werte können sogar so stark wirken, dass sie Millionen von Leuten für eine gemeinsame, bürgerliche Bewegung mobilisieren.

Gleichzeitig lief das in der Ukraine mit viel Humor und Ironie ab. Das alles ist unvergesslich. Und sollte ich noch einmal in meinem Leben einen Roman schreiben, dann sollte dieser Roman vor allem darüber erzählen. Ich träume ständig davon, kann aber nicht damit anfangen.

Protestkundgebung auf dem Maidan. Foto: picture alliance /ZUMA Press/Golovniov

Noch friedlich: Protestkundgebung auf dem Maidan in Kiew/Ukraine. (28.12.2014)

Fällt Ihnen aus der Zeit damals eine Begegnung oder eine Szene ein, die Sie auf dem Maidan erlebt haben?

Oh ja, natürlich: zum Beispiel der unbekannte Klavierspieler. Das war schon die letzte Phase auf dem Maidan, wo es wirklich gefährlich war. Das war die Zeit, als die ersten Demonstranten getötet wurden. Die Leute kamen langsam zu einem anderen Modus, zum Kampfmodus sozusagen.

Und dann war da so ein unbekannter Musiker, der absolut kämpferisch ausgerüstet war, in einem Tarnanzug und mit einer Maske. Niemand konnte sein Gesicht sehen. Vor dem Kiewer Rathaus stand ein altes Klavier. Und er saß ziemlich oft an diesem Klavier und spielte Musik von Ludovico Einaudi (italienischer Komponist, Anmerk. d. Red.) oder "Imagine" von John Lennon oder Etuden von Chopin.

Das war so ein Kontrast, dieses kämpferische, militärische Aussehen und dann dieses ganz, ganz raffinierte Klavierspiel. Für mich ist das ein Symbol für das, was wir in der Ukraine hatten: Das war keine friedliche Revolution. Leider - da gab es viel Blut und viel Kampf. Und man versteht uns bis heute in Europa nicht wirklich, eben wegen dieser Gewalt dort. Man muss wirklich einen genialen Roman schreiben, um das zu erklären.

Ukraine Klavierspieler auf dem Majdan in Kiew. Foto: picture-alliance/dpa/RIA Novosti/A. Stenin

Auch andere Demonstranten nutzten die Pausen zum Klavierspielen

Sie gelten als Deutschlandkenner, haben in Deutschland gelebt, performen Ihre Texte schon mal auf Deutsch und übersetzten auch deutsche Dichter, woher kommt Ihr Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache?

Am Anfang war das nicht meine Wahl, aber ich wurde mit sieben Jahren in eine Schule geschickt in der Ukraine, wo Deutsch als die profilierende Disziplin unterrichtet wurde. Das war eine Schule mit erweitertem Deutschunterricht. Die Gedichte von Goethe haben wir schon mit neun oder zehn Jahren auswendig gelernt und gekannt, wie das "Heidenröslein" zum Beispiel. Das dauerte zehn Jahre lang und hat meiner Fantasie ein bisschen Raum gelassen.

Dass ich doch einmal die Möglichkeit bekommen kann, mit jemandem Deutsch zu sprechen, für den diese Sprache wirklich Muttersprache ist, ahnte ich damals nicht. Ende der 1970er Jahre hatte ich keine Möglichkeit, in die DDR zu fahren, von der Bundesrepublik gar nicht zu sprechen.

Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Und dann Anfang 90er bin ich zum ersten Mal nach Deutschland gefahren, als jemand, der die Gedichte von Rainer Maria Rilke übersetzt hat. Und das war für mich eine kulturelle, poetische Brücke in diese Welt, die für mich die Sprache bedeutet. In die deutsche Sprache, die ich einfach sehr mag.

Juri Andruchowytsch, Star der ukrainischen Literatur. Foto: DW/Barbara Cöllen

Gefragter Interviewpartner im Westen: Juri Andruchowytsch hier auf der Leipziger Buchmesse

Sie wurden schon mit vielen internationalen, vor allem auch deutschen Preisen bedacht. Jetzt aktuell ist die Goethe-Medaille dazugekommen - für Ihre Verdienste um die deutsche Sprache und den intellektuellen Austausch zwischen Deutschland und der Ukraine. Verstehen wir Deutschen eigentlich, wie die Ukrainer ticken?

Die Deutschen sind meiner Meinung nach in Europa die Nation, die am meisten offen für andere Kulturen ist. Was den anderen etwas bedeutet, was sie wollen, was sie denken. Ich kann das mit meiner eigenen Karriere vergleichen, wie sich das mit der Zeit geändert hat. Eine Sache war, über die Ukraine im Jahr 1992 zu erzählen und ganz anders ist das jetzt. Natürlich ist das mehr als 20 Jahre her, aber ich bin nicht unglücklich. Also ich finde, dass es im Moment in Deutschland viel, viel mehr Verständnis und Wissen bezüglich der Ukraine gibt.

Das Interview führte Alexandra von Nahmen.